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Ein Licht im Advent In Grimmas Brandhaus gibt es ein Leben nach der Katastrophe
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In Grimmas Brandhaus gibt es ein Leben nach der Katastrophe

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08:54 05.12.2020
Die Fassade am Wohnblock Stecknadelallee 8 ist nun dreidimensional gestaltet. Sie zeigt einen angelnden Jungen.
Die Fassade am Wohnblock Stecknadelallee 8 ist nun dreidimensional gestaltet. Sie zeigt einen angelnden Jungen. Quelle: Haig Latchinian
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Grimma

Andrea Aurig vom gleichnamigen Malergeschäft habe das künstlerische Talent des Vaters geerbt, sagt Bruder Peter. Von Andrea stammt auch der Entwurf für die besonders liebenswürdige Fassadengestaltung am Wohnblock Stecknadelallee 8. Der angelnde kleine Junge, vielleicht ist es aber auch ein verkapptes Mädchen, zieht seit neuestem alle Blicke auf sich. Es ist nicht mehr der Blick auf Brandspuren, der traurige Erinnerungen wach hält. Es ist ein Lichtblick, der neuen Lebensmut weckt.

Maximilian mit seinem Großvater Dietmar Faust. Beide verstehen sich gut und unternehmen einiges miteinander. Quelle: Haig Latchinian

Genau darum ging es Katrin Hentschel von der Grimmaer Wohnungs- und Baugesellschaft (GWB), als sie die Firma Aurig beauftragte: „Mit einer für uns neuen dreidimensionalen Maltechnik wollten wir dem Brandhaus-Image gezielt etwas entgegensetzen.“ Ohne dabei freilich die dramatischen Ereignisse der Nacht des 17. Februar gänzlich auszublenden: „Alles ist in Bewegung, alles im Fluss. Das angelnde Kind symbolisiert Mietern und Vermietern, dass es im Haus auch ein Leben nach dem Unglück gibt“, so die Geschäftsführerin.

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Spenden für unvergessliche Urlaubsreise

In jener Nacht brannte es in einer Wohnung im zweiten Obergeschoss. Drei Menschen starben: Eine Mutter und zwei Kinder. Lediglich Sohn Max überlebte. Der Junge, der Ende November 13 Jahre alt geworden ist, wohnt nun bei den Großeltern im Nachbarort. Um den Dreien eine Urlaubsreise zu ermöglichen, beteiligen sich derzeit zahlreiche Leser an der LVZ-Spendenaktion „Ein Licht im Advent“. „Jeder Cent, jeder Euro, der übrig bleibt, soll Max, wenn er groß ist, beim Start in den Beruf helfen“, sagt LVZ-Lokalchef Heiko Stets.

Die Illusionsmalerei an der Fassade des Blockes in Grimma-Süd vermittelt einen räumlichen Eindruck. Quelle: Aurig

Unterdessen gehen in der LVZ weitere Hilfsangebote für das Waisenkind ein. Heiner Böhme von den Colditzer Oldtimerfreunden lädt Max zur Ausfahrt in Trabi, Wartburg, Audi S 1000 Deluxe oder Opel Commodore ein: „Wir haben gelesen, dass sich der Junge für Autos interessiert und Kfz-Schlosser werden will“, begründet der einstige Pfarrer seine Einladung. Norbert Alt würde Max gern auf seinem Alpakahof in Großbardau begrüßen: „Die Nähe zu den Tieren soll sogar eine Delfin-Therapie ersetzen.“

Trauerarbeit und das große Aufräumen

In der Stecknadelallee 8 befindet sich unter anderem die Verwaltung des AWO-Kreisverbandes Mulde-Collm. „Viele unserer Kollegen sind selber Eltern. Entsprechend groß war die Anteilnahme am Tod der Mutter und der beiden Kinder“, sagt Corinna Karl-Sander. Die Trauerarbeit sei das eine – das große Aufräumen das andere: „Durch das Löschwasser stürzte unser Server ab. Tagelang konnten wir nicht auf ihn zurück greifen“, sagt die AWO-Mitarbeiterin. Direkt vor ihrem Fenster befindet sich die Gedenkstätte mit all den Plüschtieren.

So manche Träne sei geflossen, sagt Corinna Karl-Sander: „Und das, obwohl wir die betroffene Familie nicht näher kannten, uns die Kinder höchstens mal früh über den Weg liefen.“ GWB-Geschäftsführerin Katrin Hentschel bedankt sich bei ihren Mietern: „Nach dem Brand mussten sie den Block komplett verlassen. Sie kamen entweder privat oder in Jugendherbergen unter. Benachbarte Familien vermittelten wir in Ferienwohnungen.“ Zwischendurch durften sie in Schutzausrüstung zumindest das Notwendigste aus dem Block holen.

Viel Lob für Fassadenmalerei

Nach einer knappen Woche konnten die ersten Mieter wieder einziehen. Zuvor hatten Spezialisten sämtliche Ruß- und Rauchspuren beseitigt. Außerdem wurden Messungen auf mögliche Schadstoffe hin angestellt. „Inzwischen haben wir auch die Brandwohnung saniert. Sie ist vorgerichtet, aber noch nicht vermietet“, informiert die Frau von der GWB. Zur mutigen 3-D-Illusionsmalerei, die an der glatten Fassade manche Räumlichkeit vortäuscht, habe es bisher nur positive Kritik gegeben, so Hentschel.

Von Haig Latchinian