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Buchmesse-News Bela B. auf der Buchmesse: Nur „ein bisschen Trash“?!
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LVZ Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse 2019
22:39 22.03.2019
LVZ AUTOREN ARENA in der Halle 5 auf der Leipziger Buchmesse 2019. Mathias Schönknecht interviewt Bela B. Felsenheimer in der LVZ-Autorenarena. Quelle: André Kempner
Leipzig,

Am zweiten Tag der Leipziger Buchmesse gibt ein Sachbuch den Startschuss in der LVZ-Autorenarena in Halle 5: Heinz Bude mit „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee“. Mit Jana Brechlin diskutiert er den großen Begriff der Solidarität und zeichnet ihn als ein Urverlangen in der heutigen Zeit. „Solidarität ist eine Art Schutz. Viele suchen nach Schutz. Warum wurde Trump gewählt? Er hat protection, Schutz also, versprochen“, sagt der Soziologe. „Aber Solidarität muss man üben. Und man darf sie nicht mit Empathie verwechseln, denn die erschöpft sich in sich selbst.“

Das nächste Buch beschäftigt sich mit einem ähnlichen Thema: „Die Erfindung der bedrohten Republik“. David Goeßmannsetzt sich mit der Flüchtlingskrise auseinander. Im Gespräch mit Björn Meine sagt er: „Die Flüchtlingskrise gab es nicht.“ Der Journalist beschäftigt sich seit Längerem mit Medienanalyse und -kritik. „Zu sagen, dass wir uns schützen müssen gegen Flüchtlinge, weil sie uns ökonomisch auf der Tasche liegen, das stimmt so nicht. Wir können seit 2015 ein Wachstum feststellen,“ konstatiert Goeßmann.

Woher also kommt die Wut vornehmlich im deutschen Osten? Dieser Frage widmet sich Ines Geipel in „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“. André Böhmer fragt ganz konkret nach dem Tod des Bruders und nach ihren Erinnerungen. „Diese Erfahrung auf der Dresdner Palliativ-Station mit ihm, das war der Anlass, dieses Buch zu schreiben. Das verzahnt Familien- und Zeitgeschichte“, sagt die Literaturprofessorin. „Vier Wochen hatten wir, um Abschied zu nehmen. Und wir haben lange diskutiert, was die DDR genau war.“

Björn Meine und der nächste Gast führen weg von der DDR, weiter nach Hamburg: Rocko Schamoni stellt sein neues Buch „Große Freiheit“ vor. Protagonist ist Wolli Köhler, der als Sachse im St. Pauli der 60er eine rasante Veränderung durchläuft, bis er als Puff-Boss berühmt wird. Schamoni, selbst Hamburger, liest eine Passage über „Fummeltanten“, dem damaligen Begriff für Transvestiten. Er spricht sonor, erzeugt einen dunklen Sog, immer mit einem Augenzwinkern in der Stimme. „Sie unterbrechen mich, wenn Sie genug haben, ja?“. Am Ende muss er sich selbst unterbrechen.

Mit Daniela Krien sitzt wieder eine Leipzigerin auf dem Podium. Peter Korfmacher fragt sie zu ihrem zweiten Roman „Die Liebe im Ernstfall“: „Wir blicken in die Seelen und Leben von fünf Frauen. Wie sind diese fünf Protagonistinnen in ihr Buch gekommen?“ Die Antwort überrascht: „Eigentlich sollte der Roman nur von einer Frau, Paula, handeln. Aber dann sind mir die anderen vier begegnet“, gibt Krien Auskunft. Alle fünf, Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde, suchen nach einem Gleichgewicht von Liebe, Leben und der eigenen Persönlichkeit. Und über allem kreist die literarische Liebeserklärung an Leipzig..

„Der Ludwig – jetzt mal so gesehen. Beethoven im Alltag“ beschreibt Korfmacher als „frühe Vorhut der Beethoven-Literatur zum 250. Geburtstag“ im Jahr 2020. Dabei liegt der Schwerpunkt in Konrad Beikirchers Buch nicht auf der Musik des Wiener Klassikers, es geht um den Menschen. „Den muss man“, sagt Korfmacher, „entgegen allen Klischees vom misanthropen Stinkstiefel, „einfach nur liebhaben“. Und das kann und will der Musikwissenschaftler, Wahlbonner aus Südtirol, nicht leugnen. Er spricht von „dem Ludwig“ wie von einem guten Kumpel, der nur zufällig großer Komponist war.

Zum Buchmesse-Freitag hat die LVZ-Redaktion die spannendsten Werke und Autoren herausgepickt.

Volle Hütte auch beim nächsten Gast, der dem weiten Feld Musik ebenfalls nicht fern ist: Bela B Felsenheimer, Ärzte-Schlagzeuger, Schauspieler und jetzt Autor von „Scharnow“. Mathias Schönknecht ordnet den Roman als „Genre-Mischung“ ein: „Du vermischst da Horrorelemente, Krimi, ein bisschen Trash …“ Bela B Felsenheimer lacht: „Ein bisschen Trash?“ Und: „Ich würde Personen in meinem Umfeld nicht raten, Protagonist in meinem Buch zu werden.“ 38 Personen versammelt er in seinem Ritt durch weit voneinander entfernten Literaturecken. Und nicht alle überleben.

Von Trash-Literatur zu „Gegenlauschangriff – Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“, einem persönlichen Blick von Christoph Hein auf noch immer aktuelle deutsch-deutsche Verhältnisse. „Klingt ja sehr martialisch, warum der harte Titel?“, fragt LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer. „Ich habe bei meinen Freunden nachgefragt. Einer wusste gar nicht, was ich meinte, ein anderer sagte gleich: Der letzte deutsch-deutsche Krieg war 1990.“ Anhand persönlicher Erlebnisse schlüsselt er als Zeitzeuge das Ende der DDR und die Umbruch-Zeit auf.

„Warum noch eine Biografie zu Rosa Luxemburg?“, fragt Jan Emendörfer im Anschluss den Münchner Historiker Ernst Piper zu seinem Buch Rosa Luxemburg. Ein Leben“. Seine Antwort leuchtet ein: „Es gibt schon viele Biografien, aber keine aktuelle, mit neuen Fragestellungen, neuen Quellen.“ Die marxistische Denkerin arbeitete für die SPD, konnte als Frau aber kein Mitglied der Partei werden. Piper, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, sieht in ihrer Revolutionstheorie ein neues Interesse, das auch in unserer Zeit aktuellen Bezug aufweist.

„Sterbende in ihrer letzten Stunde begleiten. Was ist daran schön?“, fragt Niko Natsidis. Er führt das Gespräch mit Else Buschheuer über ihr Buch „Hier noch wer zu retten? Über die Liebe, den Tod und das Helfen“, in dem sie ihre Erfahrungen als Sterbebegleiterin beschreibt, aber auch andere persönliche Erfahrungen verarbeitet. „Es geht um dieses gute Gefühl, jemandem geholfen zu haben. Das Glück des anderen wird dann irgendwie auch mein Glück.“

„Wir wollen sie nicht zurück, die DDR“ nimmt Simone Liss vorweg, bevor sie ins Gespräch mit Matthias Krauß einsteigt, der in der Arena sein Buch „Die Große Freiheit ist es nicht geworden“ vorstellt und DDR-Nostalgie durchklingen lässt. Und doch will er einen sachlichen Diskurs zum Thema DDR anstoßen. „Es endete 1990 eine zwiespältige Entwicklung. Und es begann eine zwiespältige Entwicklung. Wer zahlt die Zeche?“ Selbst Journalist, betreibt er in seinem Buch „unverblümte Medienschelte“, wie Liss es nennt.

Von der Nostalgie zur DDR-Widerstandsszene: Peter Wensierski, Spiegel-Journalist, Filmemacher und Autor, stellt in der Arena „Fenster zur Freiheit“ vor. André Böhmer bezeichnet ihn als den „besten Kenner dieser Szene“. Sein Buch beschäftigt sich mit den Radix-Blättern, einem Untergrundverlag der DDR-Opposition. „Das sind die Geschichten, die man Kindern und Kindeskindern immer wieder erzählen muss. Geschichten von Menschen, die Mut hatten. Mut, sich einzumischen“, sagt Wensierski im 30. Jahr nach dem Mauerfall.

Den Abschluss des Buchmesse-Freitags in der LVZ-Autorenarena bildet eine Liebeserklärung an die Sachsen und ihre Bewohner: Anita Kecke befragt Gunter Böhnke zu seinem Buch „Wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Sachsen für Kenner und Neugierige“. Da schmiert der Kabarettist und Gründungsmitglied der Academixer den Sachsen ordentlich Honig ums Maul. Auf Sächsisch natürlich.

Von Katharina Stork

Auf der Leipziger Buchmesse steht am Samstag der traditionell besucherstärkste Tag an. Neben dem klassischen Buchmesse-Publikum werden tausende bunt verkleidete Cosplayer erwartet.

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