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Einstige Leiterin der Geburtsmedizin am UKL feiert 100. Geburtstag

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08:05 18.11.2021
Die Jahrhundert-Jubilarin Prof. Lotte Schlegel (re.) nahm die Glückwünsche ihrer Nachfolger Prof. Renaldo Faber, Prof. Brigitte Viehweg, Prof. Holger Stepan und Prof. Karl-Eugen Ruckhäberle (v.l.) strahlend entgegen.
Die Jahrhundert-Jubilarin Prof. Lotte Schlegel (re.) nahm die Glückwünsche ihrer Nachfolger Prof. Renaldo Faber, Prof. Brigitte Viehweg, Prof. Holger Stepan und Prof. Karl-Eugen Ruckhäberle (v.l.) strahlend entgegen. Quelle: Stefan Straube
Leipzig

Aus den Anfängen der Tätigkeit von Frau Prof. Schlegel gibt es verständlicherweise keine Gesprächspartner mehr. Wohl aber aus der Zeit, als sie als Oberärztin an der Universitäts-Frauenklinik für die Geburtsmedizin zuständig war.

„Ich lernte sie kennen, als ich 1969 zur Ausbildung zur Hebamme im Kreißsaal der Frauenklinik war“, erinnert sich Dr. Gabriele Pretzsch, zuletzt selbst Oberärztin in der Frauenklinik. „Das war schon eindrucksvoll damals für mich: Diese schlanke, drahtige Frau, die schon mit dem Öffnen der Tür für Disziplin bei uns jungen Schülerinnen sorgte. Sie war eine strenge Ärztin, aber das muss man sein, weil jeder Fehler das Verderben bringen kann.“

Ein beeindruckender Werdegang

Lotte Schlegel kam selbst als Frühgeburt zur Welt. „Damit schien ihr beruflicher Werdegang in die Wiege gelegt worden zu sein“, schmunzelt Dr. Pretzsch. „Sie absolvierte aber zunächst eine Ausbildung zur Medizinischen Assistentin und arbeitete bis 1947 als Sprechstundenhilfe. Dann begann sie ein Medizinstudium, promovierte 1952, wurde mit 37 Jahren Oberärztin, 1979 dann Professorin.

Als Gynäkologin und Geburtshelferin widmete sie sich besonders dem ungeborenen Leben, führte die Mikroblutuntersuchung nach Saling in Leipzig ein, später auch das CTG, den sogenannten Wehenschreiber. Sie konzentrierte sich sehr früh auf die Geburtsmedizin und erkannte, dass Teamarbeit das Wichtigste ist für eine entspannte Geburt und das neue Leben. Was nicht nur die Zusammenarbeit von Hebamme und Geburtsmedizinern betraf, sondern auch das mit der Neonatologie und weiteren Kinderärzten. Dadurch erreichte Leipzig schon vor rund 50 Jahren die niedrigste Säuglingssterblichkeit in Sachsen.“

Bei Prof. Schlegel erhielten Generationen von Ärzten und Hebammen eine fundierte Ausbildung. Nicht nur in Leipzig, sondern auch in Äthiopien. Denn die Leipziger Universität entsandte Mediziner, darunter die Jubilarin, in das ostafrikanische Land, um in Gondar die Ausbildung von Medizinern aufzubauen. 1982 wurde sie als „Verdienter Arzt des Volkes“ ausgezeichnet.

Die einstige Chefin der Geburtsmedizin wurde kürzlich 100 Jahre alt. Quelle: Stefan Straube

Fachlicher Urenkel setzt Werk fort

„Frau Prof. Schlegel hat für die Entwicklung der Geburtshilfe wichtige Beiträge geleistet, die Leipziger Geburtsmedizin geleitet und geprägt. Noch heute gehen Techniken, geburtshilfliche Manöver und Methoden auf ihre praktische Tätigkeit und Lehre zurück, beispielsweise bei solchen Fragen: Wie entbindet man Zwillinge auf natürliche Weise? Und wie geht das bei Kindern in Steißlage?“, würdigt Prof. Holger Stepan, heutiger Leiter der Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, die Jubilarin. Dass es heute eine Leipziger geburtshilfliche „Schule“ gibt und dieses Fach breit und vor allem auch praktisch-handwerklich ausgebildet wird, geht auch auf sie zurück.

Er sieht sich als ihr „fachlicher Urenkel“, der das Werk der damaligen Oberärztin der Frauenklinik fortgesetzt hat. „Zu ihrer Zeit gab es die Geburtsmedizin als selbständige Abteilung noch nicht. Aber im Grunde war sie es, die die Fundamente der heutigen Strukturen gelegt hat. Sie initiierte vor Jahrzehnten das enge Zusammenwirken von Gynäkologen, Geburtsmedizinern und Kinderärzten; heute haben wir ein Perinatalzentrum, das ganz im Sinne von Prof. Schlegel Mutter und Kind eine möglichst natürliche Geburt und umfassende nachgeburtliche Versorgung bei größtmöglicher Sicherheit garantiert.“

Frau Professor wurde gerufen, wenn keiner weiterwusste

Steffie Wolf ist Prof. Schlegel noch heute für ihr Eingreifen vor über 35 Jahren dankbar. Damals, im Jahr 1985, lag die ausgebildete Hebamme im Kreißsaal der Uni-Frauenklinik, schwitzte und stöhnte, aber irgendetwas klemmte. „Ich bin ja selbst vom Fach, und mir wurde langsam mulmig. Dann hörte ich, dass Frau Professor kommen würde. Ich wusste: Sie wurde gerufen, wenn keiner weiterwusste. Und Frau Professor kam, an ihrer Seite ihr Schüler und Nachfolger Professor Ruckhäberle. Gemeinsam schafften sie es, dass bei mir alles gut ging und mein Kind ohne Kaiserschnitt auf die Welt kam.“

Die 60-Jährige schätzt Prof. Schlegel nicht nur wegen der ganz persönlichen Erfahrungen, sondern auch, weil die respekteinflößende Ärztin damals jeden Tag auch bei den Hebammen vorbeigeschaut hat. „Ich habe sie kennengelernt, da war ich 16 Jahre alt. Diese große dünne, sehr stilvolle Frau war schon eine Erscheinung in der Klinik. Und wenn sie auftauchte, standen alle stramm. Schön war: Auch nach ihrer Pensionierung besuchte sie immer mal wieder die Klinik. Und dabei guckte sie auch stets bei uns hinein. Das war sehr nett.“

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„Ich bin einfach so 100 geworden“

Strahlend nahm die 100-Jährige jeden Glückwunsch und jedes kleine Präsent der Gratulanten entgegen. Erst nach einer Stunde Stehempfang setzte sie sich auf einen Stuhl – nur um sich bei jedem neu kommenden Gast wieder zu erheben. Später hatte sie Zeit für ein kleines Gespräch:

Wie fühlt man sich mit 100? „Eigentlich ganz gut. Ich kann mich in meinem Haus in Groitzsch noch allein ganz gut versorgen. Schade nur, dass viele meiner Freunde schon vor mir gegangen sind. Zum Glück hilft mir Gabi (Dr. Pretzsch), dass ich nicht so allein bin.“ Wie wird man 100? „Ich habe nie daran gedacht, mal so alt zu werden. Ich habe gesund gelebt, aber auch immer mal ein Gläschen getrunken. Und dann bin ich einfach so 100 geworden.“ Ist sie noch immer so streng wie einst? „Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber Ordnung und Disziplin sind in der Medizin wichtig. Und dafür muss man als Oberärztin sorgen. Das habe ich gemacht. Und wie mir erst heute wieder gesagt wurde, habe ich das nicht schlecht gemacht.“

Von Uwe Niemann