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Hitze in Sachsen Aufbrechende Straßen, wegschwimmender Asphalt – Leipzig fühlt sich gewappnet
Thema Specials Hitze in Sachsen Aufbrechende Straßen, wegschwimmender Asphalt – Leipzig fühlt sich gewappnet
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18:01 26.06.2019
Mittwoch, 16 Uhr: Im Asphalt auf der Wundtstraße sind die ersten Risse zu sehen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Jeder Autofahrer kennt die Bilder von Autobahnen, die aufbrechen, wenn die Hitze unerträglich wird. Zuerst wölbt sich die Betonfahrbahn, dann schieben sich einzelne Abschnitte nach oben und brechen – ein Alptraum für jeden Fahrzeugführer. Müssen Leipzigs Autofahrer auch mit solchen Szenarien rechnen, wenn das Thermometer auf plus 40 Grad klettert, wie für diese Woche vorhergesagt?

Sonneneinstrahlung erhitzt Fahrbahnen auf 70 Grad

Dirk Kleemann schließt diesen so genannten Blow-up-Effekt für Leipzig aus. „Er tritt nur auf Betonfahrbahnen auf, und die haben wir in Leipzig kaum“, so der Sachgebietsleiter für Straßenbau und -unterhaltung im Verkehrs- und Tiefbauamt der Stadt (VTA). Leipzigs Hauptstraßennetz bestehe fast ausschließlich aus Asphaltfahrbahnen; nur im Nebennetz gebe es einige wenige Straßen aus Beton. „Die befinden sich dann meist in Wohngebieten, wo die Fahrbahnen häufig im Schatten von Häusern liegen und sich dadurch nicht so stark aufheizen.“

Doch auch auf Leipzigs Hauptstraßennetz kann es ziemlich heiß werden. Bei Lufttemperaturen von plus 40 Grad verursacht die Sonneneinstrahlung im Asphalt Temperaturen von mindestens 50 Grad – bei extremer Einstrahlung sogar bis zu 70 Grad. „Das führt dazu, dass der Asphalt an Festigkeit verliert“, erklärt der Sachgebietsleiter. Dann könne es auf den Fahrbahnen zur Spurrinnenbildungen kommen und in Kurvenbereichen werde der Asphalt „verdrückt“, wie Experten sagen. Gemeint ist damit, dass sich der Asphalt verschiebt.

Asphalt wird weich, aber nicht flüssig

„Der Asphalt wird aber nicht flüssig wie beim Einbauen“, betont Kleemann. Beim flüssigen Einbau habe er Temperaturen von 160 bis 200 Grad Celsius – also deutlich mehr als selbst in der aktuellen Hitzewelle zu erwarten sind. Es stimme deshalb auch nicht, dass der Asphalt bei großer Hitze auf der Fahrbahn zu „schwimmen“ beginnt, wie es im Volksmund heißt. Wenn Autos über 70 Grad warmen Asphalt rollen, würden sie keine Spurrinnen hinterlassen. „Das passiert nur, wenn sehr viele Laster hintereinander auf so einer erhitzten Fahrbahn unterwegs sind. Denn je nach Fahrbahnbreite fahren dann fast alle in der selben Spur.“ Selbst dann komme es häufig nur zu Eindrücken von wenigen Zentimetern. Leipzigs Autofahrer müssten also keine Angst davor haben, dass sie mit ihrem Auto bei Hitze auf dem Asphalt „wegschwimmen“. Im Extremfall kann der Asphalt aber auch reißen – und dann muss sofort gehandelt werden.

Vier Zentimeter starke Deckschichten werden abgefräst

Natürlich beobachten die Experten des VTA derzeit täglich den Straßenzustand – besonders häufig in sogenannten anfälligen Straßen, die sich aber nicht im Hauptstraßennetz befinden. „Sobald wir richtige Schäden feststellen, wird sofort gehandelt“, schildert Kleemann. Dann werde die Geschwindigkeit reduziert oder die Fahrbahn teilweise – und notfalls sogar komplett – gesperrt. „Als wir im vergangenen Jahr einen sehr heißen Sommer hatten, mussten wir zu diesen Einschränkungen nicht greifen“, betont der Abteilungsleiter. Aber in diesem Jahr könnten die Hitze-Spitzen höher liegen als damals. „Wir haben Firmen mit sogenannten Rahmen-Zeit-Verträgen gebunden, die wir sofort einsetzen könnten.“ Bei Spurrinnen-Bildung oder Verdrückungen müssen dann die meist vier Zentimeter starken Deckschichten der Fahrbahnen abgefräst und neu aufgebracht werden.

Bitumensorten werden immer leistungsfähiger

Um Leipzigs Fahrbahnen für extreme Temperaturen zu wappnen, nutzen die Tiefbauexperten des Rathauses beim Straßenbau auch immer bessere Bitumensorten. Aktuell werden auf Leipzigs Straßen Deckschichten verbaut, die Lufttemperaturen von minus 20 bis plus 50 Grad problemlos aushalten müssen. „Die Hersteller versuchen Sorten mit immer größeren Spektren anzubieten“, so der Straßenbauexperte. „Deshalb werden inzwischen schon bei Straßenplanungen Temperaturfenster festgelegt.“ Gut möglich, dass diese immer größer werden.

Auf die Bauarbeiten im Straßennetz dürfte die Hitze keine größere Auswirkungen haben. Sicher würden viele Bauarbeiter über die Hitze stöhnen, heißt es. Doch sämtliche Baumaterialien könnten weiter verarbeitet werden. „Der Asphalt kühlt sich aber langsamer als sonst ab“, sagt Kleemann. „Statt 24 Stunden wird man dafür jetzt wohl 36 Stunden veranschlagen müssen. Aber das sind Zeitfenster, die händelbar sind.“ Bei Straßenbauarbeiten mit Beton würden die Betonschichten mit Planen vor der extremen Sonneneinstrahlung geschützt und außerdem mit Wasser feuchtgehalten, sonst erreicht der Beton nicht seine Festigkeit.

„Bis jetzt ist alles im Normalbereich“

Auf Leipzigs rund 380 Brücken ist die Lage ähnlich. „Unsere Brücken haben zu 99 Prozent bituminöse Fahrbahndecken“, sagt Norbert Thiede, Sachgebietsleiter Betrieb und Unterhaltung der Abteilung Brückenbau im VTA. Den Blow-up-Effekt dürfte es deshalb dort nicht geben. An Konstruktionen wie an der Schleußiger Brücke sei die Sonneneinstrahlung aber enorm und deshalb müsse man auch dort damit rechnen, dass der Asphalt weich wird – und bei großen Verschiebungen gehandelt werden muss. „Bis jetzt ist aber alles im Normalbereich“, so der Experte.

Der ADAC Sachsen hat gestern darauf hingewiesen, bei Sommerhitze niemals Kinder im Auto zurückzulassen – selbst wenn das Fahrzeug im Schatten steht. „Wenn sich der Sonnenstand ändert, kann der PKW wieder in der prallen Sonne stehen“, sagt Helmut Büschke, Sachsens ADAC-Vorstandsmitglied für Verkehr und Technik. Bei Fahrten sollte die Mittagshitze von 12 bis 15 Uhr gemieden werden. Bei längeren Autofahrten sollten am besten bis zu drei Liter Wasser, Saftschorle oder Tee getrunken werden, aber nicht eisgekühlt. Wer die Temperatur im Auto zu stark herunterkühlt, könne Kreislaufprobleme bekommen. „Der Unterschied zwischen Innen- und Außentemperatur sollte deshalb nicht zu extrem sein“, so Büschke.

Von Andreas Tappert

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