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Buchmesse-News Von Illusionen und Wahrheit – vier Nominierte, vier Romane, vier Möglichkeiten
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LVZ Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse 2019
17:45 24.02.2019
Vier der fünf Nominierten für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse: Jaroslav Rudiš, Kenah Cusanit, Anke Stelling und Feridun Zaimoglu (v.l.). Am Freitag haben sie sich in der Schauspiel-Diskothek vorgestellt. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Hatte nur Koldewey den Eindruck, dass sich hier etwas scheinbar endlos wiederholte?“ Der Satz, mit dem Kenah Cusanit ihre kurze Lesung beendet, entbehrt nicht der Komik. Denn der Freitagabend in der Diskothek des Leipziger Schauspielhauses begann mit einer Wiederholung.

Es gab Probleme mit der Funktechnik, weil aber MDR und Deutschlandfunk Kultur einen Mitschnitt senden werden, begrüßten die Moderatoren Carsten Tesch und Jörg Plath zweimal das Publikum im bis auf den letzten Zusatzplatz besetzten Saal. Sie freuten sich doppelt, vier der fünf für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse Nominierten mit ihren Romanen begrüßen zu dürfen.

Thema und Form

Matthias Nawrat („Der traurige Gast“) war verhindert, auf der Bühne nahmen nacheinander Platz: Kenah Cusanit („Babel“), Feridun Zaimoglu („Die Geschichte der Frau“), Jaroslav Rudiš („Winterbergs letzte Reise“) und Anke Stelling („Schäfchen im Trockenen“).

Da bleibt in anderthalb Stunden nicht viel Zeit, jeden in Lesung und Gespräch vorzustellen, doch genügend, um einen Eindruck zu bekommen davon, was diese Autoren, geboren zwischen 1964 und 1979, umtreibt. Und vor allem: wie. An den Verbindungspunkten von Vergangenheit und Gegenwart entfalten sie mit Nonchalance ihr Erzählen.

Für Cusanit, die mit ihrem Romandebüt nominiert ist, stand am Anfang, vor zehn Jahren, Neugier auf diesen Koldewey, der Babylon ausgegraben hat. Dass daraus kein historischer Roman wurde, erklärt die Altorientalistin und Ethnologin so: „Das Thema sucht sich seine Form selbst aus.“

Schmelzende Identitäten

Das diese Form Ironie und Komik nutzt, macht die Lektüre noch vergnüglicher. Und steht für eine Unbefangenheit dem großen Thema gegenüber, die auch Feridun Zaimoglu zu erklären gebeten wird. Denn er, der mit Preisen und Nominierungen Erfahrenste der Runde, hat sich nicht weniger vorgenommen, als mit einem „großen Gesang“ die Lügen der Männer zu tilgen. Dafür schlüpft er in die Figuren der Frauen: Antigone, Brunhild oder Lore Lay.

„Ich weiß, es klingt nach einem großen Schwindel“, sagt er, „aber ich glaube schon auch an die Mittel der Literatur“. Natürlich seien Worte nicht einfach nur Werkzeuge. Zudem verbiete es sich ihm, über die Frauen zu sprechen, als wären sie ein Gegenstand der Erörterung, ein Ideenbehälter.

„Dass die eigene Identität zerschmilzt, habe ich auch im wirklichen Leben immer und immer wieder erfahren“, sagt Zaimoglu. Die Leser „sollten das Gefühl haben: Es geschieht jetzt. Also eine große Illusion.“ Wenn er dann liest, nimmt seine rechte Hand den Rhythmus dieses Gesangs auf. Das ist auch sehenswert.

Irgendwie lachen

Die Autoren von ihren Romanstoffen begeistert zu sehen, trägt zur Unterhaltung bei. Auch bei Jaroslav Rudiš, der erstmals auf Deutsch geschrieben hat und auf der Bühne mitreißend vom Krematorium in Liberec erzählt und dem Verein der Freunde der Feuerbestattung. „Wenn wir Tschechen über den Tod schreiben, muss man aber irgendwie auch lachen“, sagt er. In seinem Roman reist ein Altenpfleger mit einem Alten durch Ostmitteleuropa. Ein Reiseführer aus dem Jahr 1913 ist ihnen dabei durchaus nützlich.

Ganz am Ort und in der Gegenwart bleibt Anke Stelling. „Keine Generation kommt davon, ohne dass die nächste ihr was vorwirft“, sagt Romanheldin Resi und hält ihrer ältesten Tochter eine Verteidigungs- und Aufklärungsrede. Voller Wut spricht sie jede Wahrheit aus. Da liegt im schonungslosen Ernst der Spaß.

Alle vier und natürlich auch der abwesende Matthias Nawrat könnten den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Entschieden und verkündet wird am 21. März, dem ersten Buchmessetag, 16 Uhr in der Glashalle. „Ahoj“ ruft Jaroslav Rudiš zum Abschied. Was ja gleichermaßen eine Begrüßung ist.

Einen Mitschnitt der Veranstaltung sendet MDR Kultur am 2. März um 22 Uhr , Deutschlandfunk Kultur am 3. März, 0.05 Uhr. Am 28. Februar, 19.30 Uhr, liest Jaroslav Rudiš im Literaturhaus Leipzig (Gerichtsweg 28). Am 24. März ist er zu Gast in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse (11 Uhr, Halle 5, Stand D 100), ebenfalls in LVZ-Autorenarena stellt am 21. März, 15 Uhr, Feridun Zaimoglu sein neues Buch vor

Infos und Termine: www.lvz.de/buchmesse

Von Janina Fleischer

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