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Ausstellungen Stadtgeschichtliches Museum zeigt „Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung“
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23:55 11.09.2019
Jan Šafránek: Altpapiersammler, 1986 (beschnitten). Quelle: Jan Šafránek

Noch heute gilt die Charta 77 als Vorbild für Zivilcourage und moralisches Handeln, für die subversive Kraft von Kunst und Kultur, humane Gesellschaften zu befördern, unabhängig vom politischen System.

Die Ausstellung dokumentiert die Entstehung und Wirkung der berühmten tschechoslowakischen Protestbewegung anhand der Geschichte und Kunstwerke ihrer Unterzeichner und Mitbegründer, darunter Ivan Martin Jirous, der fünfmal in kommunistischen Gefängnissen eingesperrte Dichter, Kunsthistoriker und Spiritus Agens des tschechischen Undergrounds, der Schriftsteller Václav Havel und der Philosoph Jan Patočka, der Nobelpreisträger Jaroslav Seifert und viele andere. Sie alle verband die moralische Überzeugung, dass die Glaubwürdigkeit des tschechoslowakischen Staates darin bestehen müsse, die Prinzipien einzuhalten, zu denen er sich mit Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki 1975 selbst verpflichtete. Zentral war dabei die „Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der Gedanken-, Gewissens-, Religions- und Überzeugungsfreiheit“. Dennoch kam es im August 1976 zur Inhaftierung der Underground-Band „The Plastic People of the Universe“, die sich staatlichen Auflagen verweigerte. Kurz darauf veröffentlichten Jaroslav Seifert, die Philosophen Jan Patočka und Karel Kosík sowie die Foto als Hochzeitsgeschenk an Anna Freimanová und Andrej Krob, Karlsbrücke in Prag, Anfang 1976, Schriftsteller Václav Havel, Ivan Klíma, Pavel Kohout und Ludvík Vaculík in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Brief an Heinrich Böll, in dem sie diesen um Unterstützung für die inhaftierten Musiker baten. Wenige Monate später entstand daraus die Deklaration der Charta 77, die die Verletzungen der Grundrechte im kommunistischen Regime offen anprangerte.

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Bei ihrer Veröffentlichung im Januar 1977 hatte die Charta 241 Unterzeichner, obgleich diese Verhaftungen, Verhören und Gefängnisstrafen ausgesetzt waren, zudem wurden mehr als 200 Unterzeichner im Laufe weniger Jahre zur Emigration gezwungen. Václav Havel schildert die dennoch anhaltende Kraft der Charta 77 in seinem politischen Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ als „jenes plötzliche Gefühl, dass man nicht länger warten kann und dass man gemeinsam und laut die Wahrheit sagen muss – ohne Rücksicht auf alle Sanktionen, die das nach sich ziehen wird; auch ohne Rücksicht darauf, dass die Hoffnung, damit in absehbarer Zeit irgendwelche sichtbaren Ergebnisse zu erreichen, sehr vage war.“ Die Initiative wuchs stetig an und blieb mit ihrer kreativen, ironischen und subversiven Wirkmacht wichtiger Bestandteil der Opposition bis November 1989, wo sie nahezu 1.900 Unterzeichner aufwies.

Foto als Hochzeitsgeschenk an Anna Freimanová und Andrej Krob, Karlsbrücke in Prag, Anfang 1976. Quelle: Ondřej Němec

Ergänzend zur Ausstellung des Prager Nationalmuseums stellt das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig die Folgen der Charta 77 für West- und Ostdeutschland bis zur Friedlichen Revolution von 1989 dar. Sie zeigt die Reaktionen in der Bundesrepublik sowie der DDR. Große Bedeutung hatte die tschechoslowakische Bürgerrechtsbewegung dort für Oppositionsgruppen, die sich häufig unter dem Dach der Kirche sammelten. Neben Berlin war Leipzig ein Zentrum für unangepasste Kunst und Protestbewegungen.

Dr. Johanna Sänger, Kuratorin des deutschen Ausstellungsteils stellte heraus: „Die Charta 77 machte den Menschen Mut, für Wahrheit und Freiheit in ihrem Alltag einzustehen. Auch heute beeindruckt die Fröhlichkeit ihrer Aktionen. Das macht neugierig auf ihre Geschichte.“ Und Zuzana Brikcius, Zeitzeugin, Autorin und Kuratorin der Ausstellung betonte: „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Freiheit jene am besten genießen, die sie würdigen können!“

Die Ausstellung „Charta 77 Story“ wird begleitet durch ein umfangreiches Rahmenprogramm.

Am Mittwoch, dem 18. September, wird um 17 Uhr Dr. Yvonne Fiedler in einer Führung die kreative Bewegung vor ihrem historischen Hintergrund vorstellen. Mit eindrucksvollen Fotos, Dokumenten, Samizdat, Kunstwerken und Filmausschnitten erinnert die Ausstellung an die wichtigsten Unterzeichner der Charta 77 aus dem künstlerischen Untergrund der ĈSSR.

Václav Havel, Foto als Hochzeitsgeschenk an Anna Freimanová und Andrej Krob, Hrádeček, 1978. Quelle: Jan Kaspar

Bekannte tschechische und deutsche Zeitzeugen werden unter dem Titel „Charta 77. Ein Protest und seine Wirkung“ am 24. September 2019 über diese spannungsreiche Zeit diskutieren.

Außerdem gibt es zwei Filmvorführungen: Am 13.10.2019 wird der Film „Učitel‘ka“ („Die Lehrerin“) von Jan Hřebejk (2016) im Passage Kino gezeigt: Eine Lehrerin mit engen Verbindungen zur kommunistischen Partei zwingt Schüler wie Eltern sich für eine politische Haltung zu entscheiden. Am 10.11.2019 folgt „Občan Havel“ („Bürger Havel“) von Pavel Koutecký (2008): Der Dokumentarfilm über Václav Havel handelt von der Amtszeit des früheren tschechischen Präsidenten und gibt auch private Einblicke in dessen Leben.

„Charta 77 Story“ ist eine Ausstellung der Tschechischen Nationalgalerie Prag in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek Brünn (Tschechien2019Leipzig) und dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig. Gefördert von dem Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Unterstützt durch die Václav Havel Bibliothek und Bibliothek Libri Prohibiti. Autorin der Ausstellung: Zuzana Brikcius, Kuratorinnen: Zuzana Brikcius und Dr. Johanna Sänger (deutscher Ausstellungsteil).

Ausstellungsdauer
11. September bis 17. November 2019
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag: 10 Uhr bis 18.00 Uhr
an Feiertagen:  10.00 Uhr bis 18.00 Uhr

Eintrittspreise
Erwachsene: 5,00 €
Ermäßigungsberechtigte: 3,50 €
Kinder: frei bis 18 Jahre

Am jeweils ersten Mittwoch im Monat ist der Eintritt frei.

Kontakt und Information
Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Haus Böttchergäßchen
Böttchergäßchen 3
04109 Leipzig

Telefon: 0341 / 965130
Telefax: 0341 / 9651352

E-Mail: stadtmuseum@leipzig.de

PM / red

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