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Köpfe Zeitreise in der Mittagspause – vom Glanz vergangener Zeiten
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19:09 16.06.2015
Für Daniela Neumann mehr als nur ein Park: Der Palmengarten am Elsterbecken hat eine mehr als hundertjährige Geschichte. Quelle: Robin Theodor Schäfer
Leipzig

Es herrscht reges Treiben im Palmengarten. Zahlreiche Leipziger haben sich in Schale geworfen. In feinster Sonntagskleidung – die Damen tragen bunte Kleider und geschmückte Hüte, viele Herren Anzug und Zylinder – flanieren sie über den großen Vorplatz des Gesellschafts- und Palmenhauses. Der prächtige Gebäudekomplex besteht aus einem schlossartigen Hauptbau mit vier Türmen und halbrunden Glasfronten sowie einem langgezogenen 15 Meter hohen Glasgewächshaus. Im angrenzenden Park entspannen die Besucher bei Konzerten, Ruderbootfahrten und bei Spaziergängen entlang der geschwungenen künstlichen Flussläufe mit ihren zierlichen Steinbrücken. So etwa muss es Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Gelände westlich des Elsterbeckens ausgesehen haben.

Heute ist von der Geschichte des Palmengartens nur noch wenig zu sehen. Der Park wurde 1936 verkleinert und das Prachtgebäude nur drei Jahre danach gesprengt, um Platz für eine Reichsausstellung zu machen, die wegen des Kriegsausbruchs nie stattfand.

Der Palmengarten in Lindenau verfügte einmal über ein prächtiges Gesellschafts- und Palmenhaus. Historische Ansichten zeigen, wie es in dem Park von rund 100 Jahren aussah.

An die Geschichte des Geländes erinnert nur noch der Name. Daniela Neumann möchte das ändern. Seit etwa zwei Jahren forscht sie in ihrer Freizeit über das Areal, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sie arbeitet und wohnt. Inzwischen hat sie über 100 historische Postkarten gesammelt, viele alte Pläne gefunden und zahlreiche Veröffentlichungen durchforstet. Dabei hat sie eine bemerkenswerte Verbindung zwischen der HHL und dem Palmengarten entdeckt: Im Wintersemester 1901/1902 hatten die Studenten der damaligen Handelshochschule freien Eintritt zu dem Gelände.

Die Suche nach Informationen liegt der 43-jährigen Diplom-Bibliothekarin im Blut. „Es ist spannend herauszufinden, was es alles gab und wie es damals war – immer wieder entdecke ich etwas Neues“, erzählt sie bei einem Spaziergang durch den Palmengarten, in der Hand einen historischen Plan des Geländes. Sie liebt diesen Ort, der noch immer versteckte Zeugnisse der Geschichte birgt und glaubt, dass der Grundriss des alten Palmengartenhauses noch immer zu erkennen ist. Eine ungemähte Wiese am westlichen Rand des heutigen Parks liegt dort, wo das Gebäude eingezeichnet wurde. Dann zeigt Daniela Neumann noch einen eisernen Pavillon, das ehemalige Kassenhäuschen, und fast versandete Steinbrücken – sie alle erinnern an die Blütezeit des Palmengartens.

Inzwischen hat Daniela Neumann so viel herausgefunden, dass sie bald Führungen anbieten wird: „Der Palmengarten wartet auf seine Wiederentdeckung.“ Bis dahin genießt sie, dass der Park „nicht zu überlaufen ist“. Wenn sie selbst in der Mittagspause oder am Wochenende ihren Lieblingsplatz besucht, hat sie immer eine historische Karte des Geländes dabei – es könnte ja sein, dass ihr ein Detail entgangen ist.

Robin Theodor Schäfer