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11:29 07.08.2019
Fein säuberlich durchgeschnitten: Via Lewandowskys Leipziger Version seines „Berliner Zimmers“ von 2002. Quelle: André Kempner
Leipzig

Die „gute Stube“ ist säuberlich durchgeschnitten. Auch wenn jeder Seite ein halber Papagei zugestanden wird, ist die Teilung alles andere als symmetrisch. Geschirr und Schallplatten stehen auf der westlichen Seite, auch die Uhr tickt dort. Via Lewandowsky hat eine Leipziger Version seines „Berliner Zimmers“ von 2002 mit dem Untertitel „Geteiltes Leid ist halbes Elend“ angefertigt. Der als Student zu den Dresdener „Autoperforationsartisten“ gehörende Lewandowsky weiß, wovon er spricht. Er verließ die DDR noch 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall, Richtung Westberlin.

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution behandelt das Leipziger Museum der bildenden Künste in einer großen Ausstellung die Zeit vor, während und nach der Wende. „Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“ zeigt auf etwa 2000 Quadratmetern mehr als 300 Werke aller Gattungen von 106 Künstlern.

Andere sind noch eher gegangen, Volker Stelzmann etwa oder Hans-Hendrik Grimmling. Viele sind geblieben und haben den Bruch hautnah erlebt, wieder andere waren 1989 noch Kinder wie die 1975 in Dresden geborene Frenzy Höhne. Ebenso Henrike Naumann, Jahrgang 1984, die den diesjährigen Kunstpreis der LVZ erhält. Selbst bei den Jüngsten ist die Teilung nach wie vor ein Thema.

Ein Diagnoseversuch

Es ist also keine retrospektive Ausstellung von DDR-Kunst, sondern ein Diagnoseversuch zu Kunst mit ostdeutschen Wurzeln über den Einschnitt von Grenzöffnung und Wiedervereinigung hinweg. Das unterscheidet sie von der Weimarer „Ikarus“-Ausstellung von 2012. Jener Punkt, der kein Zurück mehr zuließ, war gerade auch für unangepasste Künstlerinnen und Künstler ein tiefer Fall, verbunden mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Vorurteilen von westlicher Seite bis hin zu pauschalen Verurteilungen á la Baselitz.

Direktor Alfred Weidinger berichtet von seinem Erstaunen, wie wenig Literatur zu ostdeutscher Kunst er vorfand, als er vor zwei Jahren sein Art in Leipzig antrat. „In Österreich muss man angestrengt suchen, zu wem man noch substanziell arbeiten kann.“ Hier aber seien viele Namen fast vergessen oder das Werk zumindest nicht aufgearbeitet.

Zum Thema

Dass er den Dresdener Paul Kaiser und den Berliner Christoph Tannert als sachkundige Kuratoren zusammenbrachte, hat eine gewisse Brisanz. Als „altersmilde“ bezeichnet es Tannert, dass er sich auf die Kooperation mit dem jüngeren Kollegen einließ, mit dem er sich viele Jahre gestritten hat über die historische Einordnung der ostdeutschen Kunst. Das Ergebnis, das für beide sogar noch Neuentdeckungen brachte, kann sich sehen lassen.

Es wird nicht chronologisch sortiert, auch werden keine „Schulen“ gruppiert, vielmehr thematische Umkreisungen. So ergeben sich manchmal überraschende Konkordanzen zwischen geografischen Standorten, die sich in Konkurrenz wähnten. Trotz des beachtlichen Umfanges kann selbstverständlich keine Vollständigkeit angestrebt werden. Dass aber die Karl-Marx-Städter beziehungsweise Chemnitzer Szene auf Klaus Hähner-Springmühl und Erich-Wolfgang Hartzsch reduziert wird, die zudem gerade Personalschauen im Haus hatten, ist ein Manko des Konzeptes.

Ein ganzer Raum für Doris Zieglers Zyklus „Passage“

Doris Ziegler, bis vor fünf Jahren Professorin an der HGB, bekommt einen ganzen Raum für ihren Zyklus „Passage“. Die Serie von Gemälden kann exemplarisch stehen für die „geteilte Zeit“, da sie von 1988 bis 1994 entstand. Den Begriff Passage darf man wörtlich nehmen, sind die Schauplätze doch zum großen Teil Leipziger innerstädtische Durchgänge. Aber es ist eben auch der Übergang zwischen den gesellschaftlichen Zuständen. Sie selbst stellt sich immer wieder in den Mittelpunkt des theatralischen Geschehens, selbstbewusst, aber nicht gerade optimistisch wirkend. Ist beim frühesten Bild noch ein gewisser Trotz spürbar, weicht dieser im Laufe der Jahre offenbar einer Resignation.

Es fehlen nicht die Künstler, denen man staatstragende Funktionen nachsagt. Selbst da sollte man aber differenzieren zwischen dem Starrkopf Willi Sitte und einem vorsichtigen, aber kritischen Geist wie Wolfgang Mattheuer, dazwischen Heisig und Tübke.

Breiteren Raum jedoch nehmen die mehr oder weniger unangepassten Akteure ein, denen Paul Kaiser eine antizipatorische Fähigkeit attestiert. Das Feld der Abstraktion wird aber praktisch vollständig ausgespart. Unbehagen oder gar Widerstand konnte sich verschieden ausdrücken. Erzählerische Bilder mit mythologischen Metaphern als Verpackung waren nicht allein in Leipzig beliebt. Manchmal reichte aber auch die triste Farbpalette, die Expressivität eines Hartwig Ebersbach, die Darstellung sogenannter Außenseiter wie bei Clemens Gröszer oder die Konzentration auf feministische Motive wie bei Angela Hampel aus.

Doch sogar die an die Pop Art angelehnte Farbenfreude des Hallensers Wasja Götze und seines Sohnes Moritz Götze passte nicht in die Vorstellungen der Obrigkeit. Bei Hans Ticha korrespondiert die plakative Darstellung sogar direkt mit politischen Aussagen. Wurde dies zumindest geduldet, so musste der Jenaer Frank Rub 1983 ins Gefängnis – nicht wegen politischer Aktionen, nur der Aussage seiner Bilder wegen.

Es gibt viel zu tun

Der übergroße Teil der Arbeiten in der Ausstellung stammt aus dem Besitz der Künstler oder von privaten Sammlern. Nur etwa 15 Prozent sind Bestand von Museen. Darum weist Weidinger auf die Dringlichkeit der Aufarbeitung und Sicherung nicht allein der Vor- und Nachlässe hin, schon biologischer Prozesse wegen. Gerade erst ist der mit drei Bildern vertretene Eberhard Havekost gestorben. Wichtig seien auch direkte Kontakte. Während der 16 Wochen der Ausstellung wird es als einen kleinen Beitrag zu dieser Aufgabe wöchentlich einen Podcast mit vertretenen Künstlerinnen und Künstlern geben. Dennoch: Es gibt viel zu tun.

Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst; Museum der bildenden Künste (Katharinenstraße 10), bis 3. November 2019, Di und Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

Von Jens Kassner

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