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UKL aktuell Bauchschmerzen oder Lungenembolie? Herausforderungen einer Notaufnahme
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Bauchschmerzen oder Lungenembolie? Herausforderungen einer Notaufnahme

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Universitätsklinikum Leipzig - ein Sonderthema im Auftrag des UKL
09:00 19.05.2021
In der Zentralen Notaufnahme des UKL (hier eine Aufnahme aus Vor-Corona-Zeiten) muss jeder Handgriff sitzen.
In der Zentralen Notaufnahme des UKL (hier eine Aufnahme aus Vor-Corona-Zeiten) muss jeder Handgriff sitzen. Quelle: Archivbild/Stefan Straube
Leipzig

Schon die Zahl von rund 34.000 Patienten im vergangenen Jahr macht deutlich: Die Zentrale Notaufnahme (ZNA) am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) muss bestens organisiert sein, um in jedem einzelnen Fall richtig zu entscheiden. Bei „Medizin für Jedermann“ erläuterte Prof. Dr. André Gries, Leiter der ZNA und der Beobachtungsstation, wie mit Weiterentwicklung der Organisationsstruktur, mit Aus- und Weiterbildung sowie mit praktischem Training für alle Mitarbeiter die Basis geschaffen wird, ihren verantwortungsvollen Dienst rund um die Uhr ausführen zu können.

„In den 1960-er Jahren wurde die Rettungskette aufgebaut“, blickte Prof. Gries zurück. Es ging vor allem darum, dass von den ersten Maßnahmen eines Laienhelfers am Unfallort über den Rettungsdienst bis zur Versorgung in der Klinik alle Kettenglieder ineinandergreifen müssen. Das ist auch heute noch so. Denn der Faktor Zeit spielt in Notsituationen eine große Rolle. Denn bei wesentlichen notfallmedizinischen Krankheitsbildern, wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder schweren Verletzungen muss nach spätestens 90 Minuten eine definitive klinische Therapie beginnen – so die Leitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Bei „Medizin für Jedermann“ machte Prof. Andre Gries, Ärztlicher Leiter der ZNA, deutlich, warum die Zentrale Notfallaufnahme am UKL bestens organisiert sein muss. Quelle: Hagen Deichsel

Maximal 60 Minuten vom Notruf bis zur stationären Behandlung

Um diese Vorgabe aber einhalten zu können, muss der Patient spätestens 60 Minuten nach dem Eingang des Notrufes in der ZNA eintreffen und die stationäre Diagnostik und Behandlung beginnen. Wobei in diese eine Stunde zu packen ist: die Anfahrt des Rettungsdienstes zum Einsatzort, die Erstversorgung an der Notfallstelle, die Herstellung der Transportfähigkeit und die Fahrt zur nächstgelegenen geeigneten Klinik.

Dort haben die Mitarbeiter der Zentralen Notfallaufnahme 30 Minuten Zeit für die notwendige Notfalldiagnostik, die hier parallel zur klinischen Notfallversorgung erfolgen muss. Die Diagnostik in der ZNA kann dann zu ganz anderen Ergebnissen führen, als auf Basis des sogenannten Leitsymptoms zunächst angenommen, wie Prof. Gries in seinem Online-Vortrag eindrucksvoll beschrieb: „Sie sehen hier ein Foto einer jungen Frau, die mit dem Leitsymptom Bauchschmerzen zu uns gebracht wurde. Nach dem Eintreffen trat ein Herzstillstand ein. Die ZNA-Mitarbeiter haben schnell und präzise reagiert, sie reanimiert und blitzschnell die Ursache ermittelt: Sie hatte eine Lungenembolie, weil sich in ihrem Bein eine Thrombose gebildet hatte. Die Diagnose war demnach völlig anders, als das Leitsymptom vermuten ließ.“

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Bauchschmerzen können also alle möglichen Ursachen haben. Ist es ein Magengeschwür oder der Blinddarm? Ein Leistenbruch oder ein Darmverschluss? Oder gar ein Herzinfarkt? Das muss in der ZNA schnellstmöglich herausgefunden werden. Wenn der Patient aber nicht mehr bei Bewusstsein ist, wird das noch schwerer, wie Prof. Gries beschrieb: „Nach einem Verkehrsunfall wird ein Autofahrer bewusstlos am Steuer aufgefunden. Hat er äußere oder innere Verletzungen? Was ist mit seinem Kopf? Ist er Diabetiker? Und: Ist er vielleicht nebenher auch noch Corona-positiv?“

Für das Leitsymptom „Schmerzen im Fuß“ hatte der ZNA-Chef noch ein weiteres eindrucksvolles Röntgenbild zur Hand: Es zeigte einen Fuß in einem Schuh, von unten hatte sich ein großer Nagel durch die Sohle in den Mittelfuß gebohrt. Hier war alles klar.

Vergleich mit Flughafen und der Formel 1

Die Radiologie liefert Bilder, die Labormedizin Blutwerte, die Kardiologie ist Partner bei Herzproblemen, die Neurologie beim Schlaganfall, die Unfallchirurgie bei Verletzungen – die gute Zusammenarbeit mit den kompetenten Partnern ist auch für die ZNA essentiell, um den Patienten zu helfen. Prof. Gries sieht da Ähnlichkeiten zu den Herausforderungen eines Großflughafens mit seinen vielen unterschiedlichen Fluglinien und der Menge an Passagieren. Bei seinem eigenen Team schaut er aber gern zur Formel 1: „Rennen werden dort entschieden durch die Schnelligkeit und Präzision beim Boxenstopp. Und dieser ähnelt der Teamarbeit in der ZNA. Unsere Bekleidung ist zwar weniger attraktiv als die der Formel-1-Teams, wir haben aber genauso hart Wissen, Fähigkeiten und Abläufe trainiert. Denn auch bei uns spielt der Faktor Zeit eine kritische und entscheidende Rolle.“

Nächster Termin: 23. Juni 2021 Thema: Zell- und Gentherapien zur Behandlung von KrebserkrankungenReferent: Prof. Uwe Platzbecker

Von Uwe Niemann