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WGT News Zwei Gruftis sagen „Ja“
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WGT
16:36 07.06.2019
Zwei Gruftis durch und durch: Antonietta und Manfred Ruhnke aus Lößnig lassen sich und ihre Liebe am Sonntag segnen. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Schwarz gilt in der Szene als Ausdruck von Ernsthaftigkeit, Dunkelheit und Mystik, aber auch als Symbol für Hoffnungslosigkeit, Leere und Melancholie. Natürlich hat die dominierende Farbe dieses Leipziger Wochenendes auch einen Bezug zu Trauer und Tod. Doch zwei Teilnehmern des Wave-Gotik-Treffens 2019 (WGT) ist das alles herzlich egal. Für sie soll der Pfingstsonntag ein Tag unerschöpflicher Freude werden. Denn Antonietta und Manfred Ruhnke, seit 2017 standesamtlich verheiratet, wollen nun auch von höchster Stelle den Beistand für ihr Lebensbündnis. So zieht es sie am 9. Juni in die katholische Kirche in der Nonnenmühlgasse. Dort wird Propst Gregor Giele das Paar aus Lößnig segnen. Mit Schwarzen wie Antonietta und Manfred kam der Geistliche bislang eher selten in Berührung. Anders die beiden Hauptdarsteller der kleinen Zeremonie: Sie sind Gothic-Freaks durch und durch, bekennen sich jeden Tag zur Farbe Schwarz, zu Textilartikeln mit Nieten, Kettchen und Spitzen. Und sie fiebern Frühjahr für Frühjahr dem WGT entgegen. Dann befinden sie sich ein bisschen wie im Rauschzustand.

„Und dann mochte ich dieses Foto“

Mit dem Heiraten haben Antonietta und Manfred ziemlich viel Erfahrung: Für die 56-Jährige und den 70-Jährigen ist es jeweils die vierte Ehe. Die gebürtige Italienerin und der waschechte (Ost-)Berliner haben sich über eine Internetplattform kennengelernt. 14 Tage lang näherten sie sich auf digitalem Wege an, ein Chat jagte den anderen. Ihr gefielen seine Texte. „Und dann mochte ich dieses Foto“, erzählt die frühere Hauswirtschafterin, die inzwischen Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht. Es zeigt Manfred als DJ. „Dieses Bild hat sie alles gekostet“, schiebt der einstige Berufskraftfahrer mit einem Grinsen nach. Fakt ist: Manfred setzte sich in den Zug, um seine Angebetete an ihrem Wohnort bei Göppingen zu besuchen. „Neun Stunden hin, neun Stunden zurück, dazwischen fünf Stunden Aufenthalt. Danach war klar: Diese Frau will ich“, erzählt der Rentner.

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„Mit der Szene hatte ich nichts am Hut“

Sie wollte auch ihn. Am 25. Juli 2015 zog Antonietta, die im Alter von zwölf Jahren mit der Rest-Familie dem Vater in die Bundesrepublik folgte, dem neuen Schwarm hinterher und siedelte nach Leipzig über. Was sie da längst an ihrem Lover bemerkt hatte: Der gute Mann bekannte sich nicht nur zu ihr, sondern auch zur Schwarzen Szene. „Mit der hatte ich bis dato nichts am Hut, die habe ich anfänglich auch nicht so recht einzuschätzen vermocht“, schildert die Braut, die als Antonietta Carimando geboren wurde und in Asti aufwuchs.

Das WGT des Jahres 2016 war ihr erstes. Antonietta stand meist abseits des schwarzen Trubels, wagte sich nur zögernd an die Leute heran, die Außenstehende gern Gruftis nennen und bei denen sich Manfred so sehr wohlfühlte. Zu ihrer Beruhigung stellte sie alsbald fest: „Die beißen nicht, sind alle sehr sympathisch.“ In Nullkommanichts war auch Antonietta auf Gothic-Linie – wohl auch wegen der schicken Klamotten, die sich die meisten Anhänger der Szene im Übrigen selber nähen.

„Zur Not mit Nieten aus dem Baumarkt“

Manfred gehört ebenfalls zu denen, die bei der Kleidung sehr viel Improvisationsgeschick beweisen. „Ich mach das meiste selbst. Die eine oder andere Idee schaust du dir ab und zauberst dann aus einer einfachen schwarzen Hose, im Second-Hand-Shop oder Internet ausgegraben, am Ende noch was Einzigartiges. Zur Not mit Nieten aus dem Baumarkt“, erzählt Manfred, den seine besten Freunde „Bastel“ nennen.

Auch der Dress, den er am Sonntag in der Kirche tragen wird, entspringt dem Talent eines Hobby-Schneiders. „Ich will meine Frau überraschen. Zur Garderobe bis dahin also kein Wort“, sagt er beim Foto-Shooting mit der LVZ. Klar, dass auch Antonietta nicht verrät, wie sie zur Segnung aufläuft. „Es wird auf alle Fälle prächtig“, verspricht sie. „Das beste Outfit, das ich jemals trug.“ Bis zu 400 Euro geben die beiden im Jahr für Korsage, Lederzeug & Co. aus – vergleichsweise wenig, weil sie ja selber Hand anlegen. Mehr könnten sie als Rentner auch gar nicht auf die digitale oder analoge Ladentheke legen. „Bei einer edlen Barock-Ausstattung vom Profi bist du mit mehreren tausend Euro dabei. Das können sich die wenigsten leisten“, sagt Manfred.

„Das ist ein bisschen wie beim Kölner Karneval“

Dass nahezu alle gesellschaftlichen Schichten unter den Gothic-Jüngern vertreten sind, finden die Ruhnkes völlig in Ordnung. „Wir Schwarzen sind halt eine große Familie, da ist soziale oder ethnische Herkunft völlig uninteressant“, betont Manfred. Alle genössen zu Pfingsten, „sich mal so zu geben, wie sie eigentlich immer gern sein wollten“, glaubt Antonietta. Alle schlüpften für ein paar Tage in eine andere Rolle. „Das ist ein bisschen wie beim Kölner Karneval“, ergänzt der Gatte.

Er und seine Frau schlüpfen am Sonntag in ihre Hochzeitskluft. Beide wollen sie ein Bild für die Götter abgeben. Dass es in der Kirche – Antonietta ist römisch-katholisch getauft – letztlich nur um den einen Gott geht, ist den beiden durchaus klar. Propst Giele freut sich über das Verlangen des Paares nach Segen von oben. „Schwarz ist eine nicht unwichtige Farbe. Sie gehört zur Buntheit unserer Welt. Fehlte sie, fehlte uns etwas. So ist es für mich auch mit den Gothics, die sich zum ,Schwarzen‘ bekennen und es leben“, sagt der Priester. Und ist gespannt auf das, was kommt. Antonietta und Manfred sind es noch mehr: „Ein Traum geht für uns in Erfüllung: Heiraten beim WGT!“

Von Dominic Welters