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LVZ-Autorenarena Politik, Ernst und Komik und ein Jugendbuch: 14 Autoren in 13 Gesprächen am ersten Tag
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LVZ Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse 2019
19:58 21.03.2019
LVZ AUTOREN ARENA in der Halle 5 auf der Leipziger Buchmesse 2019. Jürgen Kleindienst interviewt Feridun Zaimoglu (links). Quelle: Kempner
Leipzig

Heimspiel zu Beginn der LVZ-Autorenarena am ersten Tag der Leipziger Buchmesse: Die Leipziger Autorin Angela Krauß stellt ihr neuestes Prosawerk „Der Strom“, erschienen bei Suhrkamp, im Gespräch mit Jana Brechlin vor. Askese und Öffentlichkeit, diesen zwei Polen stellt sich die Ich-Figur des Romans, sich häufig in einem französischen Restaurant aufhaltend. „Prüfen Sie mal Ihr Leben, Sie haben auch solche individuellen Pole“, sagt die Leipzigerin.

Spannungen, Frequenzen, Ströme, in diesen Bildfeldern bewegt sich Krauß auch im Gespräch, bewusst oder unbewusst inspiriert von ihrem neuesten Werk, das sich auch gedankenstromähnlich dem Leser offenbart.

Tschechien zum Auftakt

„Warum ist das Europa, das Sie beschreiben, so düster?“, fragt Pia Siemer den tschechischen Schriftsteller Jáchym Topol im Anschluss. In seinem neuen Werk „Ein empfindsamer Mensch“ beschreibt er den Europa-Roadtrip einer tschechischen Künstlerfamilie, einer modernen Bohème mit Zügen mittelalterlicher Nomaden.

Tag eins in der LVZ-Autorenarena: Unter anderem mit Feridun Zaimoglu, Ingrid Noll und Pavel Kohout startete die Leipziger Buchmesse 2019.

Europa ist nicht so dunkel. Aber es ist leichter, über das Dunkle zu schreiben“, begründet der Prager die Stimmung im Roman. Übersetzerin Eva Profousová, Co-Gast in der Arena, wollte dieses Morbide in einer unruhigen Sprache aufgreifen, ähnlich einem nervösen Pferd, das auf der Koppel steht und kurz davor ist, zu galoppieren.

Krimikönigin Ingrid Noll

Deutschlands Krimikönigin hat wieder zugeschlagen“, kündigt Armin Görtz die 83-jährige Ingrid Noll an, die bewaffnet mit ihrem neuen Werk „Goldschatz“ in die Arena tritt. Gesellschaftskritisch wird es, denn eine Studenten-WG will sich der Wegwerfgesellschaft entgegenstellen und Tante Emmas Bauernhaus wohnlich wiederverwenden.

„Jede Generation hat ihre eigenen Probleme, da muss man auf die Jungen gar nicht neidisch sein“, sagt sie bestimmt auf Görtz’ Frage nach einem Vergleich zu ihrer Jugend. Auch jetzt gebe es Zukunftsängste – siehe „Fridays for future“.

Nächster Gast in der LVZ-Autorenarena ist Anselm Oelze, Wahlleipziger und studierter Philosoph. Jana Brechlin befragt ihn zu Wallace, seinem belletristischen Erstlingswerk. Alfred Russell Wallace, Artensammler, forschte zeitgleich zu Darwin zum Mechanismus der natürlichen Selektion. „Warum ist der eine erfolgreich und der andere nicht?“, diese ironisch anmutende Frage will Oelze für den unsichtbaren Zweiten nach Darwin beantworten. In Romanform, nicht im Sachbuch, wie Oelze es anfangs im Sinn hatte.#

Vergifteter Dackel und Europa

„Es war ein normales Leben, nur ein bisschen abenteuerlich“, sagt Pavel Kohout, wenn er auf seine vergangenen 90 Jahre zurückblickt. André Böhmer stellt ihn als „einen der berühmtesten Gäste der Buchmesse“ vor. „Aus den Tagebüchern eines Europäers“ ist sein literarischer und politischer Rückblick als Zeitzeuge Europas und Wegbereiter des Prager Frühlings in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In fast akzentfreiem Deutsch berichtet er auszugsweise von seinen europäischen Streifzügen nach Italien, Österreich, dem Verlassen seiner Heimat und der Rückkehr nach Tschechien, die nicht reibungslos verlief, seiner zweiten, der österreichischen, Staatsbürgerschaft – und vom Grab seines vergifteten Dackels.

„War der Mauerfall kein Wunder? Wenn man nach dem Titel geht...“ Diese Frage an Frank Goosen und seinen Roman „Kein Wunder“, brennt LVZ-Redakteur Mark Daniel unter den Nägeln, als er den Stammgast in der Arena begrüßt. Der neue Roman befasst sich mit dem Lebensgefühl im Wendejahr 1989.

„In erster Linie wollte ich eine Komödie schreiben, über jemanden, der zwei Freundinnen hat: eine im Osten und eine im Westen. Der ist nicht scharf auf den Mauerfall.“ Und selbst hat er den Mauerfall im Ruhrgebiet verschlafen, wie Goosen zur Belustigung des Publikums zum Besten gibt.

Gessen über Putin

Beim nächsten Gast wird es noch einmal politisch, ernster: Masha Gessen, die den diesjährigen Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hat, spricht mit Jürgen Kleindienst über „Die Zukunft ist Geschichte“. Hanna Bazanava aus Weißrussland unterstützt spontan bei der Übersetzung. Im Zentrum des Buches stehen vier Menschen der Generation, die in den 80ern geboren sind und ihre Jugend unter Putin verbrachten.

Gessen, 1967 geboren, emigrierte mit ihrer Familie 1981 in die USA, kam wieder nach Russland zurück, musste das Land 2013 wieder verlassen, weil sie mit ihrer Partnerin als gleichgeschlechtliches Paar keine Kinder großziehen durfte. Ihr Buch ist eine differenzierte Abrechnung mit der Putin-Ära. „Dissidententum ist die höchste Form des Patriotismus“, sagt sie.

Mobbing und Erwachsenwerden

„Hinter Glas“ ist das nächste Werk, ein Jugendbuch, geschrieben von Julya Rabinowich, die mit Alice eine Heldin geschaffen hat, die sich in den Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens behaupten muss. „Wieviel hat sie denn mit Alice im Wunderland gemeinsam?“, will Jana Brechlin von der Autorin wissen.

„Sie bewegt sich auch in einer Welt, die sie nicht unter Kontrolle hat“, lautet Rabinowichs Antwort. „Aber sie beißt sich durch, auch durch Gewalterfahrungen wie Mobbing“, stellt Brechlin fest. „Auch wenn man zwischendurch sehr mitleiden muss.“ Mit den ersten Zeilen gibt die geborene Russin und jetzt Wahlwienerin einen Einblick in ihre Sprache.

Nominierter Zaimoglu

„Die Geschichte der Frau“, aufgeschrieben von einem Mann. „Wie geht das?“, fragt Jürgen Kleindienst den deutschen Schriftsteller mit türkischen Eltern, Feridun Zaimoglu. Nominiert für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse, den später Anke Stelling erhalten sollte, sitzt er zwei Stunden vor der Bekanntgabe einigermaßen nervös in der LVZ-Autorenarena und spricht von seinem neuen Werk.

„Ich schreibe nicht als Mann, wenn ich schreibe. Sonst käme ich nicht weit“, sagt er. Das Buch ist der Versuch, die Geschichten von Brunhild oder Antigone nicht aus der männlichen Sicht zu erzählen. „Es scheint nicht ganz misslungen zu sein“, schließt Zaimoglu aus Leserinnen-Reaktionen, die er bei bereits gehaltenen Lesungen erhalten hat.

Fessmann über Kertész

„Im Leben von Imre Kertész ist so manches erstaunlich,“ sagt Thomas Mayer im Gespräch mit Autor Ingo Fessmann. Und tatsächlich hat Kertész viel erlebt, oder besser überlebt: Von Auschwitz nach Buchenwald verlegt, überlebt er den Holocaust und erhält 2002 den Literaturnobelpreis.

Fessmann liest eine Passage, in der er die Tage der Verleihung in Stockholm beschreibt, die er mit seinem Freund Kertész und dessen Frau erlebt hat. Eine Reihe persönlicher Begegnungen und essayistische Betrachtungen zu Kertész breitet Fessmann in Imre Kertész und die Liebe der Deutschen“ aus.

Alte Bekannte zu Gast in der Autorenarena

Zum zweiten Mal sitzt Claudia Rikl in der LVZ-Autorenarena, diesmal mit ihrem zweiten Krimi: „Der stumme Bruder“. Ihr Kommissar Herzberg bekommt seinen zweiten Fall, zu dem Katrin Meincke fragt: „Ist das dein Arbeitstempo? Ein Buch pro Jahr?“ Aber Rikl verneint. „Als der erste Krimi erschienen ist, war der zweite schon so weit, da hat der Verlag die Chance ergriffen.“

Dann liest sie den Anfang ihres neuen Buches. Ihre zarte Stimme steht in groteskem Gegensatz zur brutalen Selbstmordszene, mit der sie einsteigt. Die Handlung springt zwischen 1945 und der Jetzt-Zeit in Mecklenburg-Vorpommern, in der Herzberg ermittelt.

„Die Eingangssequenz ist ja wirklich harter Tobak“, sagt Meincke. Dabei ist ie nicht so weit hergeholt. „Die Szene beruht auf einer wahren Gegebenheit aus dem Krieg, die ich etwas angepasst habe“, antwortet Rikl.

Unterwegs und zuhause

„Immer sind wir überall. Reisen in Italien und Österreich heißt das neue Buch, von Bora Cosic. Viel unterwegs war der Autor schon immer, geboren in Belgrad und 1991 von dort geflohen, nun lebt er in Berlin.

„Aber wo fühlen Sie sich denn zuhause?“, will Thomas Mayer wissen. Die Antwort „Am meisten daheim fühle ich mich im Moment in Leipzig“ provoziert Spontanapplaus in der Arena. „Und das Buch – ist das jetzt Literatur oder ein Reiseführer?“, fragt Mayer im Anschluss. „Beides“ lautet die Antwort. „Jedes Buch ist ein Reiseführer.“

Tunnelbauer im Gespräch

Sie sind sich uneins, aber gemeinsam ein Buch zusammen geschrieben: Fritz Pleitgen und Michail Schischkin beleuchten in ihrem Werk „Frieden oder Krieg. Russland und der Westen – eine Annäherung“ die aktuelle Situation, jeder von seinem Standpunkt aus.

Im letzten Gespräch des ersten Tages mit Olaf Barth erklärt es der EX-WDR-Intendant Pleitgen an seinem 81. Geburtstag so: „Wir sind wie zwei Tunnelbauer, die den Granitfelsen Russland von zwei Seiten aus anbohren. Aber wir werden uns nicht in der Mitte treffen.“

Der Schriftsteller Schischkin und der Journalist Pleitgen schrieben ihre Sichtweisen auf und wollen es dem Leser überlassen, seine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Von Katharina Stork

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