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Orte Gratwanderung im Gotteshaus
Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution Orte Gratwanderung im Gotteshaus
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19:50 07.09.2019
Quelle: André Kempner

Ich betrete heiligen Raum. In mehr als einer Hinsicht. „Offen für alle“ steht einladend vor dem Hauptportal. Durch den Eingangsbereich mit Schautafeln trete ich ein. Die Nikolaikirche – Epizentrum der Friedlichen Revolution. Sie begrüßt mich hell und freundlich in ihren Farben Weiß, Rosa und Hellgrün, mit den schlanken, klassizistischen Säulen, die von einem hellgrünen Blätterdach gekrönt werden – und die ihr Echo in der Säule im Nikolai­kirchhof finden. Jene Säule neben dem Gotteshaus wurde exakt zehn Jahre danach zur Erinnerung an den 9. Oktober 1989 aufgestellt. Bildhauer Markus Gläser replizierte die Säulen im Inneren der Kirche – das Denkmal weist also den Weg nach innen, in die Kirche, in der alles begann. 

Von der Friedensdekade zu den Friedensgebeten

Wie begann es denn damals, im Herbst ’89? „Da muss man weiter zurückgehen“, sagt Frank Pörner, der die Friedliche Revolution als Mitglied der Nikolaikirchgemeinde erlebt hat und mir heute, auf einer Bank im Seitenschiff, von den Friedensgebeten erzählt. „1980 gab es die gesamtdeutsche Kirchendekade, zehn Tage im Herbst, in denen für den Frieden gebetet wurde. 

Dafür kam in Leipzig nur eine Kirche in der Innenstadt infrage.“ Warum ausgerechnet diese? Die Universitätskirche ist zu diesem Zeitpunkt bereits gesprengt. Die Thomas­kirche hat ein ganz anderes Profil als die Nikolai­kirche: Mit dem Thomanerchor steht hier Kultur im Vordergrund, das Publikum ist eher bildungsbürgerlich. „Die Nikolai­kirche war offen für solche Veranstaltungen und aktiv in der Jugendarbeit. Das war eigentlich keine Frage, dass sie der zentrale Ort für die Friedensdekade sein würde“, stellt Frank Pörner fest. 

Nach der Dekade im Jahr 1981 kommen Jugendliche zum Kirchenvorstand mit der Bitte, jetzt wöchentlich Friedensgebete abhalten zu dürfen. Ab dem folgenden Jahr wird die Kirche vom Kirchen­vorstand jeden Montag ab 17 Uhr für Gebete zur Verfügung gestellt. „Nach anfänglich hohem Interesse gingen die Teilnehmerzahlen stark zurück. Der Kalte Krieg besserte sich nicht und bis auf Erfurt und Leipzig wurden die Friedensgebete eingestellt“, erinnert sich der einstige Kirchenvorstandsvorsitzende. „In der Nikolaikirche fanden die Gebete oft in der kleinen Nordkapelle statt.“

Frank Pörner in der Nikolaikirche. Quelle: Christian Modla

Zwischen Kritik und Gebet

Dann kommt Christoph Wonneberger, ein junger Pfarrer aus Dresden. „Er war vernetzt mit vielen Gruppen, die kritisches Poten­zial hatten, aber lose im Raum schwebten. Mit ­Wonneberger war die Breite da.“ Der Pfarrer hält ab 1985 Friedensgebete, an denen sich etwa 20 Gruppen beteiligen – einige als lose Vereinigungen, andere durch das Jugendpfarramt organisiert. Da laufen Interessen auch mal gegeneinander. Frank Pörner erinnert sich an Konflikte: „Die Zielvorstellung der jungen Leute war anders als eine Stunde zu beten und wieder nach Hause zu gehen. Ein offener politischer Protest war aber noch nicht möglich. Das war manchmal schwierig für die jungen Leute, die endlich etwas machen wollten, Grenzen zu akzeptieren. Zudem: Die Stasi saß immer mit drin und wenn ein Besucher provoziert hätte, wie: ‚Setzt den Honecker ab‘, hätte einer aus der Gemeinde hingehen und sagen müssen: ‚So geht das aber nicht.‘ Für die Kirchgemeinde war es eine furchtbare Gratwanderung. Die kritischen Themen überhaupt anzusprechen, das ging nur in der geduldeten Form des Gebets.“

Ein harter Einschnitt löst die Konflikte vorerst auf: Christoph Wonneberger wird durch Friedrich Magirius, Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig-­Ost, abgesetzt. „Dafür ist Magirius beschimpft worden. Meiner Meinung nach war das aber zu diesem Zeitpunkt der einzige Weg, die Friedens­gebete als Institution in Gemeindehand aufrecht­zuerhalten“, sagt Frank Pörner. Die Gratwanderung zwischen den Arbeits- und Jugendgruppen auf der einen Seite und dem Einfluss der staatlichen Institutionen auf der anderen kommt vom Weg ab. „Heute denke ich, manches hätte demokratischer laufen müssen. Aber das war in der DDR nicht so einfach.“ Pfarrer Christian Führer steckt schließlich einen formalen Rahmen für die Friedensgebete ab, auf dieser Basis werden die verschiedenen Arbeitsgruppen wieder stärker eingebunden. 

Der Herbst ’89 beginnt hier

Wie ist aber der sprunghafte Anstieg der Besucherzahlen in Leipzig zu erklären? „Wir hatten die Besonderheit, dass wir alle integrieren wollten, auch die Ausreisewilligen, die ihre Anträge schon gestellt hatten. Von denen wollte man in Berlin meist nichts wissen, weil sie das Land verlassen und hier nichts mehr machen wollten.“ Sie kommen in Scharen. Bei dem immer größer werdenden Andrang steht schnell der Vorwurf im Raum, dass wohl kaum alle zum Beten kämen. „Das war klar. Im Herbst ’89 waren bis zu 2000 Leute in der Kirche. Das war ein Gewusel!“ Frank Pörner fragt, ob ich den Film „Nikolai­kirche“ kenne. „Die Szene, in der vorn der Pfarrer redet und alle hören andächtig zu? Das war etwas daneben. Die Leute haben sich hier angeregt unterhalten.“

Es wird diskutiert. Es wird protestiert. Inzwischen auch nach den Gebeten auf den Straßen der Innenstadt. Demonstrationszüge formieren sich. Es kommt zu Übergriffen und Festnahmen. Am 25. September thematisiert Christoph Wonneberger in seiner Predigt, was vor der Tür passiert: „Er hat zum ersten Mal ganz konkrete Dinge angesprochen. Keine Gegengewalt. Hakt euch unter, bleibt zusammen. Wenn ihr in ein Auto geladen werdet, ruft den Umstehenden noch euren Namen zu.“ Seine Zuhörer sind dankbar für die Hinweise. Denn der Pfarrer formuliert deutlich, was sie draußen zu erwarten hatten. „Indem er so klar Verhaltensweisen benennt, kann man schon sagen, das war ein Bestärken der Proteste nach den Gebeten.“

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Andere Pforten öffnen sich

Zu diesem Zeitpunkt strömen bereits an jedem Montag zahlreiche Menschen aus der Nikolai­kirche auf die Straße und fordern Veränderungen in ihrem Land. Und sie werden immer mehr. Bald reicht der Platz in der Nikolaikirche nicht mehr aus. Andere Kirchen in Leipzig springen ein. „Zuerst hat die Reformierte Kirche am 2. Oktober ihre Türen geöffnet.“ Das sei zu erwarten gewesen, denn Pfarrer Hans-Jürgen Sievers war aktiv an Aktionen der Umweltgruppen beteiligt, die sich über das Thema Umweltschutz auch für einen politischen Wandel in der DDR einsetzten. 

Er war es auch, der die Journalisten Siegbert Schefke und Aram ­Radomski vom Kirchturm aus den Demonstrationszug am 9. Oktober filmen ließ. Am 9. Oktober öffnen sich auch die Michaeliskirche am Nordplatz, die Peterskirche in der Schletterstraße, die ­Thomaskirche am Innenstadtring und die katho­lische Propsteikirche in der Emil-Fuchs-Straße. 

9. Oktober – Tag der Entscheidung

Der Tag der Entscheidung beginnt für Frank Pörner mit der Warnung seines Vorgesetzten, am Abend nicht in die Innenstadt zu gehen. „Ich sagte: Ich gehe zum Gottesdienst, das werden Sie mir doch nicht verbieten“, erinnert sich der 69-Jährige. „Das war das Gute: Sie konnten sich immer auf die Kirche berufen.“ Pörner kommt aus östlicher Richtung in die Stadt. „Alles war voll besetzt mit Armee und Kampfgruppen. Ich dachte: Jetzt gehst du da rein, aber wie du wieder rauskommst, weißt du noch nicht.“ Am Abend vorher verfasst er ein Schreiben, in dem er darum bittet, seine drei Kinder in die Obhut der Familie Führer zu geben, sollte ihm und seiner Frau etwas passieren. 

Unsicherheit liegt in der Luft. „Wir waren aufgeregt, es blieb im Inneren der Kirche nicht ruhig. Wir wussten nicht, was draußen passiert, nur ab und zu sahen wir Blaulicht durch die Fenster. Es war eine gespenstische Atmosphäre.“ Die Demonstration nach den Friedensgebeten verläuft friedlich. Diese Erleichterung vergisst Frank Pörner nicht. „Ab diesem Abend konnte ich wieder schlafen. Was danach alles passierte, hat mich nicht mehr so überrascht.“ 

Erinnern, aber ohne Legenden

Die Friedliche Revolution findet bald ihr Ende, die Friedensgebete hingegen finden bis heute statt. Auch sie werden von verschiedenen Gruppen organisiert. „Es ist mir wichtig, dass wir als Nikolai­kirchgemeinde nicht den Anspruch erheben, hier die Revolution gemacht zu haben. Wir haben den Akteuren, den verschiedenen Gruppen, einen Raum gegeben, in dem sie stattfinden konnte“, erklärt Frank Pörner. „Keine der beiden Seiten konnte ohne die andere.“ Dass die öffentliche Darstellung in der Erinnerung oft einseitig sei, stört ihn. Deswegen gibt es in der Nikolaikirche auch nur Führungen durch Mitglieder der Gemeinde. „Wir möchten nicht, dass Legenden verbreitet werden.“ Aber das Erinnern an die Friedliche Revolution, das bleibt hier erhalten und wird gern weitergegeben.

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Juliane Groh