Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Zoo-Nachrichten Zoo-Tierpflegerin Martina Molch erlebt scheue Rehe ganz nah
Thema Specials Zoo Leipzig Zoo-Nachrichten Zoo-Tierpflegerin Martina Molch erlebt scheue Rehe ganz nah
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Zoo Leipzig - Infos und Events: Ein Special von LVZ.de in Kooperation mit dem Zoo Leipzig
16:34 14.06.2018
Rückblick ins Jahr 2010: Die Ricke mit ihren beiden Kitzen kurz nach der Geburt im Zoo Leipzig, fotografiert von Tierpflegerin Martina Molch. Quelle: Martina Molch/Zoo Leipzig

Der extrem kalte und fast dauerregnerische Mai im Jahr 2010 stellte schon einige Anforderungen mehr als sonst an das tierpflegerische Handling. In dieser Jahreszeit, die normalerweise doch eher angenehm mild in Erscheinung tritt, fällt die saisonal bedingte Setzzeit der Rehe und die Ablammzeit der Dallschafe. Die Kitze und Lämmer sind sehr heikel und krankheitsanfällig.

Schwierige Bedingungen für Geburten und Jungtiere

Flutartige Regenfälle hatten das Leipziger Rehgehege teilweise unter Wasser gesetzt und kaum eine der von den Tieren bevorzugten Stellen blieb trocken. Da selbst die kleinen freistehenden Schutzhütten im Gehege wasserunterspült waren, wurde es für die trächtigen Ricken problematisch, geeignete Abliegeplätze für Geburt und Jungtiere zu finden. Den trockenen Stall nehmen die Ricken als Geburts-und Abliegeplatz für die Kitze nicht an, er dient ausschließlich als Fressplatz. Die Situation wurde  so schwierig, dass eine Ricke in den späten Nachmittagsstunden im strömenden Regen ihr Kitz zur Welt brachte, welches letztlich völlig entkräftet in einer Pfütze zum Liegen kam. Ein von Besuchern alarmierter Kollege konnte es zwar später noch lebend in den großen Stall bringen, jedoch starb es später. Dabei wurde auch bemerkt, dass die Mutter noch ein weiteres Kitz bekommen würde, da bereits Klauen zu sehen waren. Am nächsten Tag war aber kein weiteres Kitz aufzufinden und die Ricke völlig unauffällig.

Tierpflegerin Martina Molch berichtet von ihrem schönsten und bewegendsten Zoo-Moment. Foto: Melanie Ginzel/Zoo Leipzig

Scheue Rehe nur bedingt zutraulich zu Pflegern

Aufgrund der Witterungsbedingungen an den Tagen zuvor, die ohnehin bereits die Gruppe gestresst hatten, entschlossen wir uns, die Rehe zufrieden zu lassen. Rehe sind äußerst scheue Tiere, die nur bedingt zu den ihnen bekannten Pflegern zutraulich sind und ein Fangen hätte für weiteren Stress gesorgt. Außerdem war eine weitere Ricke trächtig und auch sie wollten wir nicht in Aufruhr versetzen. Am darauffolgenden Tag war ich wieder im Dienst und fand die am Tag zuvor noch hochträchtige Ricke tot mit den herausschauenden Klauen ihres Kitzes in einer der Hütten liegend. Drei Rehe in so kurzer Zeit zu verlieren war sehr frustrierend.

Sorgen und Bangen um trächtige Ricken

Die ständigen Regenfälle hatten auch die Nachbargehege wie das der Muntjaks verschlammt. Um den Rehen und Muntjaks wichtige Liegeplätze wieder zugänglich und benutzbar zu machen, fuhr ich drei Kubikmeter Rindenmulch in die Gehege und hoffte, dass die beiden noch trächtigen Ricken nun wenigstens im Trockenen gebären können. Bei jedem neuen Regen sah ich mit großem Bangen und Sorgen auf die tragenden Ricken.

Freudige Überraschung im Rehgehege

Die Ricke, die als nächstes gebären sollte, lag eines Morgens in der Sonne und genoss sichtlich, die nun seit Langem wieder auf sie scheinenden Sonnenstrahlen, verhielt sich aber unauffällig. Etwas enttäuscht, dass es so kurz vor meinen freien Tagen immer noch keinen neuen Nachwuchs gab, ging ich zunächst zu den anderen Tieren. Als ich später zum Saubermachen wieder im Rehgehege stand, erlebte ich eine Überraschung. Die besagte Ricke kam plötzlich ungewöhnlich nah zu mir und legte sich in eine für Besucher nicht einsehbare Rindenmulchecke. Dann fing sie sofort an zu pressen. Alles ging so schnell, dass ich gar nicht rechtzeitig meine Kamera auspacken konnte, die ich stets dabei hatte. Ich konnte es kaum glauben, aber sie gebar tatsächlich vor und bei mir ein Kitz! Ich zog mich etwas zurück, sie nahm allerdings keinerlei weitere Notiz von mir, begann das eben geborene Jungtier trocken zu lecken, musste jedoch dann unterbrechen, weil es mit der nächsten Geburt weiter ging.

Krähe attackiert wehrloses Kitz

Diesen Moment nutzten die ansässigen Rabenkrähen aus dem alten Eichenbaum vom benachbarten Muntjakgehege sofort aus und begannen sehr aggressiv das noch nasse, völlig wehrlose Kitz zu attackieren und zu hacken.

Eine Krähe attackiert das neugeborene Rehkitz im Zoo Leipzig. Foto: Martina Molch/Zoo Leipzig

Fassungslos sah ich, wie sie mit gezielten heftigen Schnabelhieben versuchten das Kitz an den Klauen zu verletzen und es damit am Aufstehen zu hindern. Alles andere, zum Beispiel in die Augen hacken und dergleichen, hätte ich erwartet. Aber es ist für mich eine völlig neue Erkenntnis und noch nie gemachte Beobachtung, dass das Ziel die noch weichen Klauen sind – eine wirklich äußerst raffinierte Strategie. Ich bewarf die Rabenkrähen sofort mit Ästen, mit Erfolg. Unser sehr junger Rehbock kam auch kurz um zu schauen, was passierte, schreckte aber vor dem Kitz, sobald es sich bewegte, zurück und verschwand wieder. Mit seinem Geweih wäre seine Präsenz sicherlich gut als Schutz für das Kitz gewesen, aber er war leider zu unerfahren.

Beeindruckt und emotional gerührt

Diese Beobachtungen waren atemberaubend und etwas ganz Außergewöhnliches für mich. Die Ricke konnte ihr zweites Kitz gebären und kümmerte sich sofort sehr fürsorglich um beide Jungtiere. Ich hatte sogar das Gefühl, dass meine Nähe ihr angenehm war. Alles dauerte etwa vierzig Minuten und ich führte beeindruckt und sehr emotional berührt meine Arbeit im Rehgehege zu Ende und ging dann weiter zu den anderen Tieren, denn mein Part als Schutzpatron war nun mehr als erfüllt. Als ich im nahegelegenen Wildpferdgehege die Plattform säuberte, hörte ich ständig das aggressive Schreien der Rabenkrähen und hoffte sehr, dass sie sich mit der Nachgeburt, die Rehe ja nicht fressen, begnügen und die Kitze in Ruhe lassen.

Noch eine Überraschung: Ricke präsentiert ihre Kitze

Mittags fütterte ich den Rehen ihr Gras und trotz der Aufregung kam die gesamte Rehgruppe langsam auf mich zu und wartete auf ihre Mahlzeit. Unauffällig schaute ich nach den Liegeplätzen der Kitzen. Dann folgte für mich die zweite große Überraschung des Tages: die Ricke ging langsam zurück ins Versteck und begann, ihre Kitze herauszulocken. Als sie dann kamen, präsentierte sie mir diese regelrecht, beleckte ihre Jungen, lief mit ihnen eine kleine Runde, bevor sie sie wieder im Versteck abliegen ließ. Anschließend ging sie in Ruhe an das Grünfutter und begann zu fressen.

Ein Kitz stirbt, das andere überlebt

Es war für mich nicht zu fassen und ich fühlte mich zutiefst geehrt von diesem wundervollen Verhalten, das mir während meines ganzen Tierpflegerdaseins von über 38 Berufsjahren noch nie von einem Reh je zu teil geworden ist! Viele Jahre pflege ich schon Rehe und habe dabei auch viele Jungtiere heranwachsen sehen, aber dieser besondere Tag wird mir immer in sehr guter Erinnerung bleiben - eine wahre Sternenstunde eben. Doch leider starb das weibliche Kitz circa drei Wochen später an einer Infektion. Das vor den Rabenkrähen gerettete Bockkitz hat zu meiner Freude überlebt. So liegen Freud und Leid in unserem Alltag als Tierpfleger ständig nah beieinander.

Lust auf noch mehr Geschichten aus dem Zoo Leipzig?

Ab sofort ist die neue Ausgabe des LVZ-Magazins "Horsts Zoogeflüster" erhältlich – mit weiteren einzigartigen Zoo-Momenten von Mitarbeitern und Besuchern, einer Zeitreise durch 140 Jahre Zoo-Geschichte sowie vielen spannenden Blicken hinter die Kulissen. Mehr Infos gibt es hier.

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Klaus Eulenberger war bis 2008 Cheftierarzt im Zoo Leipzig. Hier schildert er ganz persönlich sein schönstes Zoo-Erlebnis: die nervenaufreibende Geburt von Elefant Voi Nam – die er fast verpasst hätte.

14.06.2018

Jedes Jahr eine Neueröffnung, zuletzt die Südamerika-Welt, doch eines hat dem Zoo bislang gefehlt: ein echtes Maskottchen. Im Jahr des 140. Bestehens soll sich das ändern. Die LVZ zeigt exklusiv den neuen Sympathieträger des Zoos: Löwe Tammi.

30.05.2018

Der Zoo Leipzig sucht anlässlich seines 140. Geburtstages vier bestimmte Fotomotive vom Zoobesuch in der Pfaffendorfer Straße. Laden Sie jetzt Ihre historischen Kindheitserinnerungen bis zum 31. Mai 2018 hoch. Alle Infos lesen Sie hier!

27.05.2018