Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
30 Jahre Friedliche Revolution Was Bürgerrechtler bei der Besetzung der Leipziger Stasizentrale erlebt haben
Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution Was Bürgerrechtler bei der Besetzung der Leipziger Stasizentrale erlebt haben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:01 04.12.2019
Die Besetzung der Runden Ecke am 4. Dezember 1989. Quelle: LVZ-Archiv/Martin Naumann
Leipzig

Am Tag nach der Besetzung der Runden Ecke informierte Leipzigs Stasichef Manfred Hummitzsch seine Abteilungsleiter über die Ereignisse der vorangegangenen Nacht. Am Ende stellte er resignierend fest: „Gesetzliche Grundlage? Wille des Volkes.“ Und in der Leipziger Volkszeitung war zu lesen: „Empörung über die Verbrechen am Volk. Räume und Archive durch Staatsanwalt versiegelt. An allen Zugängen des Gebäudekomplexes verharrten Tausende bis in die Mitternachtsstunden, um zu sichern, daß keine Dokumente beiseite geschafft werden konnten.“

30 Jahre Friedliche Revolution – Themen rund um das Jubiläumsjahr

Zahlreiche spannende Zeitdokumente und Beiträge, eine Chronik und viele Porträts lesen Sie im Special auf lvz.de.

Der Tisch der Leipziger Sechs.

Die Leipziger Sechs und ihr Aufruf zu Gewaltfreiheit und Dialog.

Demonstrationen in Leipzig: Von St. Nikolai in die Freiheit.

Der Pfarrer vom 9. Oktober in Leipzig.

Erste Stasizentrale in Erfurt besetzt

Was bis heute legendenhaft als „Sturm auf die Runde Ecke“ bezeichnet wird, war die von Bürgerrechtlern ausgehandelte Besetzung der Dienstgebäude der Staatssicherheit am Abend des 4. Dezember 1989. Im Laufe des Montags, an dem wieder bis zu 150 000 Menschen auf dem Innenstadtring demonstrierten, hatte es Verhandlungen gegeben. Zuvor war es am Morgen in Erfurt zur erstmaligen Besetzung einer Stasizentrale gekommen. Das hatte sich herumgesprochen. Auch verstärkte sich das Gerücht, dass die Stasi permanent Akten vernichten würde. Also forderten die Demonstranten in Leipzig zu handeln. Zu den Organisatoren gehörten die Bürgerrechtler Rita Selitrenny, Thomas Rudolph und Michael Arnold.

4. Dezember 1989: Besetzung der Runden Ecke. Dritter von rechts am Tisch: der damalige Leipziger Stasichef Manfred Hummitzsch. Quelle: LVZ-Archiv/Martin Naumann

Stasi-Offiziere müssen Rede und Antwort stehen

Rita Selitrenny besaß wegen ihres schwerkranken Vaters einen Telefonanschluss, was wesentlich dabei half, die Besetzung vorzubereiten. Gegen 18.30 Uhr konnten 30 Bürgerrechtler und danach Vertreter der Leipziger Medien das Dienstgebäude am Dittrichring betreten. MfS-Offiziere mussten den Besetzern Rede und Antwort stehen.

Auflösung der Staatssicherheit in Leipzig vereinbart

Einer der „Manager“ der Aktion war Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, der später als Stasispitzel enttarnt wurde. Bereits am 6. Dezember traf das Leipziger Bürgerkomitee mit Vertretern der Regierung eine Abmachung zur Auflösung der Staatssicherheit im Bezirk Leipzig und zur Aufarbeitung der sichergestellten Dokumente. Das ist für Tobias Hollitzer – der heutige Leiter des Museums in der Runden Ecke gehörte vor 30 Jahren zu den Erstbesetzern – eines der „revolutionärsten Dokumente des Herbstes 1989“.

„Anblick der Waffenkammer noch heute vor Augen“

Rita Selitrenny, jüngst für ihre Verdienste als Bürgerrechtlerin und besonders bei der Auflösung der Stasi mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, gehörte am Abend des 4. Dezember 1989 zu den Bürgerrechtlern, die die Leipziger Stasi-Kreisdienststelle in der Gustav-Mahler-Straße besetzten. „Ich bin in diese Aktion mehr reingestolpert, als dass strategisches Handeln dahinter stand. Ich war in kirchlichen Kreisen gut vernetzt und engagierte mich in der Initiative für Frieden und Menschenrechte. Uns führte ein Pfarrer, wie sich später herausstellen sollte ein IM, in das Gebäude. Die tristen Gänge fand ich schockierend, und als eine der Türen aufging, war das die zur Waffenkammer. Den Anblick habe ich noch heute vor Augen.“ Tobias Hollitzer traute dem eigenen Erleben nicht: „Säcke voll mit privater Originalpost. Ich fragte mich: Bis du hier in einem Postamt?“

Infolge der Besetzung führte Rita Selitrenny als Mitglied des Bürgerkomitees Gepräche mit den Obristen, wirkte am Runden Tisch mit und war eine maßgebliche Erarbeiterin des am 29. Dezember 1991 in Kraft getretenen Stasiunterlagengesetzes, auf dessen Rechtsgrundlage die sogenannte Gauck-Behörde ihre Arbeit aufnahm – und seither arbeitet.

Kritik an Auflösung der Behörde

Den sich nun abzeichnenden neuen Strukturen (die Akten werden wohl dem Bundesarchiv zugeordnet) steht Rita Selitrenny, die nach 1990 Politikwissenschaften studierte und promovierte, skeptisch gegenüber: „Mit der Behörde wird auch das Gesetz abgeschafft.“ Den aktuellen Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen Roland Jahn sieht sie im aktuellen Kontext nicht minder kritisch: „Er ist sehr aktiv bei der Auflösung der eigenen Behörde.“

4. Dezember, 19 Uhr, Museum Runde Ecke (Kinosaal): Zeitzeugengespräch zu 30 Jahre Stasi-Besetzung; www.runde-ecke-leipzig.de

Von Tom Mayer

Trotz Angst vor Waffengewalt sind vor mehr als 30 Jahren 70.000 Menschen in Leipzig auf die Straße gegangen – und haben friedlich demonstriert. Ein Zeitzeuge erinnert sich an die beeindruckenden Momente.

08.11.2019

Im Oktober 1989 erlebt Ralf Kohde als junger Bereitschaftspolizist Gewalt in den eigenen Reihen. „Wenn das als vorbei ist, werde ich erzählen was hier los war“, sagt er damals. Die Gelegenheit dazu sollte früher kommen, als gedacht.

18.10.2019

Der 9. Oktober 1989 ist vorbei, aber die Leipziger demonstrieren weiter. Eine Woche später am 16. Oktober kommt Andreas Voigt als erster DDR-Filmer nach Leipzig. Er trifft auf Demonstranten, Bürgerrechtler, Bereitschaftspolizisten und Arbeiter. Die Multimedia-Reportage präsentiert ein eindrucksvolles Zeitdokument.

16.10.2019