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WGT News Oswald Henke befürchtet Schlimmes
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WGT
17:44 18.05.2018
Es geht um Essentielles: Oswald Henke gestern bei seinem Konzert zum Viktorianischen Picknick beim WGT im Clara-Zetkin-Park. Quelle: Foto: Christian Modla
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Leipzig

Große Ereignisse werfen an Tagen wie diesen ihre dunklen Schatten voraus. Die ersten Stunden in Leipzig sind schon stark gotisch eingefärbt. Gelegenheit für LVZ-Mitarbeiter Lars Schmidt, sich mit einem der bereits Angereisten zu treffen. Nicht mit irgendeinem: Oswald Henke, Gründer, Kopf und Gesicht von Goethes Erben, nimmt sich Zeit, Laptop und Kopfhörer, um in einer Kellernische der Moritzbastei zum (tatsächlich!) allerersten Mal jemanden an den Stücken seines neuen Albums „Am Abgrund“, des ersten seit vielen Jahren, teilhaben zu lassen.

Ist das Album so düster, wie der Titel es suggeriert?

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Es ist vielleicht das düsterste Album seit den Anfängen. Gleichzeitig das politischste. Weil die Verfasstheit der Gesellschaft nur in diesen Farben gemalt werden kann. Konnte sich vor 15 Jahren jemand vorstellen, dass wir uns je wieder mit Führerfiguren wie Trump, Erdogan oder Putin auseinandersetzen müssen?

„Verstümmelung“ ist ein ungeheuer pessimistisches Statement zum Zustand des heutigen Menschen. Dessen Geistreste sind in Deiner Textsprache eine­­­ „… empathiefreie Enklave im Narbenland der zutiefst zerfurchten Seele“.

Wir sind Produkte der gegenwärtigen Verhältnisse, wie die gegenwärtigen Verhältnisse Produkte unserer Empathielosigkeit sind. Wenn ich alleine das neue bayerische „Polizeiaufgabengesetz“ sehe: eine komplette Entrechtung des Bürgers. Ein Gesetz, das wunderbar in eine totalitaristische Diktatur passt, sie vielleicht vorwegnimmt. Jedenfalls: Käme sie, wäre das Gesetz schon da. Ihr Sachsen werdet es ja gewiss getreu übernehmen.

In „Darwins Jünger“ treibst Du es, verrückterweise mit eingängigen Tanzbeats, auf die Spitze: Wir gehen als Gattung einem Ende entgegen. Wer Dich nicht kennt, hört hier blanken Zynismus.

Ja. Ich bin durchaus auch zynisch. Diese Welt wird das kriegen, was wir heraufbeschworen haben. Und wir tragen alle unsere Mitschuld daran. Unabhängig davon, ob wir nun wirklich Darwins Jünger sind, oder anderen Weltanschauungen, religiösen etwa, anhängen. Es ist unsere Art von Auslese, die nicht zu Höherem, sondern zum Ende führt.

Bei „Schlaflos“ scheint der unruhevolle Geist aber zu einer gewissen Balance zu finden. Pop-Appeal ist nicht zu leugnen.

Nun ja. Das Stück klingt mir jetzt fast zu eingängig. (Anmerkung: Es ist ein wunderbar affirmativer, fast schwereloser Popsong). Aber es ist mir wichtig, den Hörer nicht nur in Abgründe zu stoßen und ihn dann hilflos liegen zu lassen. Irgendwie gibt es ja doch noch Hoffnung.

Von Lars Schmidt