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14:42 15.01.2020
Kehrt nach Leipzig zurück: Oskar Molls „Stillleben mit Mohn und schwarzer Kanne“ (1916, Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm, Ausschnitt). Quelle: Bayer AG / Dirk Hansen
Leipzig

Die Wunde schmerzt bis heute. Fast 400 Werke, Gemälde und Grafik vor allem des Expressionismus beschlagnahmten die Nationalsozialisten 1937 im Rahmen der Propagandaaktion „Entartete Kunst“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Eines der verlorenen Bilder, das „Stillleben mit Mohn und schwarzer Kanne“ von Oskar Moll (1875–1947), kehrt jetzt zurück. Am 21. Januar wird es offiziell dem Museum zurückgegeben – nicht als Restitution, sondern als Schenkung der Bayer AG. 1916 hatte Moll das Bild gemalt. 1920, als es das Museum erwarb, war er Professor an der Staatlichen Akademie für Kunst und Gewerbe in Breslau, deren Direktor er 1926 wurde.

Keine juristische Handhabe für eine Rückgabe

Warum kommt das Bild ausgerechnet jetzt, über 80 Jahre nach dem Verlust zurück? Seit vier Jahren befasst sich Birgit Brunk mit Provenienzforschung im Museum der bildenden Künste, finanziert vom Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg. Eher ein Nebenprojekt ist ihre Aufarbeitung der „Entartete Kunst“-Aktion, die sie mit Unterstützung des Neuen Leipziger Kunstvereins unternimmt. „Dabei sind wir auch auf das Stillleben von Oskar Moll gestoßen, konnten es zuordnen.“ Seit 1951 befindet es sich in der Kunstsammlung der Bayer AG. Das war im Sommer 2019. „Ich habe mich gefreut, dass es das Bild noch gibt, es also nicht zerstört ist und sich in guten Händen befindet.“ Damit war für Brunk die Sache erledigt, denn eine juristische Handhabe für eine Rückgabe des Bildes gibt es nicht. Es handelt sich nicht um Raub- oder Beutekunst.

Zwei Personen forschten gleichzeitig

Zwei Tage später geht bei der Kunsthistorikerin eine E-Mail ein. Eine engagierte Praktikantin hatte für die Bayer AG die Kunstbestände durchforstet, war auch auf genau dieses Bild gestoßen und wollte ihren Verdacht, dass es sich ursprünglich in Leipzig befand, abgleichen. Es hatten also zwei Personen unabhängig voneinander zu dem Moll-Stillleben geforscht.

Einen Monat danach meldet sich Thomas Helfrich, Leiter von Bayer Kultur, bei Museumsdirektor Alfred Weidinger. Man wolle das Bild nach Leipzig zurückgeben, obwohl keine Verpflichtung besteht, da es gutgläubig und rechtmäßig vom Kölnischen Kunstverein erworben worden war.

Das Bild soll nun im 1. Obergeschoss gezeigt werden, zusammen mit Oskar Kokoschkas „Genfer Seelandschaft I“, die ebenfalls verschwunden war und 1993 aus Schweizer Privatbesitz angekauft werden konnte, und dem „Liebespaar“ von Otto Mueller, gleichfalls ein im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ konfisziertes Gemälde.

Die Kunsthändler der Nazis

Für den Verkauf der beschlagnahmten Kunst im Ausland, „Verwertungsaktion“ genannt, wurden vier Kunsthändler bestimmt – Hildebrand Gurlitt, Karl Buchholz, Ferdinand Möller und Bernhard A. Böhmer. Das Moll-Bild ging zunächst an Buchholz. Nachdem er keinen Käufer gefunden hatte, gelangte es in die Obhut von Böhmer, der die Objekte an seinen damaligen Wohnort Güstrow auslagerte. Nach seinem Selbstmord im Mai 1945 landeten viele Kunstwerke im Kunsthandel, auch das Moll-Bild.

Eine Schenkung mit Signalwirkung? Auf jeden Fall eine faire Geste eines Konzerns, zu dessen Sammlung nach eigenen Angaben rund 5500 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen des 20. Jahrhunderts gehören. Das „Stillleben mit Mohn und schwarzer Kanne“, laut Bayer „ein wunderbares Beispiel für die Matisse-Rezeption im deutschen Expressionismus“, habe zu den ersten Ankäufen für die Kunstsammlung des Unternehmens nach Kriegsende gehört, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns. Es stehe exemplarisch für das damalige Verständnis von Wiedergutmachung. „Die als ,entartet’ diffamierten Künstler des Expressionismus wurden in Ausstellungen rehabilitiert und ihre Werke für die Ausstattung der Firmenzentrale und Büros erworben.“

„Causa Gurlitt“ führte zu Umdenken

Die Herkunft der Kunstwerke, so heißt es in der Mitteilung von Bayer weiter, sei in den Jahrzehnten nach 1945 weder für die Händler noch für die Sammler von Interesse gewesen. Erst Restitutionsprozesse und die „Causa Gurlitt“ hätten zu einer Aufarbeitung geführt. Bei Bayer sei 2019 mit der Provenienzforschung zu den Werken, die vor 1945 entstanden, begonnen worden. „Aus Sicht von Bayer gehört das Bild wieder in den Besitz des Museums, das sich schon während der Weimarer Republik für die Moderne einsetzte und 1937 dieser Sammlung durch einen Unrechtsstaat beraubt wurde.“ Im besten Fall werde das Werk damit zu einem „Beispiel für ein neues Verständnis von gesellschaftlicher und kultureller Verantwortung im 21. Jahrhundert“.

Verkauf des „Dresdner Mars“ brachte Bayer AG Kritik ein

Etwa 20.000 bis 60.000 Euro erzielten vergleichbare Werke von Moll bei Auktionen. Da ist der Verlust bei Bayer vielleicht zu verschmerzen. Heftige Kritik hatte das Unternehmen 2018 auf sich gezogen, als es die als „Dresdner Mars“ bekannte Statuette von Giambologna bei Sotheby’s in London versteigern wollte. Mit drei bis fünf Millionen Pfund war sie bewertet worden. 300 Jahre war sie Teil der Kunstsammlung der sächsischen Kurfürsten gewesen, 1924 wurde die Skulptur aus dem 16. Jahrhundert im Rahmen der Fürstenabfindung an den „Familienverein Haus Wettin“ abgegeben, landete in Privatbesitz und 1988 schließlich bei der Bayer AG.

In letzter Minute wurde die Auktion zurückgerufen. Mit Hilfe von Bund und Freistaat Sachsen, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Kulturstiftung der Länder wurde der Mars für einen unbekannten Millionenbetrag für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zurückgekauft.

Von Jürgen Kleindienst

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