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Medizinischer Arbeitsalltag am Uniklinikum Leipzig unter Corona-Bedingungen

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Universitätsklinikum Leipzig - ein Sonderthema im Auftrag des UKL
15:02 09.12.2020
Die Arbeit auf der COVID-19-Intensivstation des UKL ist kräftezehrend für Körper und Seele, doch es gibt auch Glücksmomente. Hier ein Foto aus dem Frühjahr. Quelle: Stefan Straube

Dr. Cindy Herchenhahn ist Fachärztin für Anästhesiologie. Seit 2014 arbeitet sie in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des Universitätsklinikums Leipzig (UKL). Madlen Bühler ist seit fast 20 Jahren als ITS-Schwester am UKL tätig. Beide arbeiten auf der Station IOI-C, einer der Interdisziplinären Operativen Inten­sivstationen des UKL – und der Bereich, in dem COVID-19-Patienten behandelt werden, oft in kritischem Zustand.

Auf ihre medizinischen und pflegerischen Fähigkeiten kommt es derzeit an, ob und wie gut Patienten die durch das Coronavirus auf der gesamten Welt ausgelöste Krankheit überstehen. Am UKL waren Anfang November bereits mehr COVID-19-Patienten in stationärer Behandlung, als es in der ersten Welle im Frühjahr jemals waren. Und mit dem Plus an Patienten stieg die Arbeitsbelastung für alle in diesem Bereich Tätigen.

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Stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen auf den Intensivstationen (ITS) geben Dr. Herchenhahn und Schwester Madlen einen kleinen Einblick in ihren Arbeitsalltag unter Corona-Bedingungen und blicken auf die vergangenen Monate zurück:

Madlen Bühler: Vergleicht man die Situation jetzt mit der im Frühjahr, ist nun einiges anders. Zwar war es damals auch anstrengend, aber insgesamt doch recht entspannt. Jetzt gibt es deutlich mehr und intensiv­medizinisch aufwendigere Patienten.

Dr. Cindy Herchenhahn:Gerade sind wir hier auf der IOI-C ein eingespieltes Team, das macht vieles leichter, schließlich arbeiten wir jetzt fast dauerhaft an den sogenannten „Lungenversagern“. Permanenten Druck und hohe Arbeitsbelastung kennen zwar auch normale Intensivstationen, aber dort liegen in der Regel weniger Patienten mit akutem Lungenversagen. Wir hingegen haben hier gerade zwölf oder 13.

Die intensivmedizinische Behandlung von COVID-19-Patienten ist körperlich recht anstrengend. Umso mehr ist die emotionale Belastung zusätzlich zu spüren.

Sofern es bei Patienten noch nicht notwendig geworden ist, sie invasiv zu beatmen, müssen sie bei einer COVID-19-Pneumonie in der Regel jedoch nicht-invasiv beatmet werden und das teilweise über mehrere Stunden hinweg. Das bedeutet für die ­Patienten Stress und ist für uns dadurch wirklich keine einfache Angelegenheit, das übernehmen zum großen Teil unsere Pflege­kräfte.

Madlen Bühler:Wir tun ja alles, um unseren Patienten die invasive Beatmung zu ersparen, aber das ist zum Teil auch anstrengend für diese Patienten. Weil wir ihnen etwas Gutes tun wollen, müssen wir sie sozusagen auch mal ein wenig „quälen“. Doch ihnen das zu vermitteln, ist oft sehr schwierig und kann frustrierend sein.

Dr. Cindy Herchenhahn:Im Vergleich zum Frühjahr zählen wir nun viel mehr Patienten. Mehr Patienten bedeutet für uns auch höherer Aufwand. Damals im März, April waren es maximal sieben COVID-19-Patienten gewesen. Da sind wir gerade schon deutlich drüber. Viele Betroffene werden zu den sogenannten Langliegern zählen, die wir über mehrere Wochen behandeln. Dadurch wechseln die Gesichter unserer Patienten gar nicht so häufig.

Madlen Bühler:Körperlich ist die Behandlung von COVID-19-Patienten nicht schwieriger als anderer Intensivpatienten, doch die Anzahl der Patienten und die Erkrankungsschwere führt zu einem mehr an körperlicher und psychischer Belastung. Wir müssen die Patienten immer wieder motivieren, bei ihrer Genesung auch selbst mitzuhelfen und zu kämpfen. Nicht selten erfahren wir dabei Ablehnung und Aggressionen.

Geht es bei der Genesung eines Patienten an einem Tag einen Schritt vorwärts, kommt man tags darauf zur Arbeit und sieht, dass er doch wieder drei Schritte zurückgefallen ist. Das macht es wirklich anstrengend.

Doch nach 20 Jahren Arbeit auf einer Intensivstation nehme ich nur wenige der Sorgen und Geschehnisse nach Dienstschluss mit nach Hause.

Intensivpflegekraft Madlen Bühler (li.) und Dr. Cindy Herchenhahn. Quelle: Hagen Deichsel

Dr. Cindy Herchenhahn: Ich tausche mich privat aus über die Arbeit, aber meist mit Menschen, die auch im medizinischen Bereich tätig sind. Während der Arbeitszeit finde ich nur selten Gelegenheit, über einzelne Situationen wirklich mal in Ruhe nachdenken oder mich darüber mit Kollegen austauschen zu können.

Madlen Bühler: Was schon im Frühjahr sehr gut geklappt hat, war die Zusammenarbeit zwischen der Pflege und den Ärzten. Diese haben uns immer geholfen, wenn es notwendig war. Das ist ein großartiges Miteinander.

Dr. Cindy Herchenhahn: Wir als Ärzte sind an ständige Flexibilität gewöhnt, wir müssen uns immer schnell an wechselnde Situationen anpassen. Auch jetzt ändern sich unsere Dienstpläne sehr oft, das ist ­sowohl eine organisatorische Herausfor­derung für unsere Dienstplanverantwort­lichen als auch für die komplette Belegschaft.

Doch hier auf dieser Station haben wir nun ein eingespieltes Team, man kennt sich, kann sich aufeinander verlassen und auch mal Aufgaben abgeben. Das gibt einem ein gewisses Maß an Sicherheit, weil man weiß, die Patienten sind gut versorgt.

Als zusätzliche Aufgabe bleibt die Einarbeitung weiterer Kollegen. Falls sich die Situation verschärft und mehr Patienten eingeliefert werden, sollen diese Kollegen möglichst nicht ins kalte Wasser geworfen werden, wenn sie dann gebraucht werden.

In der ersten Welle im März und April gab es auch mal eine Phase, da bin ich, ehrlich gesagt, nur mit einem unguten Gefühl auf Arbeit gegangen. Doch nicht das Medizinische war das Problem, sondern die vielen organisatorischen Herausforderungen und die unzähligen täglichen Anpassungen und Änderungen der Abläufe. Das fühlt sich jetzt zum Glück anders an.

Madlen Bühler: Es gibt auch schöne Momente. So ist es ein besonderes Gefühl, Patienten auf die Normalstation fahren zu können. Die sind dann so glücklich, freuen sich auf ein Zimmer mit nur zwei Betten, einem Fenster mit Tageslicht und einem eigenen Bad.

Dr. Cindy Herchenhahn: Auch mich als Ärztin baut es auf, wenn wir Patienten wieder von der Intensivstation verlegen können und dann die Angehörigen über diese frohe Kunde zu informieren. Hin und wieder bekommen wir auch Nachrichten und Fotos von genesenen Patienten, wie sie ihr Leben wieder genießen können. Daran halten wir uns in schwierigen Momenten fest, dafür lohnt es sich, das sind Erfolgsmomente.

Madlen Bühler: Es ist wahnsinnig anstrengend und vieles ärgert mich. Frustrierend ist es, wenn uns die Menschen von Zeit zu Zeit auch mal berichten, wie und warum sie sich aus Sorglosigkeit oder sogar Ignoranz infiziert haben. Aber diese Arbeit gibt auch so viel zurück, dass ich sie immer noch gerne mache. Und das lasse ich mir von Corona auch nicht kaputt machen.

Dr. Cindy Herchenhahn:Wir in der Kollegenschaft versuchen immer, uns selbst bestmöglich zu schützen und gesund zu bleiben, um möglichst nicht krank zu werden und auszufallen.

Viele Menschen, die nicht im medizinischen Bereich tätig sind, können sich sehr schwer vorstellen, was es bedeutet, aufgrund einer Lungenerkrankung intensivmedizinisch betreut werden zu müssen. Man sollte nicht vergessen, wir hatten auch schon Patienten, die jünger als 40 Jahre waren, und auch diese kann es schlimm treffen.

Von Markus Bien