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Buchmesse-News Schicksal auf Schienen: “Winterbergs letzte Reise“ führt durch die Historie Mitteleuropas
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LVZ Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse 2019
17:20 25.02.2019
Jaroslav Rudiš ist mit „Winterbergs letzte Reise“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Quelle: André Kempner
Leipzig

Wie oft musste die Landkarte Mitteleuropas neu gezeichnet werden in den letzten eineinhalb Jahrhunderten mit all diesen Kriegen, die Länder schrumpfen oder verschwinden ließen – und andere ent- oder auferstehen. Länder mit Millionen von Toten unter der Erde. Aber die Zeiten, sie legen sich übereinander wie zwei Hamburger-Hälften, die alles zusammenhalten und letztlich eins werden. Zumindest für Wenzel Winterberg, vertriebener Sudetendeutscher, Protagonist in Jarsolav Rudiš’ Roman „Winterbergs letzte Reise“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Und das erste auf Deutsch verfasste Buch des tschechischen Schriftstellers, der meist in Berlin lebt.

Winterberg wurde 1918 in Liberec geboren, und das Buch spielt in unserer Zeit. Man kann ja rechnen: Der Mann ist 100, dämmert dem Tod entgegen. Aber dann kommt Jan Kraus, Ich-Erzähler des Romans, Sterbebegleiter und Alkoholiker, der Winterberg mit einem Bild des Krematoriums von Liberec zum Sprechen bringt. Jetzt ist der Senior wieder wach – beängstigend wach. Es beginnt eine Zugreise quer durch Europa von Berlin Richtung Sarajevo, auf der Suche nach Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit. Auf der Suche nach der Spur seiner großen Liebe Lenka, einer Jüdin, die vor den Nazis flüchtete.

Das eigenartige Duo Winterberg und Kraus stapft auf seinem morbiden Trip über die verschneiten Schlachtfelder von Königgrätz, wo Rudiš seinen Roman beginnen lässt. Es steigt in Liberec zum Krematorium hinauf, verliert sich in Wien im Heeresgeschichtlichen Museum, strandet vor dem Kerepescher Friedhof in Budapest. „Der Friedhof war schon geschlossen.“ Und: „Winterberg wollte kein Taxi nehmen.“ Winterberg will fast nie ein Taxi nehmen, Winterberg schlägt sich tagelang allein durch Brünn, als Kraus einen Herzinfarkt erleidet, Winterberg bricht einem Widerling die Finger, Winterberg lässt an anderer Stelle „seine Taschen fallen und rannte weg“. Kurz: Winterberg legt für sein Alter eine stupende Agilität an den Tag. Das befremdet natürlich, ist die Schwachstelle des Buches. Aber wenn man ihn als Kunstfigur akzeptiert, dann geht die Konstruktion auf: Der betagte Kauz fungiert als Brennglas, in dem sich mitteleuropäische Geschichte verdichtet. Und in seinem Spleen, grantig die Geschichte zu erklären („Warum schauen Sie historisch nicht durch!“) wird die Kunstfigur menschlich. Seine Suaden atmen dann geradezu den Furor Bernhardscher Figuren.

Mit den historischen Ebenen jongliert Rudiš souverän. Auf fast 550 Romanseiten verbindet er bizarr anmutende Details zu einem stimmigen Amalgam. In einer einfachen Sprache, bewusst von Wiederholungen durchdrungenen, die an das rhythmische Klappern einer historischen Eisenbahnfahrt erinnern.

Im Buch lernt man: 1876 fand in Sachsen der erste europäische Kongress für Feuerbestattung statt. Wenn Rudiš’ mit Dialogen gespickter Erzählsog einsetzt, kann es passieren, dass sogar solche Fakten ins Langzeitgedächtnis wandern. Weil sich die Details mit Bedeutung aufladen oder metaphorisch nachhallen. Das Krematorium etwa von Liberec, das erste im damaligen Österreich, bedeutet für Winterberg einerseits ein Stück Familiengeschichte, weil der Vater dort die ersten Leichen einäscherte. Andererseits ist es wieder so ein Kristallisationspunkt von Geschichte, wenn das dortige Archiv tschechische und deutsche Namen aufreiht als Beleg der damals durchmischten Bevölkerung. Wenn ein Bauwerk, das sich nie bewegt hat, plötzlich in einem anderen Land liegt und neue Regeln gelten.

Die Eisenbahn mit ihrem verbindenden Schienennetz und die böhmische Seele mit ihrer verlorenen Hälfte, der deutschen Sprache, das sind Themen, die Rudiš in seinen Romanen beschäftigen und für die er jetzt eine große Form gefunden hat. Flapsig erzählt, aber raffiniert komponiert. Die historisch weit ausfransenden Enden seines Romans hält er mit einem klugen Kunstgriff zusammen: Winterberg reist mit dem Baedecker für Österreich-Ungarn von 1913. So werden schon veränderte Namen von Hotels zum Zeugen der wechselnden Geschichte, erzählen nicht mehr existente Zugverbindungen von neuen Grenzen.

In geschichtsvergessenen Zeiten proklamiert Winterberg: „Wir alle liegen in einem tiefen, nassen Grab.“ Das gemeinsame Grab im Svíber Wald bei Königgrätz, wo 1866 viele Völker für Österreich kämpften, deren Nachfahren sich heute in ihren neuen Nationalstaaten einigeln. Geschichte verbindet. Und Königgrätz wird im Lauf des Romans zur Metapher für Katastrophen, auch die persönlichen. Im Wiener Heeresmuseum hängt ein Schlachtengemälde von Václav Sochor. Ein Denkmal für „die ganze menschliche Dummheit“, sagt Winterberg. Nur ein Böhme könne eine eigene Niederlage so malen. Nur ein Böhme freue sich auf die nächste verlorene Schlacht. „Und es ist ihm egal, ob er dabei deutsch oder tschechisch spricht.“

Jaroslav Rudiš liest am 28. Februar im Leipziger Literaturhaus: 19.30 Uhr, Gerichtsweg 28, Karten (5/3 Euro) an der Abendkasse; am 24. März ist der Schriftsteller zu Gast in der LVZ-Autorenarena auf der Buchmesse (11 Uhr, Halle 5, Stand D 100); Informationen und Termine auf www.lvz.de/Buchmesse

Von Dimo Rieß

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