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Buchmesse-News Kafka Band mit Jaroslav Rudiš und Jaromir 99 zum Auftakt der Buchmesse
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LVZ Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse 2019
15:37 21.03.2019
Gründungsväter der Kafka Band: Jaromir Švejdík alias Jaromir 99 (links) und Jaroslav Rudiš in der Schaubühne Lindenfels. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Sich kurz zu fassen, ist nicht die Stärke eines Erzählers. Er habe kürzlich 544 Seiten über eine Eisenbahnfahrt geschrieben, gesteht Jaroslav Rudiš den rund 300 Zuschauern in der Schaubühne Lindenfels. Sein gefeierter Roman Winterbergs letzte Reise“ ist am Donnerstagabend für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Am Abend zuvor hatte Rudiš in der Schaubühne die Musiker der Kafka Band um sich geschart, einer tschechischen Allstar-Truppe, die er vor Jahren zusammen mit dem Comiczeichner Jaromir Švejdík alias Jaromir 99 gegründet hat. 2017 steuerten sie die Klänge zu einer Inszenierung von Franz Kafkas unvollendetem Werk „Amerika“ am Theater Bremen bei – woraus jetzt ein Album und eine kleine Tour hervorgegangen sind, deren Leipziger Termin zum Buchmesse-Auftakt nicht zufällig in den Kalender geplumpst ist.

Eine Eisenbahnfahrt also, 544 Seiten. „Kafka hat dafür nur eine Seite gebraucht“, erwähnt Rudiš, blättert seine Taschenbuchausgabe durch und liest vor: „Sie fuhren zwei Tage und zwei Nächte. Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas. Unermüdlich sah er aus dem Fenster.“ Wie die Triebwerke einer Dampflok treiben die zwei Trommler Zdenek Jurcík und Tomáš Neuwerth die Musik voran. „Von alldem“, spricht Rudiš, „hab’ ich nichts gewusst“, und Švejdík singt mit seiner charismatischen, hohen Stimme das Echo. Auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund zieht eine karge künstliche Landschaft vorüber, weite Farbflächen aus dem Computer.

Die Wahnsinnswucht zweier Schlagzeuger

Ein Band zu gründen, deren Ziel schon im Namen erkennbar darin liegt, die Werke eines der bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Schriftsteller der Moderne in Lieder zu übersetzen, birgt ein gewisses Risiko. Man kann sich schnell mal verheben und es vermutlich eh nie allen recht machen. Da hilft es sehr, dass die Musik der Kafka Band großartig ist. Sonst mit Gruppen wie Priessnitz, Umakart, Tata Bojs oder Lesní zver auf der Bühne, schaffen die fünf Instrumentalisten eine unheimliche Atmosphäre.

Mal wummern sie synthetisch und psychedelisch, mal tupfen sie ihre Töne sachte in den Saal. Mit zwei Schlagzeugern lässt sich eine Wahnsinnswucht entfalten, aber ein paar Takte später streichelt Jurcík ein Glockenspiel, Bassist Libor Palucha zupft eine Mandoline, Keyboarder Jirí Hradil bläst in eine Flöte und Dušan Neuwerth fährt mit einem Bogen über seine Gitarrensaiten.

Švejdíks unaufdringlicher Gesang bildet einen harten Kontrast zu Rudiš’ Slogan-Refrains – und gleichzeitig schmiegt sich beides stimmig aneinander. Die beiden haben bereits beim Verfassen der Graphic Novel „Alois im Nebel“ hervorragend harmoniert. Švejdíks zartes Lied „Der Verschollene – Nezvestný“, das er auf Tschechisch singt, kann einem die Tränen in die Augen treiben.

Karl wird zu Karel

Deutsche und tschechische Zeilen wechseln sich ab, und das ist ein entscheidender Teil des Kunstwerks. „Kafka hat zwar auf Deutsch geschrieben, aber seine zweite Sprache war Tschechisch“, stellt Rudiš fest. „Bei einigen von uns ist es genauso“. Eines der Motive von „Winterbergs Reise“, dem ersten auf Deutsch verfassten Roman des 46-Jährigen, ist das Verschwinden des deutschsprachigen Erbes aus dem einstigen Böhmen. Rudiš hat ein paar Jahre in Leipzig gelebt, mittlerweile wohnt er in Berlin. „Tschechen sind halbe Sachsen“, sagt er gutgelaunt. „Sachsen sind halbe Böhmen. Ob wir wollen oder nicht.“ Auf der Leinwand hinter den Musikern wird Kafkas Held Karl zu Karel.

Amerika“ gehört zu den weniger gelesenen Werken des Schriftstellers. Das merkt auch Rudiš an. „Macht aber nichts.“ Den Inhalt habe man in einem Lied auf die wesentlichen Schlagworte verdichtet. „Auswanderer, Ausschiffung, Anzug, Auto, Arbeit, Ausdauer, atemlos, Amerika“, lautet die erste Strophe des Stücks „A-O GmbH“, dessen Musik ein wenig an Kraftwerk erinnert. Die zweite Strophe: „Onkel, Ordnung, Occidental, Oberkellner, Opfer, Offizier, Oklahoma.“

Mag Kafka auch ein Meister der Kürze in Sachen Eisenbahnfahrt sein: Seine Geschichte, für die er mehr als 300 Taschenbuchseiten benötigte – ohne den Roman überhaupt zu vollenden – kriegt die Kafka Band in knapp zwei Minuten erzählt.

Im Rahmen der Langen Nacht der tschechischen Literatur „Bohemska“ ist Jaroslav Rudiš am Freitag ab 20 Uhr mit anderen Autoren erneut in der Schaubühne Lindenfels, Karl-Heine-Straße 50, zu Gast. Am Samstag liest er bei der ARD-Radio-Kulturnacht: ab 20 Uhr, Alte Handelsbörse, Naschmarkt 1. Zu seinen zahlreichen Auftritten auf dem Messegelände gehört ein Besuch der LVZ-Autorenarena: Sonntag, 11 Uhr, Halle 5, D 100

Von Mathias Wöbking

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