Sachsens Kleingärtner flüchten Ostern vor Corona ins Grüne
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Coronavirus Sachsens Kleingärtner flüchten Ostern vor den Viren ins Grüne
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12:04 10.04.2020
Glück im Grünen: Die Sachsen suchen es besonders zu Ostern im Schrebergarten. Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa
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Reichenbach

Frühlingshafte Temperaturen und reichlich Sonnenschein locken über Ostern unzählige Menschen raus ins Freie. Wie sich Sachsens Kleingärtner mit Corona-Krise und Ausgangsbeschränkungen arrangieren, schildert der Präsident des Sächsischen Landesverbandes der Kleingärtner, Tommy Brumm (53) aus Reichenbach im Vogtland.

Vielen fällt daheim schon die Decke auf den Kopf. Geht Ihnen das auch so?

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Zum Glück nicht. Im Garten gibt es jetzt im Frühjahr viel zu tun. Und die Pächter der rund 200 000 von unserem Verband vertretenen Kleingärten sprühen sicher ähnlich vor Tatendrang.

Was spricht denn für so eine Oase im Grünen?

Einen Garten bewirtschaften bedeutet, sich sinnvoll zu beschäftigen, Verantwortung für Pflanzen zu übernehmen. Es ist ein guter Ausgleich zum Stress oder der Monotonie des Alltags. Der Aufenthalt in vertrauter Umgebung inmitten der Natur ist ein echtes Privileg, das in Corona-Zeiten wie diesen nicht hoch genug zu schätzen ist. Sich zum Teil selbst versorgen zu können, ist noch ein angenehmer Nebeneffekt.

Große Osterfeuer und Feste müssen in diesem Jahr ausfallen. Wie schwer trifft Sie das?

Notgedrungen müssen und können wir mit den Ausgangsbeschränkungen leben. Es ist auch für Sachsens Kleingärtner der größte Umbruch seit Neugründung des Verbandes 1990. Eigentlich gab es solche Einschränkungen nicht mehr nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber wir fühlen uns als Kleingärtner von der Regierung durchaus anerkannt und sind mit den getroffenen Regelungen zufrieden. Unter den gegebenen Umständen ist es das Maximum an Bewegungsfreiheit, das uns ermöglicht wurde.

Über die Feiertage sind die Gärten voll: Befürchten Sie Gartenpartys oder andere Verstöße?

Bisher hat es für solche Befürchtungen keinen Anlass gegeben. Unsere Vorstände wirken durch Gespräche, Aushänge und Rundschreiben darauf hin, dass sich alle an die für Kleingärtner schon recht weich formulierten Regeln halten und nur zu zweit oder im Familienkreis Ostern feiern. Ich denke, die meisten haben verstanden, was auf dem Spiel steht. Schließlich geht es um nicht weniger als um ihre und die Volksgesundheit.

Werden Parzellen aus Angst vor Corona aufgegeben?

Nein, im Gegenteil. Vor allem in und um Großstädte wie Chemnitz, Dresden und Leipzig registrieren wir eine spürbar gestiegene Nachfrage. Auch junge Leute sehen sich nach einem Flecken im Grünen um, den sie bewirtschaften können. Wir hoffen, dass sich dieser Trend nachhaltig fortsetzen lässt. Leider werden in gefragten Lagen immer mehr Kleingärten als Baugrundstücke entdeckt. Dagegen wehren wir uns als Verband und versuchen, jede Anlage zu halten.

Sind unter den angehenden Schrebern auch Menschen mit Migrationshintergrund?

Ja, etliche, und darüber sind wir sehr froh. Ob Afghanen, Syrer oder Weißrussen - jeder wird akzeptiert und angenommen, der sich an die Satzungen hält. Für Migranten ist die Gartengemeinschaft eine ideale Möglichkeit, sich schnell einzuleben und Kontakte mit Einheimischen zu knüpfen.

Auf dem Lande geht der Trend wohl eher abwärts?

Da bricht durch Abwanderung und demografischen Wandel leider vieles weg. Manche Vereine sind mit Rückbauten überfordert und auf staatliche Hilfen angewiesen. Wegen der exorbitanten Kosten zur Abfederung der Corona-Folgen geht bereits die Angst um, dass für kleingärtnerische Zwecke kein Geld mehr da ist. Wir wollen uns als Verband dafür stark machen, dass nicht an falscher Stelle gespart wird.

Apropos Sparen: In Sachsens Gartenmärkten wird man sein Geld schwer los …

Im Gegensatz zu den großen Bau- und Gartenmärkten sind heimische Gärtnereien, die selbst produzieren, weiter geöffnet. Da ich ein Freund regionaler Produkte und einheimischer Sorten bin, finde ich diese Rückbesinnung durchaus von Vorteil. Gartenfreunde bekommen dort fachkundige Beratung, die ihresgleichen sucht. Außerdem haben sich einheimische Gartenbetriebe auch dem Schutz alter Obst- und Gemüsesorten verschrieben, die man im Supermarkt vergeblich sucht. Hinzu kommt, dass Hobbygärtner derzeit mehr als sonst versuchen, eigene Pflanzen zu ziehen. Ich kann nur hoffen, dass sie dabei bleiben.

Wie bleiben Sie im Verband in Verbindung?

Nach kleinere Startschwierigkeiten laufen unsere Vorstandssitzungen nun über Videokonferenzen aus dem Home-Office. Was vorher aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit kaum genutzt wurde, bietet etliche Vorteile. Zeit und Kosten für die Fahrerei quer durch Sachsen werden gespart, und die Umwelt wird weniger geschädigt. Ich denke, dass wir dieses effiziente Verfahren auch dann beibehalten werden, wenn das Corona-Virus längst unschädlich gemacht ist.

Von Winfried Mahr