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Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution Themen „Man müsste sich an die Menschen wenden“
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15:31 12.10.2019
Thomas Ahbe, Roland Wötzel, Bernd-Lutz Lange, Kurt Meyer und Sascha Lange erinnern im Mendelssohn-Saal an den Aufruf der „Leipziger Sechs“. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Wenn weit nach Veranstaltungsende die Bürger in einem Gewandhaus-Foyer noch mit einem Glas Wein um den Büchertisch stehen, dann gibt es Redebedarf. So war das am Donnerstagabend vor dem Mendelssohn-Saal nach einem langen Blick in die Vergangenheit und einem kritischen auf die Gegenwart und der Erkenntnis, dass Revolutionen an kaputten Autos scheitern können.

Der offizielle Teil ist mit stehenden Ovationen zu Ende gegangen – Anerkennung für Protagonisten eines Ereignisses, das als Friedliche Revolution in die Festtagsreden eingegangen ist – erst am Mittwoch wieder nebenan im großen Gewandhaus-Saal, als zum 30. Jahrestag die Gratulanten vor lauter Freude über den gelungenen Wandel das Wichtigste vergaßen: die „Leipziger Sechs“ zu erwähnen und in diesem Zusammenhang den damaligen Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, der dem Aufruf seine Stimme gab.

Vorbereitete Eskalation

Umso besser also, dass sie einen Tag später beim 2. Kurt-Masur-Forum auf dem Podium des ausverkauften Saals sitzen: Bernd-Lutz Lange, Kurt Meyer und Roland Wötzel. Die andern beiden, Jochen Pommert und Kurt Masur, leben nicht mehr.

„Wir wissen nicht, ob der Theologe Peter Zimmermann heute im Saal ist“, sagt Lange, und „damit wären dann alle Namen genannt, die damit zu tun hatten“. Zu tun hatten mit jenem Aufruf, der am Abend des 9. Oktober 1989 die vorbereitete Eskalation verhindern half und die Montagsdemonstration der Leipziger friedlich bleiben ließ.

Beinahe ausgebremst

Wie unwahrscheinlich das war, macht noch einmal der Historiker Sascha Lange deutlich, der gemeinsam mit dem Soziologen Thomas Ahbe die drei rahmt. Er liest, „für alle, die das Glück hatten, nicht dabei sein zu müssen“, aus den Plänen der Polizei, die schon in der Sprache befremden und sowieso mit der geplanten Gewalt. Das Blutvergießen in einer Verkettung von Mut, Verweigerung und Glauben abgewendet zu haben, ist ein Verdienst natürlich auch der drei damaligen SED-Bezirkssekretäre Meyer, Pommert und Wötzel.

„Man müsste sich an die Menschen wenden“ – das war die erste Idee. Meyer und Wötzel lassen, von Lange moderiert, den Tag Revue passieren, den Widerstand gegen die Genossen, das Treffen bei Masur, die Rückfahrt in die Innenstadt, wo sie von kaputten Autos ausgebremst wurden, dann aber doch rechtzeitig den gemeinsamen Aufruf verteilen und an den Stadtfunk geben konnten.

4000 Wortmeldungen

Die Beteiligung dieser Ex-Funktionäre an Erinnerungs-Auftritten in Frage zu stellen, wie es seit Jahren immer wieder aufflammt, ist selbstgerecht und ignoriert nicht zuletzt den einstigen Wunsch nach freiem Meinungsaustausch und Dialog. Jene Diskussionen, an denen ab 14. Oktober ’89 insgesamt 9000 Leipziger teilnahmen, von denen sich 4000 zu Wort meldeten, begannen im Kabarett Academixer, wurden fortgeführt in Gewandhaus, Moritzbastei, Universität.

Es gab „so unglaubliche Forderungen wie die, dass Leitungsfunktionen nach Kompetenz besetzt werden“, sagt Bernd-Lutz Lange. Daran tatsächlich geglaubt zu haben, quittiert das Publikum sich selbst mit Heiterkeit.

„Redefreiheit“ heißt das Buch, das Thomas Ahbe, Michael Hofmann und Volker Stiehler im Universitätsverlag herausgegeben haben, in dem sie die öffentlichen Debatten der Bevölkerung im Herbst ’89 dokumentieren. Sie zeugen von einerDifferenzierung, die in der „glatten Revolutionserzählung eingeebnet“ wurde.

Charlie Parker und Till Eulenspiegel

Angesichts von Sprachlosigkeit und Redebedarf ließe sich der Bogen in die Gegenwart schlagen, doch das ist nicht Thema dieses Abends. Der setzt im Juni ’89 ein, als das Leipziger Straßenmusikfestival von den „Sicherheitsorganen“ gewaltsam aufgelöst wurde. Masur lud daraufhin zum Gespräch ins Gewandhaus, was er später als Generalprobe für das Probieren des aufrechten Gangs bezeichnete.

Der Saxofonist Frank Nowicky war es, der damals Charlie Parkers „Donna Lee“ spielte – so wie er es jetzt wieder tut. Dass Masur am 9. Oktober im großen Saal „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss dirigiert hat – daran erinnert 30 Jahre später das „Orchester der Sächsischen Musiker“.

Im Schlusswort schaut Bernd-Lutz Lange auf „die Schnapsidee der zugezogenen Neuleipziger“, das „zentrale Nichts“ des Wilhelm-Leuschner-Platzes zum Platz der Friedlichen Revolution zu ernennen. So endet das Gespräch mit dem Gefühl, fortgesetzt werden zu müssen. Am Büchertisch wird noch lange signiert.

Lektüre-Tipp: Thomas Ahbe, Michael Hofmann, Volker Stiehler (Hg.): Redefreiheit. Leipziger Universitätsverlag; 751  Seiten, 39,90 Euro

Bernd-Lutz Lange, Sascha Lange: David gegen Goliath. Erinnerungen an die Friedliche Revolution. Aufbau Verlag; 221 Seiten (mit 36 Abb.), 18 Euro

Am Sonntag, 13. Oktober, wird um 17 Uhr im Internationalen Kurt-Masur-Institut die Ausstellung „Wir alle brauchen einen friedlichen Meinungsaustausch“ eröffnet, Goldschmidt-Str. 12; der Eintritt ist frei, Anmeldung per Mail an: info@masur-institut.de

Von Janina Fleischer

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