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11:34 30.04.2019
Nelly Schmücking mit ihrem „Feldhasen“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

„Bitte nichts mehr vernichten!“ Es klingt dramatisch, was Museumsdirektor Alfred Weidinger bei der Eröffnung dem anwesenden Erich Wolfgang Hartzsch zuruft. Die Ausstellung ist gewissermaßen ein Kollateralnutzen der kürzlichen Ehrung am gleichen Platz für Klaus Hähner-Springmühl. Dieser ist zwar tot, aber schon kein Geheimtipp mehr. Hartzsch ist quicklebendig, doch hat mit dem Wegwerfen oder Umarbeiten zum Beispiel von Malereien zu Büchern begonnen. 30 Jahre habe sich angeblich niemand für seine Arbeit interessiert, worauf dann noch warten? So ganz wörtlich darf man die Behauptung des Desinteresses allerdings nicht nehmen. Hartzsch hatte in den letzten drei Jahrzehnten mindestens zehn Ausstellungen. Aber am eigenen Mythos mitzubasteln gehört eben zum künstlerischen Tagesgeschäft.

Zu sehen sind mehrere Serien übermalter Fotos. Der Künstler selbst hat die Aufgabe übernommen, die Titel mit grobem Pinsel und schwarzer Farbe auf die Wände zu schreiben. „Gabelbissen“ steht da, „Angst“ oder „fügen und spalten“. Auch wenn die Überarbeitungen der zumeist schwarzweißen Aufnahmen nicht ganz so brutal ist wie beim befreundeten Hähner-Springmühl, wird doch deutlich, dass Hartzsch mit dem herkömmlichen Schönheitsbegriff nichts am Hut hat.

Liebe für das Fragmentarische, Zerrissene, Nebensächliche

Das gilt logischerweise ebenso für die Filme, die er in den achtziger Jahren produzierte. Aufwändig wurden die Super-8-Streifen nun digitalisisert und mit den zugehörigen Kassetten der externen Tonspur in Einklang gebracht, sind aber trotzdem auf klobigen Monitoren der Entstehungszeit zu sehen. Wie auch bei den Bildern wird seine Liebe für das Fragmentarische, Zerrissene, Nebensächliche dargestellt.

Erich Wolfgang Hartzsch wurde 1952 in der Stadt geboren, die ein Jahr später den Namen von Karl Marx übergestülpt bekam. Seinem Studium an einer Filiale der Dresdener Akademie ging eine Ausbildung zum Ingenieur voraus. Karl-Marx-Stadt wurde in den 1970ern zur Kunststadt, vor allem durch die Clara-Mosch-Gruppe. Ihrem verfeinertem Intellektualismus stand Hartzsch aber fern, er fühlte sich eher als Punk. So spielte er auch in einer Band namens Kartoffelschälmaschine mit, deren Produktionen eher als Getöse denn als Musik zu bezeichnen sind. Die Performances, die parallel entstanden, sind Grundlage einiger der Fotoserien. Obwohl man in den Arbeiten keine politischen Aussagen herauslesen kann, musste die Widerspenstigkeit die Stasi natürlich interessieren.

Im benachbarten Saal sieht man eine Konfrontation. Den Tierplastiken der jungen Nelly Schmücking, die heute bei Groitzsch lebt und arbeitet, werden Bronzen des berühmten August Gaul aus Museumsbeständen gegenübergestellt. Gaul hat zwar nicht naturalistisch modelliert, aber dicht dran an der lebenden Materie. Schmücking hingegen zerlegt und reduziert.

Kein österlicher Eierbringer

Diesen Prozess der Dekonstruktion und des Abstrahierens hat sie in den letzten Jahren intensiv vorangetrieben. Bemerkenswert ist, dass durch dieses Zerpflücken die Spezifik der jeweiligen Art besser erkennbar wird als bei pedantischer Detailtreue. Die Löwen sind nicht kuschlig, sondern Raubtiere, die Pinguine keine sympathischen Tolpatsche, sondern Überlebenskünstler. Und dann gibt es da noch den Superhasen, sieben Meter hoch. Er eignet sich nicht als österlicher Eierbringer. Eher mahnt er in seiner Steigerung ins Erhabene daran, genauer hinzusehen, stereotype Vorstellungen in Frage zu stellen.

Nelly Schmücking hat nicht Kunst, sondern Biologie studiert. Dass die genaue Kenntnis von Anatomie und Proportionen diesen Effekt der Charakterisierung trotz aller Reduktion bedingt, bescheinigte ihr bei der Eröffnung am Dienstagabend einer, der es wissen muss – Zoodirektor Jörg Junhold.

Erich Wolfgang Hartzsch. Grünauge / Nelly Schmücking. Meta Physis, Museum der bildenden Künste Leipzig (Katharinenstraße 10; bis 18. August bzw. 21. Juli, Di und Do-So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

Von Jens Kassner

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