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Jahresrückblick 2018 Andris Nelsons tritt sein Amt als Gewandhauskapellmeister an
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Headergrafik Jahresrückblick 2018
09:08 27.12.2018
Andris Nelsons im Gewandhaus zu Leipzig Quelle: André Kempner
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Gut zwei Jahre lang war das Gewandhausorchester ohne Chefdirigent. Denn obschon er auf dem Papier bis zum Ende der ­Saison 2015/16 Gewandhauskapellmeister war, hat Riccardo Chailly am 15. Januar 2015 zum letzten Mal in Leipzig am Pult gestanden. Da war Andris Nelsons seit vier Monaten als sein Nachfolger bestimmt, doch erst am 22. Februar 2018 trat der der mittlerweile 40-jährige Lette als 21. Gewandhauskapellmeister sein Amt an.

Da das Gewandhausorchester überdies am 11. März seinen 275. Geburtstag feierte, umrahmten prominent besetzte Festwochen die beiden freudigen Ereignisse für die Musikstadt; mit dabei: die Berliner Philharmoniker und die Kollegen.

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Dazwischen dirigierte Andris Nelsons nicht weniger als zehn Konzerte mit fünf sehr unterschiedlichen Programmen, die den Bogen von Mozart über Mendelssohn, Bruckner (für die Deutsche Grammophon entsteht derzeit ein kompletter Zyklus), Tschaikowski, Berg und Bernd Alois Zimmermann bis in unsere Zeit spannen: Denn bereits in seinen ersten Wochen als Chef machte Nelsons Ernst mit seiner Ankündigung, deutlich mehr Moderne ansetzen zu wollen: Seine ersten Konzerte enthielten gleich drei Uraufführungen aus den Federn Steffen Schleiermachers, Jörg Widmanns und Thomas Larchers.

Das mag manchem Anrechtler zu viel sein. Aber erstens hat das Gewandhausorchester auf Dauer gar keine andere Wahl, will es sich nicht selbst obsolet machen, und zweitens federt Nelsons die neuen Töne mit bewährten Schlachtrössern des Repertoires ab. Nun, in der Mitte seiner zweiten Saison im Amt, zeichnet sich bereits eine gewisse neugierige Gewöhnung ab.

Generationen- und Paradigmenwechsel

In der gut 275-jährigen Geschichte des Gewandhausorchesters gab es immer wieder Zeiten ohne Chef. Zuletzt waren es ebenfalls gut zwei Jahre zwischen dem Abgang Kurt Masurs 1996 und dem Antritt Herbert Blomstedts 1998. Doch fand der weitaus kompliziertere Verhältnisse vor, weil sich die 27 Jahre mit dem genialischen Imperator Masur am Schluss als schwere Patina auf den Klang des Orchesters gelegt hatten.

Blomstedt krempelte die Ärmel hoch – und übergab seinem Nachfolger Chailly sieben Jahre später bereits wieder einen erstklassigen Klangkörper. Der arbeitete seinerseits weiter an der Präzision, an der Virtuosität und Transparenz, an der Klarheit und Beweglichkeit des Klangs. Und weil beider Bemühungen wie selbstverständlich über die letzten beiden Jahre getragen haben, konnte sich Andris Nelsons nun ins gemachte Bett legen.

Das muss und wird er dennoch neu beziehen. Denn er steht nach Blomstedt, der 70 war, als er das Gewandhausorchester übernahm, und Chailly, der mit 52 die Nachfolge Mendelssohns, Nikischs, Furtwänglers antrat, nicht nur für einen Generationen-, sondern auch für einen Paradigmenwechsel. Anders als Blomstedt und Chailly, denen es vor allem darum zu tun war und ist, alles, wirklich alles, was die Komponisten auf und zwischen die Notenlinien geschrieben haben, zum Hörer weiterzutragen, lässt er sozusagen das Publikum teilhaben am Moment der Entstehung von Musik.

Neuer Dirigenten-Typus

Während Chailly in den Proben genau das hergestellt hat, was er wollte, und genau dies dann im Konzert auch abrief, lässt Nelsons erst einmal weiträumig kommen. Hört, was das Orchester anzubieten hat, und entwickelt daraus dann seine eigene Sicht. „Ich versuche“, sagt er dazu, „die Musiker zur Individualität zu ermutigen, sie dazu zu bringen, dass sie ihr Herz öffnen für jede Musik, die sie gerade spielen.“

So inspiriert Andris Nelsons zu einer emotionalen Schönheit, die sich wenig schert um stilistische Bedenkenträgerei. Das ging bisher oft gut und immer wieder sensationell auf in Werken Mahlers und Bruckners beispielsweise. Bei anderen Komponisten, Beethoven etwa, bleiben Fragezeichen.

Doch ist damit das Gewandhausorchester wieder vorne dabei, wenn sich im Dirigentengeschäft ein Umbruch abzeichnet: Der Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy war der erste Dirigent im modernen Sinne. Mit Arthur Nikisch gelangte einer der ersten jener dirigierenden Halbgötter in Leipzig ans Pult, deren Ära im Wesentlichen mit Kurt Masur endete. In Gestalt Herbert Blomstedts folgte ein Lehrer, mit Chailly ein so strenger wie genialer Trainer im Dienste der Partitur, beide mit allen aufführungspraktischen Wassern gewaschen.

Zum Thema: LVZ-Jahresrückblick 2018

Andris Nelsons steht nun für einen neuen Dirigenten-Typus. Nett ist er im persönlichen Umgang, liebenswürdig zu jedem, offen gegenüber seinem Publikum, beinahe demokratisch gegenüber seinem Orchester – also ziemlich modern. Aber auf diese Weise steht er für eine Ästhetik, die eher zur Großvätergeneration passt, zu einem Celibidache, zu einem Masur.

Dass die Ergebnisse immer interessant sind und oft beglückend, hat Andris Nelsons in Verlauf seiner staunenswerten Weltkarriere hinlänglich bewiesen. Die Zeichen stehen also auf eine spannende musikalische Zukunft fürs älteste bürgerliche und größte Profi-Orchester der Welt.

Peter Korfmacher