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Buchmesse-News Betrügerische Erinnerungen: Saša Stanišićs persönlichstes Buch
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LVZ Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse 2019
10:44 18.03.2019
Saša Stanišić, 41. Quelle: Katja Sämann
Leipzig

Kurz vor dem Ende sieht sich Saša Stanišic vor dem Scheitern. „Ich kann Großmutter nicht jünger und nicht gesünder erzählen“, schreibt er. Da hat er gerade berichtet, wie sie, 87 Jahre alt, ihn im Altenheim in Višegrad zum Abschied tröstet: „Es wird sich alles fügen, hier und da.“ Sie tippt dem Enkel mit dem Zeigefinger auf die Stirn. Doch der legt offen, „dass sie das nicht sagt“. Sie ist dement. „Es stört mich, dass ich mir das für sie ausdenke.“

Ob Stanišics Buch „Herkunft“ ein Roman oder eine Autobiografie ist, darüber haben offenbar weder er selbst noch der Verlag eine Entscheidung gefällt. Große Literatur ist es in jedem Fall. Der 41-Jährige ist ein wunderbarer Erzähler, sprachlich wie kompositorisch. Das hat er schon im Debüt „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ 2006 und in „Vor dem Fest“ gezeigt, dem Roman, für den er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt.

„Herkunft“ ist sein bislang persönlichstes Buch. Erklärtermaßen: „Als meine Großmutter Kristina Erinnerungen zu verlieren begann, begann ich, Erinnerungen zu sammeln.“ Die Leser dürfen ihn dabei beobachten, wie er an der Aufgabe verzweifelt: „Ich habe das Betrügerische der Erinnerung satt und das Betrügerische der Fiktion allmählich auch.“

Roter Stern Belgrad gewinnt den Europapokal – und dann ist Krieg

Die Trauer um die Großmutter und die Auseinandersetzung mit der eigenen Leidenschaft zu erzählen sind nur zwei der fünf Motive, die Stanišic klug ineinanderwebt. Zunächst der Jugoslawienkrieg, der für ihn als Heranwachsenden undenkbar war: Gerade haben sie doch alle den Europapokalsieg von Roter Stern Belgrad bejubelt. Stanišic ist 1978 im heutigen Bosnien und Herzegowina geboren. Der Vater Serbe, die Mutter mit den aufkommenden Nationalismen zur Muslima erklärt, ergriff die Familie 1992 die Flucht: das vierte große Thema des Buchs. Der Zufall führt sie nach Heidelberg. Heute schreibt er von Glück und kann die feindseligen Reaktionen kaum fassen gegen Menschen, die gegenwärtig flüchten müssen.

Mit Heidelberg verbindet Stanišic, der später auch in Leipzig studierte, schöne Erinnerungen. In Višegrad dagegen hat jeder Ort nachträglich seine Unschuld verloren. Was bedeutet für ihn also Herkunft? Das fünfte Hauptmotiv gibt dem Buch die Überschrift.

Ein Austauschschüler aus Boston

Sein in Hamburg aufwachsender Sohn ist Herkunft. Krieg ist Herkunft, die Eltern sind es. Sie mussten Deutschland 1998 verlassen, machten in den USA weiter und leben jetzt in Kroatien, sind aber „nie zuhaus“, wie die Mutter unabsichtlich treffend in die Whats-App-Gruppe schreibt. Die Oma, die ihre Erinnerung verliert, ist Herkunft. Aber am liebsten wäre er die Frage einfach los. Einmal versteht jemand „Boston“ statt „Bosnien“, und Stanišic belässt es dabei: „Ein Austauschschüler aus Boston zu sein, war so viel einfacher als ein Bosnier mit befristeter Aufenthaltserlaubnis.“

Vielleicht flüchtet sich der begnadete Geschichtenerzähler auch deshalb am Ende des Buchs ohne Gattungsbezeichnung ins Fantastische. Wie in interaktiven Abenteuerromanen des Vor-Internet-Zeitalters dürfen die Leser entscheiden, auf welcher Seite sie fortfahren und wie alles endet: im Altenheim? Oder im Drachenhort in den bosnischen Bergen?

Ein Scheitern wartet weder hier noch da. Auf berührende Weise wird die Großmutter recht behalten. Es wird sich alles fügen.

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand; 368 Seiten, 20 Uhr. Der Autor ist am 23. März, 15.30 Uhr, zu Gast in der LVZ-Autorenarena: Halle 5, Stand D 100: Lesen Sie auch: komplettes Programm der LVZ-Autorenarena 2019

Von Mathias Wöbking

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