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Buchmesse-News Gelungene Gesellschaftssatire: Thomas Brussigs neuer Roman „Die Verwandelten“
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LVZ Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse
08:25 19.02.2020
Thomas Brussig kommt mit seinem neuen Roman „Die Verwandelten“ in die LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse. Quelle: Jim Rakete
Leipzig

Hilmar Hüveland ist seit 18 Jahren Bürgermeister von Bräsenfelde. Zu dieser beachtlichen Amtsdauer hat ihm auch die Tatsache verholfen, dass die Mecklenburger nicht scharf auf Veränderung sind. Er ist mit der Kinder- und Jugendpsychologin Wiebke verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder: Fibi (16) und Alexander (7). Alles ist gut, nur die Touristen fehlen, dabei „blickfickt“ Hilmar so gerne zugereiste Frauen. Was aber sollen die in einem Nest, das Bräsenfelde heißt?

Eklatanter Frauenmangel macht die Einheimischen langmütig und unbeweglich, und wenn im Gummistiefelland was zu regeln ist, braucht man dazu keine Polizei. Die Leute haben keine andere Wahl, als zusammen klarzukommen. Hier gibt es noch „Fleckchen ... wo sich die DDR hält und einfach nicht weggeht“.

Ziel vor den Augen

Andere wie zum Beispiel der emeritierte Juraprofessor Hagen Ahlert aus dem Westen spüren hier einem Fluidum von Uwe Johnson nach, wozu Fliege getragen und auf dem Festnetzanschluss beharrt wird. Die Jungen hingegen holen sich die Welt aufs Handy oder senden mit ihm ihre Signale.

Fibi und ihr Freund Aram – so ein Was geht?-Typ, den sie sehr mag – drehen abenteuerliche Youtube-Filmchen und machen den gängigen Facebook-Kram. Sie haben ihre kleinen Visionen. Aram, das Fußballtalent, will nach Hamburg zum „Hasfau“. Fibi hat ihr Vater als Apfelkönigin vorgesehen, um mal eine Attraktion im Ort zu haben, allerdings klingt das ein wenig wie Abfallkönigin. Man hat also ein Ziel vor den Augen, und so könnte es weitergehen.

Possierliche Tiere

Doch wir sind im neuen, wieder hochgradig komischen und unterhaltsamen Roman von Thomas Brussig, und darum kommt bald alles, wirklich alles, ganz anders. Weil im weltweiten Netz jeder Blödsinn zu finden ist, gelangt das jugendliche Paar an eine Anleitung zur Verwandlung in Waschbären. Dazu braucht es einen Cocktail aus diversen Beeren und eine Autowaschanlage, die man gemeinsam über sich ergehen zu lassen hat.

Und so ist es dann passiert: Fibi und Aram werden zu den titelgebenden, auf Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ anspielenden Verwandelten und bevölkern bis zum Romanschluss als possierliche Tiere die Buchseiten, weil partout keine Anleitung für eine Rückverwandlung aufzutreiben ist.

Logisches Zehntagerennen

Thomas Brussig stellt seine absurde Idee einfach mal so hin und spielt sie in einem dann vollkommen logischen Zehntagerennen konsequent durch. Er verlegt alles in die ganz nahe Zukunft des Jahres 2023 und steigert es in einem kleinen dritten Schlussteil noch weiter bis ins Jahr 2026. In diesem erzählerischen Endspurt kann er seinem Affen noch einmal richtig Zucker geben. Viele haben dann schon den Waschbären in sich entdeckt.

Die Wissenschaft ist ratlos, was alle möglichen Pseudos auf den Plan ruft. In Bräsenfelde soll ein Amphitheater für 2500 Leute entstehen, die A-Promis kommen nicht mehr vorbei am Städtchen, Ed Sheeran nimmt Fibi mit nach London, die Chinesen geben viel Geld aus und die jungen Leute stehen in den Autowaschanlagen, aber irgendwann ist Bräsenfelde wieder nur ein Ort in Mecklenburg.

Digitaler Banalisierungsschub

Unterwegs dorthin bringt Thomas Brussig sein Figurenpanoptikum in Stellung und klamaukt mit ihm durch die Ereignisse, wozu er die Spirale unserer tagtäglichen Verirrungen nur einen Tick weiterdreht. Alles wird vom Internet regiert, einem riesigen selbstorganisierten Netzwerk. Der dadurch eingetretene Banalisierungsschub ist immens und scheinbar unumkehrbar. Die Intendantin des Senders, die Familie Hüveland ins Zentrum einer täglichen Familiensoap mit Waschbär stellt, hat die Formel dafür: „Goethe war gestern.“

Alles wird angerissen, blitzt und witzt durchs Bild, ohne breitgetreten zu werden: Transgender und Tinderbalz, Fridays for Future, Talk-Shows und Reality-TV, Veganismus, Feminismus, Stadt-Land-Gefälle, Fake News, abgedrehte Geschäftsideen, Hypes, Sozialverwerfungen, Geflohene, sensationslüsternes Gesocks, das An- und Abschwellen von Medienhysterien – und was das alles mit den Leuten macht. Gute Unterhaltung!

Thomas Brussig: Die Verwandelten. Roman. Wallstein Verlag; 328 Seiten, 20 Euro

Am 12. März, 13.30 Uhr, ist Thomas Brussig zu Gast in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse (Halle 5/Stand D 100);

Buchmesse-Special der LVZ: lvz.de/buchmesse

Von Ulrich Steinmetzger

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