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16:47 21.05.2019
Insgesamt 36 Teller aus Kaiserin Joséphines Service hat Günther Sterba (96, M.) dem Grassimuseum geschenkt. Olaf Thormann (l.) und Thomas Rudi freuen sich sehr darüber. Quelle: André Kempner
Leipzig

Er hat sie geliebt. „Ich küsse Dich dreimal, einmal Dein Herz, einmal Deinen Mund, einmal Deine Augen.“ So schloss Napoleon 1795 einen Brief an seine spätere Frau und Kaiserin Joséphine von Frankreich. Das Paar hatte sich zuvor gestritten.

Täglich schrieb er ihr, war ganz hingerissen von der geschmackssicheren und lebenslustigen 1763 auf der Karibikinsel Martinique geborenen Tochter eines Plantagenbesitzers, die 1794 in Paris nur knapp dem Schafott entkommen war. Um 1806/07 schenkte er ihr ein umfangreiches Tafelservice, das in der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin angefertigt worden war. Nach ihrem Tod 1814 wurde es versteigert und in alle Winde verstreut. Lange galt es als verschollen.

Das mit 36 Desserttellern größte Konvolut des auf 144 Teile geschätzte Service hat jetzt das Leipziger Grassimuseum für Angewandte Kunst als Schenkung erhalten und am Mittwoch öffentlich präsentiert. „Eine Sternstunde für unser Museum“ sei das, sagt Direktor Olaf Thormann. Zu verdanken ist sie der Sammelleidenschaft des in Markkleeberg lebenden international renommierten Zoologen und Fischkundlers Günther Sterba, vielen auch bekannt durch seine in hohen Auflagen veröffentlichten Fisch- und Aquarienbücher.

Der erste Teller war „spottbillig“

Sterba, 96 Jahre alt, immer noch hellwach und freundlich-zugewandt, wollte nach eigenem Bekunden eigentlich Bildhauer werden, das Interesse an Kunst wurzele tief in der Familie, erzählt der Wissenschaftler. Den ersten der Teller, erinnert er sich, kaufte er Mitte der 80er im Kunsthandel in der Leipziger Fleischergasse, „die waren damals spottbillig“.

Was für einen Schatz er da erworben hat, wird ihm erst nach und nach klar. Er recherchiert, liest, die Leidenschaft erwacht. Nach der Wende erwirbt er weitere Stücke bei Auktionshäusern in Berlin und Stuttgart. Man informiert ihn, wenn wieder eines dieser feinen, hervorragend erhaltenen Stücke auf dem Markt ist. Erst 1965 war der erste Teller in Köln auf den Markt gekommen.

Teller als Gesprächsstoff

Teller, die sich auf dem 1799 erworbenen Schloss Malmaison westlich von Paris befanden. Ob Kaiserin, Kaiser und Gäste wie etwa Zar Alexander oder Alexander von Humboldt tatsächlich ihren Kuchen von diesem Porzellan aßen, ist nicht sicher. Gesprächsstoff waren sie allemal, denn sie zeigen nach grafischen Vorlagen entstandene Darstellungen der Blätter und Blüten von Pflanzen, die damals von den Expeditionen nach Europa gebracht wurden. Zu sehen sind jeweils detailliert dargestellten Einzelpflanzen in der Mitte und ein Blattkranz in Sepiamalerei auf dem Rand.

Die Motive dürften nicht zufällig gewählt sein: Joséphine studierte Botanik, Napoleons Soldaten hatten den Auftrag, Rosen, die sie während der Kriegszüge fanden, nach Malmaison zu senden. Der Naturfoscher Aimé Jaques Bonpland, der mit Humboldt in Südamerika war, betreute die Gärten in Malmaison, in denen auch viele der auf den Tellern dargestellten Pflanzen kultiviert wurden.

Botanik und Romantik

Und wenn wieder eine bislang unbekannte Art entdeckt worden war, brauchte sie einen Namen, der gerne kaiserlich klingen durfte. So heißt ein in Australien heimisches Sesamgewächs seither Josephinia imperatricis. Eine andere Pflanze trägt den Namen Calomeria amaranthoides; Calomeria ist die griechische Version von „Bonaparte“. Beide Pflanzen – Joséphine außen, Napoleon innen – befinden sich auf einem der Teller, die Sterba dem Museum schenkte. Hier sprechen Blumen, gehen Botanik und Romantik ineinander über – ein Befund der auch durch ein um 1805 entstandenes Gemälde von Robert Lefèvre unterstützt wird: Es zeigt die Kaiserin, die mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf eine blühende Calomeria deutet. Das Gemälde gehört der städtischen Sammlung Aachen und befindet sich im Rathaus der Stadt.

Laut Günther Sterba, der 1959 zum Direktor des Zoologischen Institutes der Karl-Marx-Universität Leipzig ernannt und zwei Jahre später zum Professor mit Lehrstuhl für Zoologie berufen wurde, gibt es noch einen weiteren Teller, auf dem zwei andere nach dem Kaiserpaar benannte Pflanzenarten zusammen dargestellt werden. „Es wäre großartig, wenn das Museum herausfinden könnte, wo sich dieser Teller heute befindet“, sagt er. Sicher ist, dass einige Teller in die ständige Ausstellung integriert werden und im Herbst eine kleine Schau zu der Schenkung gezeigt wird.

„Es gibt keinen besseren Ort“

Ihr Gesamtwert lässt sich nur erahnen. Im Mai 2017 etwa wurde ein „Teller aus dem botanischen Service für Kaiserin Joséphine“ bei Lempertz in Berlin für 3700 Euro verkauft, weitere Stücke sind nur für ein Vielfaches zu haben. Eigentlich, dachte Sterba, sei es richtig gewesen, das einmalige Konvolut dahin zu geben, wo es ursprünglich herkam, nach Schloss Malmaison. Dort habe man das Angebot aber nicht angemessen zu schätzen gewusst. Ein Glücksfall für Leipzig.

Auch Petra Fink-Sterba, die mit ihrem Vater in einem Haus in Markkleeberg zusammenlebt, ist sehr froh über die Entscheidung, dass der Porzellanschatz ins Grassimuseum kommt. „Es gibt keinen besseren Ort.“

Von Jürgen Kleindienst

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