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Ein Licht im Advent Bahnhofsmission Leipzig – Ort der Begegnungen und Schicksale
Thema Specials Ein Licht im Advent Bahnhofsmission Leipzig – Ort der Begegnungen und Schicksale
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09:01 23.11.2019
Carlo Arena, seit sechs Jahren Leiter der Bahnhofsmission Leipzig. Quelle: Mark Daniel
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Leipzig

Bei der Aktion „Ein Licht im Advent“ unterstützen LVZ-Leser in diesem Jahr dieBahnhofsmission Leipzig. Über deren Arbeit, Ziele und gesellschaftliche Veränderungen sprachen wir mit Leiter Carlo Arena. Der 63-Jährige stammt aus Rom und zog 1991 mit seiner Frau und vier Kindern nach Leipzig. Seit 2003 arbeitet er bei der Bahnhofsmission.

Was macht Ihren Job aus?

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Carlo Arena: Er ist sehr abwechslungsreich. Kein Tag gleicht dem anderen, ich habe es stets mit verschiedensten Menschen zu tun, egal ob Besucher unserer Räume oder Reisende, die Hilfe brauchen. In Gesprächen erfährt man immer neue Lebensläufe, die auf unterschiedlichste Art berühren.

Hat sich die Struktur der Besucher in den letzten Jahren verändert?

Eindeutig. Es kommen immer mehr Leute mit psychischen Beeinträchtigungen, und die Zahl der Obdachlosen ist gestiegen. Darunter sind viele Menschen, die schon das komplette soziale Unterstützungssystem durchlaufen haben und dennoch weiter gefallen und ohne Hoffnung sind. Sie brauchen einen Ort, an dem sie durchatmen und so sein können, wie sie sind – ohne Forderungen oder Erwartungen. Dafür ist die Bahnhofsmission wichtiger denn je. Die sozialen Kontakte und die offenen Ohren hier können helfen, sich zu öffnen und irgendwann wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, vermittelbar zu sein.

Die Bahnhofsmission befindet sich relativ abgelegen am Ende der Bahnhofs-Westseite. Gab es nie andere Räumlichkeiten auf dem Gelände?

Die Deutsche Bahn ist nur Eigentümerin der Gleise und der Räumlichkeiten darunter, der Rest gehört den Promenaden. Für Räume in der Nähe des Querbahnsteigs wäre die Miete zu hoch. Deshalb freuen wir uns jetzt über den Kiosk am Anfang von Gleis 18, den uns die Deutsche Bahn AG kostenlos zur Verfügung stellt. Durch die Unterstützung von LVZ-Lesern kann der Kiosk, der früher eine Pommesbude war, gestaltet und eingerichtet werden.

Was soll der Kiosk bewirken?

Es ist eine kleine Fläche von nicht einmal neun Quadratmetern, aber wir werden deutlich präsenter und leichter ansprechbar sein. Von dort können wir auch Reisende und Bedürftige in unsere größeren Räume bringen, wenn sie das wünschen.

Braucht es dafür nicht mehr Personal?

Das ist ganz wichtig. Langfristig darf es nicht bei bislang zwei Festangestellten bleiben. Extrem wichtig sind aber auch ehrenamtliche Mitarbeiter, ohne sie könnten wir nicht existieren. Deshalb werden wir eine Werbe-Kampagne anschieben.

Welche weiteren Vorhaben gibt es?

Wir wollen in den nächsten Wochen Hinweisschilder produzieren und installieren lassen, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Die Stadt arbeitet mit uns zusammen an einem Konzept für öffentliche Toiletten mit Duschmöglichkeit, die andere große Bahnhöfe bereits haben. Finanziell Schwache könnten von uns Gratis-Chips dafür bekommen. Dafür brauchen wir die Stadt und einen Betreiber im Boot. Ein Ziel ist es auch, die vor ein paar Jahren reduzierten Öffnungszeiten wieder zu verlängern.

Wie steht es um die Wertschätzung der Bahnhofsmission von außen?

2011 standen wir finanziell vor dem Aus, wurden an einem Runden Tisch gerettet. In den letzten Jahren haben Gesellschaft und Politik realisiert, wie wichtig ein Ort für gestrandete Menschen ist, an dem sie in Würde aufgenommen werden, wo sie Wärme, Gesellschaft und Essen bekommen. Aus dieser Wertschätzung heraus finanziert die Stadt Leipzig nun eine zweite feste Stelle für uns. Das kann aber nur ein erster Schritt sein, wir müssen uns weiter verstärken, weil der Bedarf wächst.

Die Wohnungslosigkeit steigt, obwohl der Staat so reich wie nie ist. Was ist Ihre Erklärung?

Die Schere zwischen Arm und Reich geht nach wie vor weiter auseinander, es gibt immer mehr Menschen, die auf der Strecke bleiben. Wenn Gewinnmaximierung zählt, bleibt das Soziale auf der Strecke.

Sie werden mit harten Schicksalen konfrontiert. Wie schaffen Sie es, die nicht mit nach Hause zu nehmen?

Mein Glaube hilft mir, mein Vertrauen darauf, dass Gott die Schicksale lenkt und alles zum Guten führt. Nach außen ist das unseren Gästen natürlich schwer zu vermitteln, und ich möchte auch niemandem meinen Glauben aufzwingen. Wir alle im Team zeigen einfach, dass wir da sind und helfen wollen.

So können Sie spenden: Hier wird’s erklärt!

Von Mark Daniel