Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
UKL aktuell Faszinierende Entwicklung und zu wenige Fotos
Thema Specials Universitätsklinikum Leipzig UKL aktuell Faszinierende Entwicklung und zu wenige Fotos
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Universitätsklinikum Leipzig - ein Sonderthema im Auftrag des UKL
10:55 12.12.2018
Prof. Joachim Mössner kam 1993 nach Leipzig und war fast 25 Jahre als Klinikdirektor am Uniklinikum Leipzig tätig. Jetzt ist er in den Ruhestand gegangen. Quelle: Stefan Straube

Wenn der Ruhestand naht, zieht man schon ein Stück Lebensbilanz. Gerade, wenn man fast 25 Jahre Klinikdirektor in Leipzig war, wie Prof. Dr. Joachim Mössner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie.

„Wenn ich so zurückblicke, ärgere ich mich, dass ich zu wenig fotografiert habe“, sagt Prof. Mössner. „Denn so manches wird gar nicht mehr geglaubt, wenn ich es erzähle.“ Als er 1993 nach Leipzig kam und seinen Commodore PC 20 (20 Megabite Speicherkapazität der Festplatte) – eines der ersten „persönlichen“ Computer-Modelle – auf seinen provisorischen Schreibtisch, den Frühstückstisch im Schwesternzimmer, wuchtete, brach der glatt zusammen. Dass seine damalige Medizinische Klinik und Poliklinik 2 auf vier Standorte – Härtelstraße, Bettenhochhaus, Rotes Haus und Haus 12 (heutiger Kindergarten) – verteilt war, sagt noch nichts über die desolaten Zustände.

„Ich habe im Urlaub jeden Mist fotografiert, aber den Beamer im Hörsaal der Augenklinik, den hätte ich aufnehmen sollen“, lacht der 67-Jährige. „Der war so groß wie ein Trabant. Auch die Telefonzentrale im Roten Haus wäre ein Bild wert gewesen: Sie sah aus wie aus dem Jahr 1925, da wurde noch per Hand gestöpselt, um einen Anrufer mit dem richtigen Gesprächspartner zu verbinden. Oder der Konsum, wo ich immer mittags meine Wiener Würstchen gekauft habe. Oder das alte Heizkraftwerk, der Tunnel in die Chirurgie oder die berühmte Schräge: Das war ein überdachter Verbindungsgang vom Haus in der Johannisallee 32 ins Bettenhaus. Vom verschimmelten Treppenaufgang in der Härtelstraße und den von dort aus gelegentlich zu sehenden Ratten im Innenhof der Leipziger Bibliothek ganz zu schweigen. Heute würde unter diesen Bedingungen keiner nach Leipzig kommen.“

Die Euphorie der Wende war groß

Aber warum kam er aus dem wunderschönen Würzburg angesichts dieser Zustände? „Ich war auf Platz zwei in Tübingen und dann auch in Göttingen. In Berlin hatte ich keinen Listenplatz erreicht. Und dann war Leipzig ausgeschrieben“, erzählt er. „Das konnte ich nicht ausschlagen. Denn die Euphorie der Wende war so groß; wenn ich einer Berufung in den Osten aus dem Wege gegangen wäre, hätte das mein wissenschaftliches Aus sein können. In der Zeit gehörte es sich einfach, den Osten nicht links liegen zu lassen. Auch die Möglichkeit, etwas neu gestalten zu können, war mehr als reizvoll. Einige Kollegen haben nach ihrer Ankunft im Osten aber ziemlich schnell wieder das Weite gesucht.“ Die Zustände und Rahmenbedingungen, auch fehlende Privatpatienten (also niedrigeres Einkommen) und insbesondere fehlende Laborflächen für Forschung spielten eine Rolle, dass auch das Universitätsklinikum Leipzig eine Handvoll Spitzenmediziner wieder verlor.

UKL aktuell

Mehr aktuelle Informationen aus dem Universitätsklinikum Leipzig lesen Sie hier!

Als Prodekan und später Dekan der Medizinischen Fakultät kann sich Prof. Mössner ans Revers heften, dass in seinen Amtsjahren – von 1996 bis 2002 – viele Professoren berufen wurden, die immer noch in Leipzig sind und ihre Kliniken sehr erfolgreich führen. „Mein Ziel war es damals, die vorhandenen Forschungsschwerpunkte zu stärken und auszubauen. Die Zahl der Forschungsprojekte wurde weiter gesteigert und damit auch die Summe der eingeworbenen Drittmittel. Insgesamt, denke ich, ist es gelungen, den Wissenschaftsstandort weiter auszubauen.“

Vor allem die Integration von Neuberufenen in die Reihe der schon vor der Jahrtausendwende „altgedienten“   Professoren war ihm wichtig. „An der Fakultät gab es schon damals, zumindest aus meiner Sicht, keine Ost-West-Konflikte – das wurde mit Vernunft und Verständnis erreicht.“ Mit den damaligen Klinikdirektoren für Pneumologie, Joachim Schauer und Rheumatologie, Holm Häntzschel, war er rasch befreundet.

Die Kenntnis über die Mechanismen der Entstehung zahlreicher Erkrankungen ist gewachsen

In seiner Zeit hat die personalisierte Medizin auch in der Gastroenterologie Einzug gehalten. Die Kenntnis über die Mechanismen der Entstehung von zahlreichen gastroenterologischen Erkrankungen ist enorm gewachsen.

„Die Entdeckung von Helicobacter pylori hat letztlich viele Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre heilbar gemacht. Die Therapie von bösartigen Erkrankungen, wie dem Kolonkarzinom im fortgeschritten Stadium, ist deutlich verbessert. Hepatitis C ist heilbar geworden. Die Endoskopie spielt bei Frühdiagnose und Therapie vieler gastroenterologischer Erkrankungen, wie beispielsweise dem Dickdarmkarzinom, eine herausragende Rolle. Das alles habe ich miterleben dürfen. Auch die faszinierenden Fortschritte auf dem Gebiet der Molekularbiologie lassen die Pathogenese von Erkrankungen besser verstehen und eröffnen neue Therapiemöglichkeiten – da kann man schon ein wenig dankbar sein.“

Der Start, zu dem ein uraltes Röntgengerät gehörte – namens TUR aus dem VEB Transformatoren- und Röntgenwerk – das nur bedient werden konnte, wenn zwei Ärzte anwesend waren (der zweite war der „Drücker“) oder auch ein vom damaligen Kanzler Gutjahr-Löser unbürokratisch rasch organisierter Laborcontainer zum Ausgleich der mangelnden Räume für Forschung - war nicht einfach. Die Medizinische Klinik und Poliklinik 2 umfasste damals Gastroenterologie sowie Hämatologie und Onkologie; keine unbedeutenden Fächer. Deshalb wurde lange mit dem damaligen Dekan und dem Medizinischen Vorstand gerungen, wer das Rote Haus bekam, Gastroenterologie oder Chirurgie. Dieses Gebäude wurde im späten 19. Jahrhundert für die damals weltweit führende Leipziger Innere Medizin erbaut und beherbergte dann zu DDR-Zeiten die Herzchirurgie. Diese zog in den Neubau der Herzklinik im Südosten der Stadt.

"Ich hatte schon gehofft, es geht deutlich schneller"

„Die OP-Räume der Herzchirurgie waren nicht schlecht; aber sie durften aufgrund des geplanten Klinik-Neubaus aus Kostengründen nicht für die Erfordernisse einer modernen Endoskopie umgebaut werden. Bei allem Verständnis für die damaligen baulichen Nöte auch der Chirurgen habe ich mich dennoch geärgert, dass zuerst die Chirurgie und erst deutlich später die Innere neu gebaut wurde. Ich bin 1993 angekommen, der Bezug des konservativen Zentrums in der Liebigstraße war erst 2009 – das sind 16 Jahre Wartezeit. Ich hatte schon gehofft, es geht deutlich schneller“, so Prof. Mössner. „So haben wir Magenspiegelungen in den Herz-OP-Sälen vorgenommen und die Dickdarmspiegelungen im ehemaligen Aufwachraum.“ Ab 1995 wurde das Rote Haus das Zentrum seiner Klinik. Und er bekam „das schönste Dienstzimmer in Deutschland“. Es war die Bibliothek der Herzchirurgie, mit viel Platz, viel Holz und viel Ausstrahlung.

Apropos Umzug. In seiner Zeit stand vieles auf der Kippe. Der Bau des Herzzentrums hätte ja der Beginn eines kompletten Neubaus des Universitätsklinikums auf dem freien Acker sein können. „Ehrlich gesagt, war ich anfangs ein Anhänger eines solchen Neubaus“, erzählt Prof. Mössner. „Aber ich habe dann relativ rasch gemerkt, dass es dem Unternehmen, welches die Landesregierung als Investor begrüßte, um die Mangelversorgung der Patienten mit Herzerkrankungen zu beseitigen, letztlich nur um Gewinne ging. Auch viele andere blieben skeptisch bis vehement ablehnend, so dass letztlich nur die Herzchirurgie, ein Großteil der Kardiologie und die Kinderkardiologie ans Rhön-Klinikum verscherbelt wurden.“ Andererseits, betont Prof. Mössner, haben die Professoren Mohr und Schuler am Herzzentrum gezeigt, dass auch unter privatwirtschaftlicher Trägerschaft nicht nur herausragende Krankenversorgung, sondern auch herausragende Wissenschaft möglich sind.

Das Klinikum hat eine faszinierende Entwicklung genommen

Auch dem Standort Alte Messe, der kurz für einen Neubau des Klinikums ins Spiel gebracht wurde, war er zugeneigt. „Das wäre vielleicht auch nicht schlecht gewesen. Aber dem Kaufmännischen Vorstand damals muss man zugestehen: Er hat die Idee des Gesundheitsboulevards Liebigstraße vorangetrieben. Und sein Konzept sollte zeigen und hat gezeigt: Das Klinikum kann als Anstalt öffentlichen Rechts durchaus wirtschaftlich erfolgreich arbeiten.“

Das Klinikum hat eine faszinierende Entwicklung genommen. „Jetzt ist Haus 7 in Betrieb gegangen, und jetzt gehe ich. Von diesem Prozess durfte ich viel miterleben und war selbst etwas daran beteiligt“, sagt er. „Ich kenne viele medizinische Standorte in Deutschland, die dringend einer radikalen Sanierung bedürfen. Leipzig hat das wunderbar hingekriegt und ist einer der attraktivsten Standorte.“

Nicht zuletzt hat Prof. Mössner auch mit seiner Karriere seinen Beitrag dazu geleistet. Er ist Mitglied der nationalen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina, und Vizepräsident der Sächsischen Akademie der

Wissenschaften geworden. 1999 wurde er einer der jüngsten Präsidenten seines Gebietes, der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und durfte den Kongress in der neu erbauten Messe ausrichten. 2012 wurde er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 2017 zeichnete ihn die europäische Pankreas-Gesellschaft für sein Lebenswerk aus. Und nicht zuletzt bekam er unlängst die Ernst-von-Bergmann-Plakette, eine hohe Auszeichnung der Bundesärztekammer, für das Engagement in der Fort- und Weiterbildung der Ärzteschaft.

Uwe Niemann

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Uniklinik Leipzig ist unter den Top-15 Kliniken in der aktuellen "Focus"-Liste. Sie erreicht Spitzenplätze bei acht Krankheitsbildern.

12.12.2018

Universitäres Krebszentrum UCCL der Leipziger Uniklinik erhält drei Millionen Euro Förderung für Weiterentwicklung der Krebsmedizin und Onkologie.

12.12.2018

Prof. Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereiches Infektions- und Tropenmedizin an der Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie der Uniklinik Leipzig, beantwortet Fragen zur Impfung

12.12.2018