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UKL-Klinikdirektor Prof. Kai von Klitzing geht in den Ruhestand

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10:12 28.10.2021
Klinikdirektor Prof. Kai von Klitzing ist Ende September 2021 in den Ruhestand gegangen.
Klinikdirektor Prof. Kai von Klitzing ist Ende September 2021 in den Ruhestand gegangen. Quelle: Stefan Straube
Leipzig

Aufgewachsen in der westlichsten Großstadt Deutschlands, gelernt im Schwarzwald und gelehrt in der Kulturhauptstadt der Schweiz – das allein wäre bereits ein schöner Lebensbogen. Vor 15 Jahren dann der Schritt nach Leipzig.

„Es war das Konzept des neuen Frauen- und Kinderzentrums in Leipzig, das mich anzog“, erklärt Prof. Kai von Klitzing, der Ende September 2021 als Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters in den Ruhestand gegangen ist.

„Während die Kinderpsychiatrie in anderen Klinika eher am Rande existiert, wurde sie hier mitten hinein in die Kindermedizin geplant. Das heißt: Egal, ob ein Kind mit Bauchschmerzen, mit einem Knochenbruch oder mit psychischen Problemen kommt – am Zentrum für Frauen- und Kindermedizin erhält es fachkompetente Hilfe, ohne Stigmatisierung fürchten zu müssen. Das war und ist ein weitsichtiger Entwurf der Universitäts-medizin Leipzig. Das hat für mich den Ausschlag gegeben.“

Eine familiäre Beziehung zur Medizin kann man dem Sohn einer Fotografin und eines promovierten Juristen nicht direkt bescheinigen. Allerdings war der Urgroßvater ein Chirurg. Und das war er in Dresden, woher dann auch die Mutter stammt. Der Vater kommt aus Schlesien, hat aber in Leipzig studiert. Daraus lässt sich durchaus eine gewisse Nähe zu den Sachsen erkennen.

Faszination an der Psycholanalye

Sehr früh, schon als Gymnasiast im Rheinland, interessierte er sich für die Psychoanalyse. Nun ist Freud nicht jedermanns Sache, seine Sicht auf die unbewusste Seite des menschlichen Erlebens und die hieraus abgeleiteten Therapiemöglichkeiten sind auch heute noch wegweisend.

Letztlich mündete diese Faszination in ein Medizinstudium in Freiburg im Breisgau. „Auch dabei haben mich vor allem die Fächer begeistert, die der Seele Beachtung schenkten, beispielsweise die Schnittstelle von Psychologie und Biologie – die Psychosomatik. Wie genau entsteht eine körperliche Verschlechterung durch seelische Belastungen? Und was passiert im umgekehrten Falle, also wenn eine Krankheit auf die Psyche schlägt? Und vor allem: Was kann man tun, um die künstliche Trennung zwischen Körper und Psyche zu überwinden und den Betroffenen zu helfen? Dies zu ergründen und umzusetzen, das ist wohl mein ständiger Antrieb“, blickt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zurück.

Mit dem Leiden der Kinder professionell umgehen

Als er mit elf Jahren von seiner ältesten Schwester zum Onkel gemacht wurde, begeisterte er sich sofort für seinen Neffen und seine Nichte. „Ich hatte schon damals einen guten Zugang zu Kindern. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass ich mich auch in meinem Beruf Kindern gewidmet haben“, erzählt das Mitglied eines Adelsgeschlechtes, das bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht.

„Noch heute geht mir das Leid von Kindern sehr nah, besonders derer, die aus Verhältnissen kommen, die ungenügende Voraussetzungen für eine gesunde seelische Entwicklung bieten. In meiner Arbeit habe ich gelernt, dass man nicht die Welt retten kann, sondern auch mit dem Leiden von Kindern professionell umgehen muss, indem man die vorhandenen Ressourcen herausfindet und auf ihnen aufbaut. Diese Einstellung versuche ich auch den jüngeren Kolleginnen und Kollegen zu vermitteln.“

Frühzeitig mit Behandlungskonzept beginnen

Schon Säuglinge werden in der Klinik behandelt. „Wenn eine Mutter depressiv ist, bekommt das Kind kein Lächeln. Und wenn es schreit, wird es von der kranken Mutter nicht beruhigt. Einen solch negativen Kreislauf müssen wir so früh wie möglich diagnostizieren, denn eine solche Störung birgt hohe Risiken für die weitere Entwicklung des Kindes, ist aber gut behandelbar, wenn man nur frühzeitig den Säugling, die Mutter und möglichst auch den Vater in ein wirksames Behandlungskonzept einschließt“, so der Kinderpsychiater. „Gut ist, dass man bei sehr kleinen Kindern noch viel erreichen kann. Umso älter die Kinder, desto schwieriger wird die Therapie.“

Mediation der Klinikmitarbeiter wichtig

Um nicht selbst psychisch zu erkranken, wird von den Mitarbeitern der Klinik „der eigene seelische Apparat ständig gewartet“, wie es Prof. von Klitzing beschreibt. „Man geht sonst psychisch in die Knie. Deshalb besprechen wir im Team unsere Fälle und die daraus resultierende Frage, welche Gefühle der Fall bei den behandelnden Therapeuten auslöst. Um unsere eigene Psyche in ihren Reaktionen auf unsere Patienten als wichtiges diagnostisches und therapeutisches Empfängerorgan kennenzulernen und zu pflegen, haben wir alle langwierige Prozesse von Selbsterfahrung durchlaufen.“

Auch Experten wie Psychologen und Kinderpsychiater machen Fehler

Als Vater dreier Töchter weiß er, wann welche Probleme auftreten können. „Die Pubertät war eine harte Zeit – vor allem für meine Frau. Als Vater hält man etwas mehr Distanz zu den Pubertäts-Turbulenzen. Aber meine Frau hatte viele Kämpfe auszutragen“, erzählt er. „Dabei ist sie als Psychologin genauso wie ich eine Expertin für das Ergründen des Verhaltens von Menschen. Aber ich muss ehrlich sagen: Egal ob nun Kinderpsychiater oder Psychologin – wir haben wahrscheinlich die gleichen Fehler gemacht wie andere Eltern auch.“ Inzwischen haben sich die drei wilden Mädchen zu starken Personen entwickelt: eine Chirurgin, eine Psychologin und eine Grundschullehrerin.

Mehr Männer für anspruchsvolle Tätigkeit gewinnen

Am Ende des Berufslebens steht ein Resümee. Das sieht bei Prof. von Klitzing nicht schlecht aus: „Privat blicken meine Frau und ich sehr stolz auf unsere drei selbstbewussten, widerstandsfähigen und keineswegs überheblichen Töchter. Beruflich konnte ich mein Fach in Leipzig sehr gut etablieren. Es ist nicht mehr wegzudenken – nicht aus den Psych-Fächern und nicht aus der Kindermedizin. Meine größte Freude war die Zusammenarbeit mit unglaublich guten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in unserer Klinik, mit Pflegenden, Pädagogen, Ärzten und Therapeuten. Noch eine Erfahrung: Wir konnten neben vielen Frauen auch eine nicht geringe Zahl von Männern für die anspruchsvolle Arbeit mit den Kindern interessieren. Es braucht nicht nur in den typischen Männerberufen, sondern auch im Kindergarten, in der Schule, in der Pflege wie in meiner Klinik Männer. Gerade die vielen Kinder aus zerfallenen Familiensituationen profitieren enorm davon, ein kreatives und produktives Zusammenwirken zwischen Frauen und Männern ganz unterschiedlicher Herkunft zu erleben.“

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Gastprofessur, private Praxis und Forschungsprojekte geplant

Am 30. September 2021 war also Schluss. Aber am 1. Oktober begann für Prof. von Klitzing nicht der Ruhestand. Zuerst wartet eine Gastprofessur an der Sapienza Universität Rom. Dann ist die Etablierung einer kleinen privaten Praxis in Leipzig, die sich der Ausbildung von Psychotherapeuten widmet, bereits fest geplant. Seine Forschungsprojekte an der Uni Leipzig – Studien zu Folgeerscheinungen von Kindesvernachlässigung und zur psychotherapeutischen Behandlung misshandelter Kinder – kann er weiterführen.

Und das soll Ruhestand sein? „Zumindest ein Stück“, lächelt er. „Denn die organisatorische Belastung und Verantwortung eines Klinikdirektors fällt weg. Das erleichtert durchaus.“

Von Uwe Niemann