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DOK Leipzig Leipzigs Dokwoche beginnt mit Weltpremiere: „Das Forum“ von Marcus Vetter
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22:19 28.10.2019
Eröffnungsfilm „Das Forum“ von Marcus Vetter: Klaus Schwab (l.), Gründer des Weltwirtschaftsforums Davos, und Kanadas Premierminister Justin Trudeau. Quelle: WEF/Pierre Johne
Leipzig

Er hat dem Club of Rome die erste große Plattform gegeben. Er hat 1973 an Helder Camara, Theologe der Befreiung aus Brasilien, trotz Boykottdrohung festgehalten – und erlebte mit Arafat seine größte Enttäuschung: Statt einer Versöhnungsgeste eine Rede voll von Hass gegen Schimon Peres, den Israeli. Für Klaus Schwab, den 81-jährigen Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, ein nachtdunkle Stunde. Er wurde vom Palästinenser reingelegt.

Sprechen müsse man auch mit Menschen wie Jair Bolsonaro

Marcus Vetter („Das Herz von Jenin“), der deutsche Dokumentarist, hat ausführlich mit Klaus Schwab geredet, ist mit ihm gereist, durfte hinter die Kulissen seiner Erfindung im Schweizer Wintersportort und seinem Genfer Hauptquartier sehen. „Das Forum“ heißen – so schlicht wie bescheiden – seine Erkundungen, Beobachtungen und Erinnerungen, gedreht im prächtigen Kinoformat Cinemascope. Die Stars heißen Trump, Macron, May, Merkel, aber auch Jennifer Morgan, Chefin von Greenpeace. Und – natürlich – Klaus Schwab, der Motor hinter allem. „Reden und reden lassen ist absolut nötig für den Zusammenhalt unserer Welt“, ist er sich sicher.

Zuhören sei wichtig fürs gegenseitige Verstehen. So nobel hält er es mit allen. Auch mit Jair Bolsonaro, Ex-Militär, Präsident und Vernichter des Amazonaswaldes. Der steht bei einem Empfang nach seiner Rede isoliert am Rand. Jennifer Morgan spricht ihn an, auch Al Gore. Bolsonaro wirkt unsicher – und bekennt sich zum Regenwald. Jeder weiß: Er lügt. Klaus Schwab ist ratlos: „Klar gesagt: Wie soll man mit Menschen wie Bolsonaro sprechen?“ Aber sprechen müsse man.

Einer, der noch Träume hat

Greta Thunberg trägt ihr berühmtes Schild „Klimastreik“ auch in Davos, ein Actic Base Camp wird aufgeschlagen. Es geht um Plastik im Ozean, während Jane Goodall beklagt, dass die intelligentesten Wesen auf dem Planeten diesen Planeten zerstören. Klaus Schwab reist nach Ruanda, wo Zipline mit Drohnen Medikamente in unwirtliche Gebiete fliegt. In Hanoi, beim Asean-Gipfel, spricht er diplomatisch mit Aung San Sun Kyi über die Rohingya-Katastrophe in Myanmar. Ein Brückenbauer. Einer, der Unternehmen, auch umstrittene wie Monsanto, mit Kritikern zusammenbringt. Einer, der einen Traum hat. Auch, wenn der Davos-Gipfel für Greenpeace eher ein Alptraum ist. Klaus Schwab spricht von der Generation Krise, hofft trotzdem – und macht einfach weiter. Credo: „Wir müssen grundsätzlich über unsere Existenz nachdenken.“

Ein Eröffnungsfilm, der zur Dokwoche passt– im filmischen Handwerk, im Thema, das nicht besserwisserisch, sondern neugierig angegangen wird, in der Öffnung des Blicks, in der Balance der Meinungen und der oft hintergründigen Bilder, die intelligent montiert sind. So etwas bleibt im Gedächtnis. Weil es nicht vorkaut, sondern Hinsehen einfordert. Trotz der zwei Stunden eine kurzweilige Reise.

Ein Trailer, der Rätsel aufgibt

Es hätte ein perfekter Abend werden können, wenn, ja wenn nicht vor dem Eröffnungsfilm zum dritten Mal ein völlig krauser Trailer – natürlich ohne jede Taube - gequält hätte: Gebilde und Gegrummel. Gratulation dem, der verstanden hat, was diese tönende Kopfgeburt bedeuten sollte. Vielleicht eine Illustration der Binse „Alles fließt“? Mit Dokumentarkino hatte das jedenfalls nichts zu tun. So begann reichlich unverständlich das Abschieds-Festival von Leena Pasanen. Die Chefin, die irgendwie niemals wirklich heimisch wurde in der Stadt, die verändern wollte, aber an den falschen Stellen ansetzte.

Dass sie in den letzten Jahren Mut bei einigen Filmen zeigte („Montags in Dresden“, „Lord of the Toys“), ist ihr durchaus hoch anzurechnen, weniger das fatale Vermengen von Dok- und Animationsfilm. Diese Rückkehr in DDR-Zeiten war absehbar eine Sackgasse. Ob die Einführung einer Quote für Regisseurinnen etwas gebracht hat, wird dieses Jahr wohl exemplarisch der Deutsche Wettbewerb zeigen: acht von zehn Produktionen sind weiblich. Die Taube dieses Wettbewerbs stiftet erstmals Michael Kölmels Leipziger Weltkino Filmverleih (10 000 Euro).

Stadt Leipzig bekennt sich zum Dok-Festival

Leena Pasanen redete – mit Blick auf ihre fünf Jahre an der Spitze des Festivals – etwas nebulös von Differenzen mit der Stadt Leipzig. Worauf Kultur-Bürgermeisterin Skadi Jennicke mit einem Bekenntnis zum Festival reagierte: Dauerhaft sei der städtische Zuschuss nunmehr erhöht, in der Hoffnung, dass auch Sachsen als zweiter großer Geldgeber nachzieht. Als dieser Satz fiel, hatte Eva-Maria Stange, die sächsische Ministerin für Kultur und Wissenschaft, ihre Begrüßung allerdings bereits absolviert – mit ihrem erstmals vergebenen Preis. Den überreichte Katja Wildermuth, Jurymitglied und MDR-Programmchefin, an Godisamang Khunou aus Südafrika für „Black Woman Sex“.

Erstmals wird ein Work-in-Progress-Preis vergeben

Nicht die einzige Preispremiere. Auch der Fachbereich Dok Industry (52 Fachveranstaltungen, über 2000 Gäste), in der das Leipziger Festival versucht, international Filmemacher, Produzenten, Unterstützer und Verleiher zu verbinden, vergibt erstmals seinen Work-in-Progress-Preis (10 000 Euro). Eingeladen wurden sieben deutsche Projekte, die noch einen internationalen Vertriebspartner suchen.

Von Norbert Wehrstedt

Nach fünf Jahren verlässt Leena Pasanen, die Leiterin des Dokfilm-Festivals, Leipzig. Ihre Amtszeit polarisierte. Kurz vor ihrem Weggang kritisiert sie Abläufe in der Stadt.

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