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UKL aktuell Interdisziplinäre Zusammenarbeit auf der Covid-19-Normalstation
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Interdisziplinäre Zusammenarbeit auf der Covid-19-Normalstation des Uniklinikum Leipzig

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Universitätsklinikum Leipzig - ein Sonderthema im Auftrag des UKL
13:50 09.12.2020
Dr. Armin Frille (re.) und Schwester Pauline Becker berichten von ihrer Arbeit auf der ­COVID-19-Normalstation G 2.2 Quelle: Hagen Deichsel
Leipzig

Dr. Armin Frille: Wir haben heute, am 16. November 2020, genau 17 COVID-19-Pa­tienten auf unserer Station. Maximal 31 könnten es derzeit sein; für diese Zahl würden die Betten reichen, ohne dass auf benachbarte Stationen ausgewichen werden muss. Unter der ärztlichen Leitung von Prof. Dr. Wirtz und Oberärztin Dr. Alexandra Wald betreuen neun Ärzte aus acht Fachbereichen – Pneumologie, Kardiologie, Gastroenterologie, Hämatologie, Onkologie, Infektiologie, Endokrinologie und Angiologie – interdisziplinär unsere Patienten, die ja nicht immer unmittelbar, aber eben potenziell in Lebensgefahr sind. Bei den meisten geht es um die Erhaltung der Funktion der Lunge, sprich Gasaustausch. Wir haben da gute Erfahrungen gemacht mit der nichtinvasiven Beatmung. Wird sie zur richtigen Zeit eingesetzt, kann sie dem Patienten die Intubation ersparen.

Schwester Pauline:Ich habe fünf Jahre ­Erfahrung mit Pulmologie-Patienten. Aber jetzt in Corona-Zeiten lerne ich vieles hinzu. Ich weiß: Wenn die Luft knapper wird, werden die Patienten ganz schnell panisch. Man muss deshalb eine Verschlechterung bei der Atmung möglichst schnell erkennen, um zu helfen. Jetzt bei den Corona-Patienten geht es manchmal so schnell mit der Verschlechterung – das habe ich zuvor nie erlebt. Man muss viel aufmerksamer auf das Krankenbild insgesamt sehen, um eine Eskalation zu verhindern.

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Dr. Armin Frille:Die Patienten kommen meist aus einem Pflegeheim oder von zu Hause mit entsprechendem Pflegebedarf. Andere werden aus einem anderen Krankenhaus zu uns verlegt, da wir Zentrum für COVID-19-Patienten sind. Zudem liegen bei uns Patienten, die nach einer intensivme­dizinischen Behandlung soweit wiederhergestellt sind, dass sie auf unserer Normalstation behandelt werden können, oder auch Patienten, die zur Behandlung in einen Fachbereich kamen und bei denen sozusagen nebenbei eine COVID-19-Infektion festgestellt wurde. Beispielsweise war ein Patient zu einem Eingriff in die Gefäßchirurgie gekommen. Beim obligato­rischen Test wurde eine COVID-19-Infek­tion festgestellt – deshalb kam er dann zu uns. Und da wir hier auch einen Angiologen haben, ist der Patient sowohl mit Blick auf seine Lungenerkrankung als auch auf sein Gefäßleiden in guten Händen.

Schwester Pauline:Was ich noch bei den Corona-Patienten gesehen habe und was mich total schockiert hat: Manche kommen wesensverändert oder verwirrt zu uns. Bei manchen dachte ich, dass sie dement sind. Dann wurden sie behandelt und die Genesung setzte ein – und die Verwirrtheit löste sich. Das hat mich sehr beeindruckt.

Dr. Armin Frille: Wir müssen durch die Vielseitigkeit der Erkrankungen unserer Patienten mit vielen Fachabteilungen reden. Zusammenarbeiten wie bisher geht ja nicht, da wir uns vorsichtshalber abgeschottet haben vom Klinikum. Das Spektrum der ­Herausforderungen reicht neben dem schon erwähnten Gefäß-OP-Fall über Schlaganfall bis zur Betreuung einer Wöchnerin. Sie hat vor ein paar Tagen im Klinikum ein Kind bekommen. Da bei ihr eine COVID-19-Infektion gefunden wurde, durfte sie nicht auf die Wochenstation, ­sondern kam mit ihrem Kind zu uns. Beiden geht es gut. Die Mutter wird nach der Entlassung daheim in Quarantäne bleiben müssen.

Schwester Pauline: Wir sind als Pflege­kräfte ein kleines Team, und eigentlich viel zu wenige. Früh- und Spätschicht jeweils vier, nachts zwei. Und dies bei einem sehr hohen Pflegeaufwand, der besonders bei den Patienten notwendig ist, die aus dem Pflegeheim kommen. Aber wir haben uns damals bei der Berufswahl und bei der Jobsuche der Aufgabe gestellt, für die Patienten da zu sein. Ich habe jetzt eigentlich Urlaub, habe aber der Pflegeleitung gesagt, wenn es personell eng wird, sollen sie anrufen. Der Anruf kam und jetzt bin ich wieder hier und arbeite. Und nicht nur ich. Auch die ­30-Stunden-Kräfte kommen zusätzlich rein, damit alles läuft.

Dr. Armin Frille:Wenn wir einen Patienten entlassen, wollen wir sicher sein, dass es eine häusliche Betreuung gibt. Man kann ihn ja nicht einfach ins Nichts schicken. Es ist eine große Aufgabe für unseren Sozialdienst und das Patientenmanagement ­sicher­zustellen, dass jeder Patient, der das Klinikum verlässt, umsorgt wird. Das klappt nicht immer reibungslos, sodass ein Patient, bei dem keine medizinische Behandlung mehr nötig ist, dessen COVID-19-Infektion aber noch aktiv ist, zur Not weiter bei uns bleibt – bis klar ist, wie er danach betreut wird.

Schwester Pauline: Wenn man täglich mit Corona-Patienten zu tun hat – und bei uns sind ja nicht einmal die schwersten Fälle – dann kann man nicht verstehen, wie manche leugnen, dass es die Krankheit überhaupt gibt, oder sagen, dass sie nicht besonders schlimm ist. Kein Verständnis habe ich auch für diejenigen, die die Aufforderungen zur Kontaktvermeidung ignorieren und weiter Party machen wollen. Die sollten sich mal hier ansehen, was passieren kann.

Dr. Armin Frille:Im Vergleich zur ersten Corona-Welle im Frühjahr haben wir jetzt deutlich mehr Fälle. Zudem lassen sich beim Alter der Patienten heute zwei Spitzen ausmachen: Es sind einerseits die ­Über-80-Jährigen und die Unter-50-Jäh­rigen, die zahlenmäßig hervorstechen. Die älteren Patienten kommen oft aus Pflegeheimen. Und wenn einer kommt, dauert es nicht lange, bis weitere aus dem gleichen Heim kommen. Zudem werden aus anderen Krankenhäusern ältere Patienten zu uns gebracht, weil deren Behandlung mitunter sehr heikel ist. Insgesamt führt das dazu, dass unsere Pflegekräfte sehr viel zu tun haben. Denn ältere Menschen brauchen mehr Hilfe bei allem.

Schwester Pauline: Es wäre gut, wenn es bei uns auf Station Tablets geben würde, mit denen die Patienten Kontakt zu ihren Familien halten können. Eine Patientin musste fünf Wochen bei uns sein, ehe sie entlassen werden konnte. In diesen Wochen stieg ihre Verzweiflung über die Losgelöstheit von der Familie dramatisch. Sie und auch ich waren froh, als sie wieder in den Schoß der Familie zurückkehren konnte. Fünf Wochen können schon sehr lang werden.

Dr. Armin Frille:Auf mich warten täglich Frau und Kind. Doch wenn ich in diesen Wochen nach Hause komme, ist es nicht nur spät am Abend, sondern ich bin auch nicht mehr der allerbeste Entertainer. Dennoch akzeptiert die Familie, dass mein Beruf viel Zeit und Nerven kostet. Sogar das Verschieben des Urlaubs wegen des gegenwärtigen Ansturms von Patienten wurde mitgetragen. Da bin ich sehr froh und meinen Lieben sehr dankbar.

Schwester Pauline:Wir hatten einen Mann bei uns, der später auf die Corona-Intensivstation verlegt werden musste. Dann kam seine Frau als Patientin zu uns. Ihre größte Sorge war, dass ihr Mann stirbt, ohne dass sie sich noch einmal sehen können. Dann konnte sie entlassen werden. Und eine Stunde bevor der Krankentransport sie abholte, wurde ihr Mann von der Intensiv- auf unsere Normalstation verlegt. Ich habe dafür gesorgt, dass sie sich sehen und sprechen konnten. Für das Paar, das schon über 80 Jahre alt ist, war dies einer der glücklichsten Momente. Diese Sehnsucht nach dem Partner, auch die nach den Kindern, den Enkeln verstehe ich total. Trotzdem ich jede Woche auf COVID-19 getestet werde und ziemlich sicher sein kann, das Virus nicht zu verbreiten: Ich halte Abstand zu meinen Eltern und besuche meine Oma nicht mehr. Und das schmerzt sehr, denn das Telefon kann kein persönliches Gespräch, kein Drücken und Streicheln ersetzen.

Von Uwe Niemann