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Jahresrückblick 2018 Stadt stellt Weichen für die Mobilitätszukunft
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09:12 27.12.2018
Busse und Bahnen sollen in Zukunft eine noch größere Rolle in Leipzig spielen. Quelle: André Kempner
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Vor allem der Blick nach vorn lieferte viele positive Nachrichten, während die Pflege des Ist-Zustandes durch aufgebuddelte Straßen und Kreuzungen manchen genervt hat.  

Ein Meilenstein war die komplette Einigkeit im Stadtrat: Ende September 2018 stimmten alle 50 anwesenden Stadträte für eine Mobilitätsstrategie, die Leipzig beim Verkehr zukunftsfähig aufstellen soll. Der eigens eingesetzte beratende Ausschuss Verkehr und Mobilität, dem Vertreter aller Ratsfraktionen sowie der Verwaltung angehörten, kombinierte verschiedene Ansätze zu einem Nachhaltigkeitsszenario. Das Konzept: Den Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) ausbauen, den Radverkehr stärken und den Status Quo für den individuellen Auto- und Wirtschaftsverkehr beibehalten.

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Dazu sollen bis zum Jahr 2030 drei Millionen Euro investiert werden. Die Zahl der Bus- und Straßenbahnfahrgäste soll von heute 156 auf 220 Millionen pro Jahr gesteigert, der Anteil des Autoverkehrs von 40 auf 30 Prozent reduziert und des ÖPNV und Radverkehrs auf 23 Prozent deutlich erhöht werden. Ein ehrgeiziges Ziel, zumal der Stadtrat 2018 beschlossen hat, dass ab Januar 2019 keine Straßenausbaubeiträge von Anliegern mehr erhoben werden sollen.

"Bei den heutigen Herausforderungen für die Verkehrsplanung der Zukunft muss man bisher 'Unmögliches' vorstellbar machen, um ein neues 'Mögliches' zu erreichen."

Torben Heineman , Abteilungsleiter Generelle Planung im Verkehrs- und Tiefbauamt

Was die Radfahrer angeht, wurde die Stadt am Ende des Sommers sogar zum Umdenken gezwungen: Das Sächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) hat das Radfahrverbot auf dem Innenstadtring gekippt. Beste Gelegenheit, durchgängige Radwege an der Innen- und Außenseite des Innenstadtrings zu schaffen, meinte daraufhin der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Radfahrer feierten die Entscheidung mit einer Rundfahrt.

Zwei Neuerungen zeigen indes, dass die Mobilitätszukunft der Stadt gut tun wird. Mit dem Beschluss des Stadtrates, das Werberecht an den Straßenbahn- und Bushaltestellen an RBL Media zu vergeben, ist auch Nachhaltigkeit verbunden. Der Bau und die Betreuung von 900 Fahrgastunterständen und Werbeanlagen ab Juli 2019 soll mit der Bewirtschaftung von E-Fahrzeugen verbunden, viele Wartehäuschen mit Solarmodulen oder Grünbedachungen ausgestattet werden.

Und mit dem Fernstraßen-Bundesamt hat die Stadt eine neue Superbehörde bekommen. Wenn es im Jahr 2021 voll funktionstüchtig ist, werden mit ihm 400 neue Jobs in Leipzig geschaffen worden sein. Die neue Behörde wird für Planfeststellungs- und -genehmigungsverfahren im Autobahnbereich zuständig sein. In der City wird indes schon heute Zukunft  gemacht: Der Fahrdienst Clever Shuttle ist 2018 auf dem Leipziger Hauptbahnhof mit seinem bisher größten Standort in Deutschland gestartet. Neben dem S-Bahn-Ausgang an Gleis 1 werden die in der Summe 45 Elektromobile und Hybrid-Fahrzeuge aufgeladen, die Fahrgäste vom Bahnsteig zur Haustür shutteln sollen.

"Verkehr wird elektrisch. Die Stadt unterstützt den Ausbau der E-Ladestationen im öffentlichen aber vor allem auch im halböffentlichen Bereich, die LVB stellen die ersten Linien auf Elektrobusse um."

Michael Jana , Amtsleiter Verkehrs- und Tiefbauamt

Gleich nebenan fuhr mit einem Flixbus das erste Fahrzeug in das neue Fernbusterminal an der Ostseite des Bahnhofs ein. Der laut den Betreibern modernste Fernbusbahnhof Deutschlands kostete rund 15 Millionen Euro und hat neun überdachte Bussteige. 30.000 Fahrten und 1,5 Millionen Passagiere werden hier pro Jahr erwartet. Hauptnutzer ist Flixbus, aber auch 15 weitere Busunternehmen steuern den neuen Halt samt Servicestation an der Sachsenseite des Hauptbahnhofs an.

Auf Expansion und Erneuerung sind auch die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) bedacht, die 2018 mehrere gute Nachrichten verkünden konnte. So wird das Land Sachsen den Ausbau des Straßenbahnnetzes und Fuhrparks mit 14,54 Millionen Euro fördern.  11,4 Millionen Euro sollen bis 2020 allein in den Kauf von neun Straßenbahnen des Typs XL fließen. Die Verkehrsbetriebe schlugen sich allerdings zunächst mit einigen XL-Problemen herum. Eine regelrechte Pannenserie führte beispielsweise dazu, dass der geplante Einsatz der neuen modernen Bahn auf der Linie 10 ausgesetzt, dafür die Linie 3 ins Programm genommen wurde. Unabhängig davon sieht dies die LVB als „Kinderkrankheiten“ und will am XL-Plan festhalten. In die Mobilitätszukunft schaute auch die Stadt Leipzig: Sie entschied, alte Fahrzeuge in den nächsten vier Jahren durch 25 elektrisch betriebene Kleinwagen und zehn Lieferwagen zu ersetzen. Die Mehrkosten übernimmt der Bund zu 75 Prozent.

"Eine deutlich bessere finanzielle Ausstattung, ein neuer Nahverkehrsplan, umfangreiche Investitionen und zwei Jahre keine Fahrpreiserhöhungen beim MDV in Leipzig werden dem ÖPNV den notwendigen Schub für weitere Verbesserungen geben."

Stephan Rausch , Fachbereichsleiter Nahverkehr der Stadt Leipzig

Gute Nachrichten auch für die ÖPNV-Nutzer: Die Ticketpreise für Bus und Bahn sollen in den nächsten beiden Jahren in Leipzig nicht erhöht werden. Der Stadtrat entschied außerdem eine Erhöhung des Zuschusses durch die stadteigene LVV auf 54 Millionen Euro für 2019. Dazu passt die Premierenfahrt der neuen Nacht-Straßenbahn N17, die die Linien 1 und 7 kombiniert. Der Service ist vor allem für Partygäste an Wochenenden gedacht und erweitert das Angebot der neun Nightliner-Buslinien N1 bis N9. In den Wochen vor Weihnachten fielen hingegen zehn Prozent der Fahrten insgesamt aus: Die Personalsituation und ein hoher Krankenstand hauten der LVB kräftig ins Kontor.

Weniger Unfälle insgesamt, aber dabei viele mit schwerwiegenden Folgen vor allem für Radfahrer: Während die Unfallstatistik 2017 in eine positive Richtung tendierte (insgesamt 13.409 Unfälle waren 349 weniger als im Vorjahr und somit der niedrigste Stand seit zehn Jahren), haben 2018 vier Radler auf Leipzigs Straßen ihr Leben verloren. Ob in der Prager Straße im März, am Martin-Luther-Ring im April oder in der Rosa-Luxemburg-Straße im Mai: In drei von vier Fällen überrollte ein Lkw die Radfahrer. Hauptursache für tödliche Unfälle mit Radfahrern war das Rechtsabbiegen von Lkw. Eigentlich sollten die vorgeschriebenen Spiegel der Lastwagen für eine Rundumsicht ausreichen, doch wird der Ruf nach elektronischen Warnsystemen auch in Leipzig immer lauter. So führt der aktuelle Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutsche Fahrrad-Clubs (ADFC) auch nur zur Schulnote 4,1 bei der Sicherheit in der Messestadt. Bei der Fahrradfreundlichkeit bei den Städten über 200.000 Einwohner liegt Leipzig laut ADFC auf Platz 9.

"Vor dem Hintergrund des ständig wachsenden Radverkehrs in Leipzig und der Entwicklung der Unfallzahlen mit Radfahrerbeteiligung werden wir viele Dinge neu denken müssen."

Thomas Schulze , Leiter der Straßenverkehrsbehörde Leipzig

Staus, enge Straßenabschnitte, Sperrungen und viel Frust gab es vor allem bei den Autofahrern: 2018 wurde gefühlt das halbe Straßennetz in Leipzig umgekrempelt. War eine Großbaustelle abgeschlossen, wurden gleich zwei neue eröffnet. Mitunter wurde an 120 unterschiedlichen Stellen pro Woche gleichzeitig gebuddelt. An der bis Oktober 2019 angesetzten Erneuerung der Plagwitzer Brücke zwischen Käthe-Kollwitz- und Karl-Heine-Straße war und ist eine Vollsperrung nötig, doch das Verkehrschaos blieb aus – obwohl auch gleich die Karl-Heine-Straße von der Ferdinand-Lassalle-Straße bis zur Erich-Zeigner-Allee mitsaniert wird.

Drei Wochen lang wurde es am Willy-Brandt-Platz/Georgiring eng, weil die Gleiskurve in Richtung Willy-Brandt-Platz saniert wurde. Diverse Umleitungen, Abbiegeeinschränkungen und Spurverengungen machten den Bereich vor allem im Berufsverkehr zum Nadelöhr. Ebenfalls zum Geduldsspiel wurden der Martin-Luther- und Dittrichring, beide Abschnitte hatten unter Verschleiß zu leiden und wurden daher saniert. Fast ein halbes Jahr lang war der Bereich eine Großbaustelle mit Sperrungen und allem Drum und Dran.

Zum Thema: Der LVZ-Jahresrückblick 2018

Genervt hat viele die Doppelbaustelle in der Prager Straße, die in zwei Etappen teilweise gesperrt wurde. Die gleichzeitige Sanierung der Gleisanlagen an der Alten Messe und die Arbeiten am Wassernetz zwischen Südfriedhof und Ausfahrt Rettungsdienst erregten viel Unmut. Etwas unübersichtlich war zwar auch die Baustellensituation im großen Bereich in und um die Riebeckstraße. Die Wasserwerke haben dort Abschnitt für Abschnitt die Trinkwassertrasse saniert. Komplette und teilweise Sperrungen führten die Autofahrer bis in den November hinein immer wieder durch verschiedene Umleitungen.

Einschränkungen gab es im Sommer vor allem in der Maximilianallee zwischen Essener Straße und Messe-Allee, je eine Spur pro Fahrtrichtung war dicht. Aufatmen dagegen im Norden: Nach zehn Jahren Bauzeit wurde die Eisenbahnbrücke zwischen Möckern und Wiederitzsch für den Verkehr freigegeben – stilecht mit einem Ford Model T, das es fast so lange gibt wie die Landsberger Brücke selbst.

Stefan Michaelis

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