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09:25 13.06.2019
Die „Madonna mit dem Jesuskind“ aus dem Jahr 1526 (Ausschnitt). Am Donnerstag wurde sie probeweise in der Wand verankert, ab Juli soll sie dauerhaft präsentiert werden.. Quelle: Karola Bauer/ Grassimuseum für Angewandte Kunst
Leipzig

Hundert Mal nachgesehen, nachgedacht, nachgefragt – aber das entscheidende Puzzleteil fehlt. Einen „cold case“ nennt man in der Kriminologie einen liegen gebliebenen, unaufgeklärten Fall. Durchaus detektivische Züge hatte die Recherche von Thomas Rudi, Kurator für Historische Sammlungen im Museum für Angewandte Kunst, zur „Maria mit dem Jesuskind“ aus dem Jahr 1526. In einigen Wochen soll sie in der Dauerausstellung präsentiert werden, am Donnerstag wurde sie probeweise in der vorbereiteten Stützkonstruktion angebracht.

Einst für das „FührermuseumAdolf Hitlers angekauft

Dass die aus der Werkstatt des berühmten Florentiner Renaissance-Künstlers Giovanni della Robbia (1469–1529) stammende, 240 Zentimeter hohe, aus Terrakotta bestehende Figurengruppe eine bewegte Geschichte hinter sich hat, war klar. 1941 war sie für das im österreichischen Linz geplante „FührermuseumAdolf Hitlers angekauft worden. Nach dem Krieg beschlagnahmten die Alliierten die Sammlung und brachten sie nach München. Jene Kunstwerke, denen keine Eigentümer zugeordnet werden konnten, für die es keinen Restitutionsanspruch gab, gelangten seit Mitte der 60er Jahre als Dauerleihgaben des Bundes in deutsche Museen. Seit 2012 ist die Madonna in der Sammlung des Grassi, zuvor war sie im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ausgestellt. Dort hat sie Thomas Rudi zum ersten Mal gesehen 1996, als er dort sein Volontariat absolvierte.

In Hamburg wird die Figurengruppe nur als Fragment ausgestellt

Aber woher stammt sie, wie war sie ausgestellt, bevor sie 1941 von Prinz Philipp von Hessen für Linz angekauft worden war? Das war nicht nur an sich interessant, sondern auch wichtig für die Präsentation im Museum. Denn die neue Leipziger Madonna ist unvollständig. „Sie war schon ein besonderes Objekt, aber sie wurde damals in Hamburg als Fragment ausgestellt, weil die architektonische Rahmung nur in Teilen erhalten ist. Das sah nicht schlüssig aus“, erinnert sich Rudi. Die Hamburger Kollegen, die ebenso wie die Münchner das Rätsel der Herkunft nicht knacken konnten, gaben die Figurengruppe an das Bundesverwaltungsamt in Berlin, weil sie Platz für eigene Exponate brauchten. Dort holten sie die Leipziger ab.

Aber wie soll sie hier gezeigt werden? Kann man die verlorenen Teile rekonstruieren? „Gefühlt hunderte von Büchern“ habe er deshalb über die della Robbias durchgearbeitet, erzählt Rudi. Die Florentiner Bildhauerfamilie revolutionierte damals die Kunst, stellte Reliefs und Figuren aus Keramik her, ein deutlich preiswerterer Werkstoff als Marmor oder Bronze. Rudi achtet bei seiner Recherche darauf, wie eine passende Ergänzung aussehen könnte, bald hat er eine Vielzahl von Vorbildern für eine freie Rekonstruktion zusammen.

Ein Katalog von 1998 bringt die Lösung

Irgendwann nimmt er sich einen Katalog von 1998 vor, den er schon ein paar Mal durchgeblättert hat – wie ein Detektiv der bei einem „cold case“ noch einmal alles durchgeht. „Ich habe mir den ganz genau angesehen, Bild für Bild. Man ist ja betriebsblind, außerdem habe ich immer etwas anderes gesucht: Details von Altären, wie die Figuren dargestellt werden.“

Diesmal entdeckt er, eher klein, eine Aufnahme aus den 1890er Jahren, die er zuvor überblättert hatte. Sie zeigt die Kapelle des Kastells Vincigliata bei Fiesole in der Nähe von Florenz – „und darauf ist unsere Figur zu sehen mit der Datierung Anno Domini 1526. Das war einfach ein Riesenglück“, sagt der Kurator.

Ein Detailabgleich anhand historischer Fotos schafft Klarheit

Anfangs sei er nicht sicher gewesen, ob der Fund wirklich ein Volltreffer ist. Eigenartig ist, dass der Umhang der Maria in Wirklichkeit blau ist, auf dem alten Foto aber hell. Rudi vermutet, dass das mit der Fotografie oder der Reproduktion zu tun haben könnte. „Ich habe Details verglichen und den Fotografen herausfinden können.“ Carlo Brogi (1850–1925) ist es, der die Aufnahme gemacht hat. Rudi bestellt dieses und weitere Fotos bei einem Archiv in Florenz. „Mit einem Detailabgleich konnte ich klarstellen, dass es tatsächlich unsere Figur ist.“

Rudi forscht nun über die Geschichte des Kastells und kann große Teile der Provenienzgeschichte der Madonna rekonstruieren. John Temple Leader (1810–1903), ein wohlhabender Engländer aus sehr reichem Haus entdeckt das verfallene und überwucherte Kastell bei einer längeren Wanderung. Leader, für den Geld keine Rolle spielt, findet es romantisch, kauft die ungewöhnliche Immobilie 1855 und beschließt, sie zu sanieren, was zwölf Jahre dauert. Thomas Rudi: „Er hat es im Stil der Neogotik restauriert und dafür zahlreiche Objekte und in dem Zusammenhang wahrscheinlich auch unsere Madonna erworben.“

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1903 stirbt Leader, Kastell und Kunstsammlung erbt sein Neffe. 1917 erwirbt der römische Baron Alberto Fassini die „Maria mit dem Jesuskind“, Ende der 1930er Jahre gelangt sie in den Kunsthandel und wird 1941 für das „Führermuseum“ angekauft. Rudi findet auch heraus, wo sie Leader damals herhatte. 1897 wird die Madonna erstmals in einer Publikation über das Kastell Vincigliata erwähnt. Demnach war sie zuvor im Besitz von Marchese Corsi-Salviati, befand sich in dessen Palazzo in Florenz. „Ich denke, weiter zurück wird man nicht kommen. Möglicherweise war das der Ort, an dem sie von Anfang an war“, meint Rudi.

Keramikkünstlerin ergänzt verlorene Teile

Die verlorenen Teile der architektonischen Rahmens konnten inzwischen anhand der historischen Fotos rekonstruiert werden. Besonders wichtig war es, die Maße eindeutig zu bestimmen. Das Museum konnte die Keramik-Künstlerin Rosi Steinbach für die Ergänzungen gewinnen. „Rekonstruiert werden mussten die Konsole mit der Datierung und dem Blattkranz, die gesamte seitliche Rahmung mit den Pilastern und die bemalte hochrechteckige Wandfläche hinter der Figur“, erklärt Rudi. Der Restaurator Jürgen Hampp sei für die Stützkonstruktion zuständig gewesen, die alle Teile des Rahmens und der Figur zusammenhält und in der Wand verankert.

Im Juli, schätzt Kurator Thomas Rudi, kann die „Maria mit dem Jesuskind“ in der Dauerausstellung bewundert werden. Der Fall ist gelöst.

Von Jürgen Kleindienst

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