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Terror in Sachsen Leipziger Ermittler prüfen Fehler im Fall al-Bakr – Beisetzung noch offen
Thema Specials Terror in Sachsen Leipziger Ermittler prüfen Fehler im Fall al-Bakr – Beisetzung noch offen
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22:58 14.10.2016
Das Auto mit der Leiche von Dschaber al-Bakr verlässt am Donnerstagmorgen um 0.35 Uhr die JVA Leipzig. Quelle: dpa
Leipzig

Der Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr hat sich in seiner Zelle in der JVA Leipzig erhängt – dies steht nach dem Ergebnis der Obduktion zweifelsfrei fest. Wie die Staatsanwaltschaft Leipzig am Freitag mitteilte, habe sich bei der Untersuchung der Leiche in der Gerichtsmedizin am Donnerstag bestätigt, dass der 22-Jährige Suizid begangen hat. Demnach trat der „Tod durch Erhängen“ ein.

Mögliche Fehler der JVA-Beamten, der Leitung oder anderer mit dem Fall beteiligten Experten prüfen die Ermittler noch. Es werde ermittelt, ob „strafrechtlich relevante Umstände den Tod des Untersuchungsgefangenen veranlasst oder zu diesem beigetragen haben“, hieß es. Ob der Suizid hätte verhindert werden können oder sogar fahrlässig in Kauf genommen wurde, steht damit also noch nicht endgültig fest. Ein klares Fremdverschulden sehen die Ermittler bislang aber nicht. „Dafür gibt es derzeit keine Anhaltspunkte“, sagte Jana Friedrich, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, gegenüber LVZ.de.

Um kurz nach Mitternacht fuhr der Leichenwagen in der JVA Leipzig vor. Dschamer al-Bakr beging hier am Mittwochabend in seiner Zelle Selbstmord. Fotos: dpa

Tillich räumt Fehler ein

Vor dem Suizid al-Bakrs gab es mehrere Vorfälle in seiner Zelle. Al-Bakr riss eine Lampe von der Decke, manipulierte an einer Steckdose und verweigerte auch jede Nahrungs- und Getränkehinweise. Zudem wies der Ermittlungsrichter bei der Anordnung der U-Haft ausdrücklich auf die „Selbsttötungsgefahr“ hin. Eine 52-jährige Psychologin, die mit Terrorverdächtigen bislang keine Erfahrung hatte, sah bei dem Syrer „keine akute Suizidgefahr“. Begründet wurde dies auch damit, dass al-Bakr sich nach seinem weiteren Verfahren, einer möglichen Abschiebung sowie Konsequenzen bei der Fortsetzung seines Hungerstreiks erkundigt hatte. Dies erklärte JVA-Leiter Rolf Jacob am Donnerstag auf einer Pressekonferenz.

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Chronik der Ereignisse in der JVA Leipzig

LVZ-Spezial zum Fall al-Bakr

Inzwischen räumt auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) Fehler im Fall al-Bakr ein. „Der Umgang mit dem des Terrorismus bezichtigten Häftlings ist nicht in dem Maße erfolgt, wie es notwendig gewesen ist“, erklärte Tillich vor Journalisten in Berlin. Im Bundesrat sagte er: „Der Suizid hätte verhindert werden müssen, in jedem Fall.“ Er sei offen für eine unabhängige Untersuchungskommission, eine Ablösung seines Justizministers Sebastian Gemkow (CDU) lehnte er ab.

Leiche von al-Bakr noch nicht freigegeben

Für die weiteren Ermittlungen seien beispielsweise kriminaltechnische Untersuchungen sowie Zeugenbefragungen geplant, erklärte Staatsanwältin Friedrich auf Nachfrage von LVZ.de. Auch die Leiche al-Bakrs bleibt für weitere Untersuchungen in der Gerichtsmedizin. "Die Freigabe ist noch nicht erfolgt", sagte Friedrich, ohne näher auf die Gründe einzugehen. Noch ist offen, wann und in welcher Form der Syrer beerdigt wird. Die Behörden würden prüfen, ob al-Bakr Angehörige habe und mit diesen gegebenenfalls Kontakt aufnehmen.

Der Syrer war am Mittwochabend gegen 19.45 Uhr von einer Auszubildenden der JVA in Leipzig-Meusdorf mit einem T-Shirt erhängt am Vorgitter seiner Zelle gefunden worden. Bei einem Kontrollgang gegen 19.30 Uhr saß er noch auf seinem Bett. Wie genau sich al-Bakr strangulierte, welche Verletzungen letztlich zum Tod führten und wann dieser eintrat, dazu machte die Staatsanwaltschaft aufgrund des Persönlichkeitsschutzes des Syrers keine Angaben. Unterdessen mehren sich bundesweit kritische Stimmen gegen den sächsischen Justizminister Sebastian Gemkow sowie die CDU-geführte Landesregierung.

Von Robert Nößler

Nach dem Suizid des Terrorverdächtigen al-Bakr kommen immer mehr Details ans Licht. Laut Sachsens Justizminister hätten die JVA-Beamten nicht gewusst, wen sie vor sich hatten. Sie hätten von den Ermittlungen über dessen Anschlagspläne nur aus den Medien erfahren.

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Am Freitag wird das Obduktionsergebnis im Fall Dschaber al-Bakr erwartet. Unterdessen wird die Kritik an Sachsens Regierung immer lauter. Der Terrorverdächtige sei „hochgradig selbstmordgefährdet“ gewesen, meint der Kriminologe Christian Pfeiffer. Dies hätte erkannt werden müssen.

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