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Die Akte Unister „Lebenswerk zerstört“ – Verteidiger fordern Freispruch für Unister-Manager
Thema Specials Die Akte Unister „Lebenswerk zerstört“ – Verteidiger fordern Freispruch für Unister-Manager
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21:22 29.11.2017
Prozess im Landgericht Leipzig wegen Steuerhinterzeihung (Unister) gegen die Angeklagten Daniel Kirchhof (rechts) und Holger Friedrich. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es ist ein emotionaler Schlusspunkt des 40 Verhandlungstage dauernden Strafprozesses gegen zwei ehemalige Manager des früheren Leipziger Internetunternehmens Unister. Die beiden Angeklagten, der einstige Gesellschafter Daniel Kirchhof (40) und der Ex-Direktor der Flugsparte, Holger Friedrich (52), wandten sich in kurzen persönlichen Worten an die 15. Strafkammer. „Das Verfahren hat mich körperlich, gesundheitlich und finanziell belastet. Es war existenzgefährdend und ist auch noch nicht vorbei. Mein Lebenswerk ist zerstört“, erklärte Kirchhof mit zittriger Stimme. Der vierfache Familienvater musste gerade sein Haus in Markkleeberg verkaufen, um Zinsen und Schulden zu begleichen.

Friedrich war auch einen Tag nach dem Plädoyer der Generalstaatsanwaltschaft noch wütend. Anklagevertreter Dirk Reuter hatte für ihn zweieinhalb Jahre Gefängnis beantragt. „Das habe ich so nicht erwartet, Tatsachen wurden einfach passend gemacht. Ich kann nur hoffen, dass das Gericht die Situation richtig einschätzt“, so Friedrich.

77 Seiten starker Schlussvortrag von Kirchhofs Anwalt

Am letzten Verhandlungstag hatten sonst die Verteidiger das Wort. Kirchhofs Anwalt, Arndt Hohnstädter, plädierte mehr als drei Stunden und verlas einen 77 Seiten starken Schlussvortrag. In einer vorangestellten Polemik griff er den Oberstaatsanwalt scharf an. Reuter hatte am Vortag betont, dass Unister der „rechtliche und moralische Kompass“ gefehlt habe. „Was ist denn die Kompassnadel von Herrn Reuter“, fragte Hohnstädter. Die Generalstaatsanwaltschaft betreibe Zauberei mit Worten.

Anschließend versuchte der Verteidiger die Vorwürfe gegen Kirchhof zu entkräften und stellte ihn als kleines Licht im weit verstrickten Geflecht von Unister dar. „Mein Mandant war kein Geschäftsleiter und sollte es auch nicht sein“, so Hohnstädter. Mit seinem Gesellschafteranteil von 18 Prozent habe er auch dem über allem thronenden Firmengründer und Unternehmenschef Thomas Wagner keine Anweisungen geben können. Hohnstädter forderte Freispruch für Kirchhof und kündigte für den Fall einer Verurteilung die Revision an. Der 40-Jährige muss sich wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs, Steuerhinterziehung und unerlaubten Vertriebs von Versicherungen verantworten.

Angeklagte wollen Freispruch

Einen Freispruch will auch Friedrichs Anwalt erreichen. Der renommierte Frankfurter Wirtschaftsstrafverteidiger Thomas Filler plädierte ebenfalls rund drei Stunden, nur mit einigen Stichworten in der Hand, in freier Rede. „Wir entscheiden hier über das Leben eines Familienvaters und unbescholtenen Geschäftsmannes“, erklärte Filler. Er zeichnete das Bild eines gewissenhaften Managers, der im Flugbereich alle Kniffe kenne, das Portal fluege.de groß gemacht habe und heute noch für den Unister-Nachfolger Invia als gefragter Fachmann arbeite.

In rechtlichen Fragen sei Friedrich aber unerfahren. Das falle ihm nun auf die Füße. Friedrich muss sich wegen des sogenannten Runterbuchens verantworten, einer nachträglich erfolgten Preisoptimierung von Flugscheinen, die dem Kunden verborgen blieb. In einem Punkt stimmte Filler aber der Anklage zu: „Unister war überfordert.“ Wenn die Rechtsabteilung nicht so gepennt hätte, stände sein Mandant heute nicht vor Gericht. Dieser Makel könne ihm aber nicht zugerechnet werden.

Und überhaupt: Die Argumente der Anklage, wonach das Runterbuchen den Tatbestands des Betrugs erfülle, greife nicht. Diese Praxis werde seit rund 40 Jahren in der Reisebranche angewendet und bisher habe niemand deshalb ermittelt. „Herr Friedrich wäre der Erste auf dem Planeten Erden, der deshalb verurteilt würde“, so Filler.

Verteidiger attackiert Generalstaatsanwaltschaft

Der Verteidiger mit 30 Jahren Berufserfahrung attackierte sowohl die Generalstaatsanwaltschaft als auch die Kammer. Die Razzia in ihren Geschäftsräumen vor nunmehr fünf Jahren sei völlig überzogen gewesen, habe Unister zum Freiwild erklärt und vor der Branche an den Pranger gestellt. „Ging es da um Massenmord und Kriegsverbrechen? Nein, um Flexifly und Runterbuchen“, formulierte Filler scharf.

Der Kammer warf er das Tempo im Verfahren vor. Zahlreiche Beweisanträge der Verteidigung seien abgelehnt worden. Filler vermutet einen Grund dafür: Der Prozess soll so schnell wie möglich zu Ende gebracht werden, weil der Vorsitzende Richter Volker Sander zum Bundesgerichtshof gewählt wurde und demnächst nach Karlsruhe wechselt. Unister ist sein letzter Fall in Leipzig.

Das Urteil soll am kommenden Montag um 11 Uhr am Landgericht an der Harkortstraße gesprochen werden.

Matthias Roth

Im Prozess gegen zwei ehemalige Manager des Leipziger Internetfirma Unister hat die Generalstaatsanwaltschaft am Dienstag Haft- und Bewährungsstrafen gefordert. Die beiden Angeklagten sollen zudem hohe Geldstrafen zahlen.

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