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Ein Licht im Advent Ein Herz für „Wunderfinder“: die Leipziger Polizistin Gundel Minge
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Ein Herz für „Wunderfinder“: die Leipziger Polizistin Gundel Minge

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10:03 05.12.2020
Mit Assistent Poldi: Gundel Minge, Polizistin im Revier Ritterstraße.
Mit Assistent Poldi: Gundel Minge, Polizistin im Revier Ritterstraße. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Frage kommt regelmäßig, wie der Refrain eines Songs. Wenn Gundel Minge Kinder im Polizeirevier Leipzig-Zentrum empfängt, will immer einer wissen: „Hast du heute schon einen Dieb gefangen?“ Selbst, wenn das auf den jeweiligen Tag nicht zutrifft – genug zu erzählen hat sie trotzdem. Seit 2018 gehören auch die „Wunderfinder“ zu ihren Besuchern. Die dort betreuten Kinder, aus verschiedenen familiären Gründen auf besonderen Beistand angewiesen, bekommen spannende Einblicke in den Alltag einer Polizeibeamtin.

Manchmal bindet das Leben ganz besondere Schleifen. Denn nach Jahren in anderen Bereichen hat Minges Arbeit als Bürgerpolizistin und Sachbearbeiterin Prävention ziemlich viel mit ihrem ursprünglichen Berufsziel als Pädagogin zu tun. In der Phase nach der Friedlichen Revolution und einhergehender Neuorientierung brach die im Harz Aufgewachsene ihr Studium der Erziehungswissenschaften ab, verdiente erst einmal Geld in einer Konditorei und zog Anfang der 1990er-Jahre frisch verheiratet ins sächsische Rötha. Auch hier jobbte sie weiter – bis eine Freundin sie auf die LVZ-Annonce der Polizei aufmerksam machte, die neues Personal suchte. Eine Perspektive, die sie reizte.

Seit zehn Jahren Präventionsarbeit

1994 begann sie ihre zweieinhalbjährige Ausbildung auf der Polizeifachschule Leipzig. 1997 und 1998 gehörte sie der Bereitschaftspolizei an, danach bis 2009 dem Streifendienst. Seit gut zehn Jahren kümmert sich Minge um Präventionsarbeit an Schulen, in Kindergärten und Vereinen und ist als Bürgerpolizistin auf den Straßen unterwegs. „Aufgaben, die mir wegen des Kontakts zu unterschiedlichen Menschen sehr viel Spaß machen“, betont die 52-Jährige.

Ihr unverzichtbarer Partner bei Treffen mit Kindern ist grün, flauschig und beliebt: Maskottchen Poldi, ein Stoffdino in Varianten von Schlüsselanhänger bis lebensgroß, in Minges Fall eine große Handpuppe. Assistent Poldi hilft beim kindgerechten Brückenschlag zwischen Ermittlung und Vermittlung. Es geht um Verantwortung von Polizei, aber auch um die eigene, beispielsweise im Straßenverkehr.

Kinder – die ehrlichsten Zuhörer

Minge liebt die Begegnungen mit den jungen Gästen. „Das sind die neugierigsten, offensten und ehrlichsten Zuhörer, die es gibt. Sie hängen an meinen Lippen, lassen mich aber auch sofort spüren, wenn ich was unzureichend erklärt habe.“ Ansprechpartnerin für die „Wunderfinder“ wurde die Beamtin durch ihren ehemaligen Kollegen Andreas Schmitz, der sich dort als Pate engagiert und vorschlug, die Polizei als interessanten Anlaufpunkt einzubinden.

Zur Person

Gundel Minge wurde 1968 in Quedlinburg geboren und wuchs in Ballenstedt am Harz auf. Mit 26 begann sie ihre Ausbildung bei der Polizei. Ihr Revier liegt in der Ritterstraße im Leipziger Zentrum. Sie ist seit 30 Jahren verheiratet und kinderlos.

Nicht nur die Kinder, auch die Paten staunen über von Gundel Minge spielerisch nahe gebrachte Hintergründe zu Themen wie beispielsweise Spurensicherung. Die Besucher können selbst ermitteln und Fingerabdrücke nehmen. Und schon unter dem Tisch des Besprechungsraumes lauert Material, das mit Taschenlampen entdeckt und detektivisch ausgewertet werden kann – DNA-Material wie einzelne Haare, Wollmäuse oder verlorene Kugelschreiber.

Berufsbild mit Kratzern

Wie gut die Treffen mit der Polizistin bei den Kindern ankommen, weiß Minge von „Wunderfinder“-Koordinatorin Trendela Braun: Die Zahl derjenigen, die später bei der Polizei arbeiten wollen, liegt bei deutlich über einem Drittel. „Das geht runter wie Öl“, kommentiert sie lächelnd. Dass ihr Berufsbild zuletzt vor allem durch aufgedeckte Polizeikontakte zur rechtsextremen Szene neue Kratzer bekommen hat, wurmt Gundel Minge. „Uns auf die schwarzen Schafe zu reduzieren, tut mir weh“, sagt sie. „Einige vergessen, dass hinter der Uniform Menschen stecken, die einen richtig guten und wichtigen Job machen.“

Auch die aktuelle Zwangsabstinenz ihrer jungen Besucher macht der engagierten Frau zu schaffen. Wegen Corona hat Minge im gesamten Jahr 2020 keine Gäste mehr empfangen. „Das fehlt mir richtig, denn auch mich bereichern diese Treffen“, sagt sie. „Schon allein die Begeisterung in den Gesichtern ist ein Geschenk.“ Keine Frage: Corona, das ist ein besonders fieser Verbrecher. Und wenn Poldi könnte, hätten er und Gundel Minge ihn festgesetzt. Schon längst.

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Von Mark Daniel