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Wie gefährlich sind Zahnschienen aus dem Internet?

Prof. Till Köhne mit Patientin: Durch die positive Entwicklung bei Alignern – also durchsichtige Plastikzahnschienen, die die Zähne sozusagen auf Linie bringen – können sich jetzt auch immer mehr Erwachsene eine Behandlung vorstellen.

Prof. Till Köhne mit Patientin: Durch die positive Entwicklung bei Alignern – also durchsichtige Plastikzahnschienen, die die Zähne sozusagen auf Linie bringen – können sich jetzt auch immer mehr Erwachsene eine Behandlung vorstellen.

Leipzig. Zahnkorrekturen sind heutzutage nicht nur bei Kindern und Jugendlichen möglich. Zwar ist es in jungen Jahren einfacher, Fehlstellungen zu korrigieren, aber auch Erwachsene können ihren schiefen Zähnen Lebewohl sagen. Mit vorschnell im Internet bestellten Zahnschienen – Alignern – kann man indes viel falsch machen.

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„Eine Altersgrenze für eine kieferorthopädische Behandlung gibt es nicht. Gerade ein Engstand der Zähne entwickelt sich ja auch häufig erst im Erwachsenenalter“, sagt Prof. Till Köhne, Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL). „Durch die Entwicklung der Aligner – also der durchsichtigen Plastikzahnschienen, die die Zähne sozusagen auf Linie bringen – können sich jetzt mehr und mehr Erwachsene eine Behandlung vorstellen. Das Problem dabei: Im Internet gibt es verführerische Angebote. Und wer nur auf diesen Online-Preis schaut, kann am Ende mehr Sorgen als vorher haben: einen verschobenen Biss, gelockerte Zähne oder freiliegende Zahnhälse.“

Kierferorthopädisches Fachwissen notwendig

Wie der Leipziger Kieferorthopäde erläutert, stellt die Aligner-Therapie eine sehr gute kieferorthopädische Methode zur Behandlung von leichten bis schweren Zahnfehlstellungen dar. „Die Plastikzahnschienen haben in den letzten 20, 30 Jahren unser Fach sehr verändert. Man kann mit den herausnehmbaren Alignern sehr zielgenau arbeiten. Damit dem Patienten aber sicher und optimal geholfen wird, sollte kieferorthopädisches Fachwissen einbezogen sein.“

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Die Aligner-Therapie der Online-Anbieter besteht aus einfachen Bausteinen: Die Zahnreihen der Patient:innen werden gescannt, mit einer Software wird das Behandlungsziel erstellt, dann wird ausgerechnet, wie viele Schienen es braucht, um ans Ziel zu kommen. Alle Schienen werden dann den Patient:innen zugesandt, die jeweils 22 Stunden am Tag zu tragen und regelmäßig zu wechseln sind.

Zahnärztin Talisa Schwieder, Weiterbildungsassistentin bei Prof. Till Köhne, mit Modellen aus dem 3D-Drucker. Auf diesen Modellen werden dann die Aligner tiefgezogen.

Zahnärztin Talisa Schwieder, Weiterbildungsassistentin bei Prof. Till Köhne, mit Modellen aus dem 3D-Drucker. Auf diesen Modellen werden dann die Aligner tiefgezogen.

Warnung vor Simpel-Angeboten

Prof. Köhne warnt vor solchen Simpel-Angeboten. „Das Problem ist, dass die Behandlung nur auf einem Scan basiert und der nicht bei einem Kieferorthopäden durchgeführt wird, sondern bei Zahnärzt:innen, die die Behandlung weder selber planen noch durchführen.

Seriöse Kieferorthopäd:innen interessiert zuerst: Was soll mit der Behandlung erreicht werden? Nur eine ästhetische Verbesserung? Oder gibt es auch Probleme mit dem Biss oder Kiefergelenk? Liegt nur eine Zahnfehlstellung vor oder muss auch eine Kieferfehlstellung therapiert werden? Wie werden die Muskeln im Mundraum, die Zunge und das Zahnfleisch reagieren?“

Und ganz wichtig für den UKL-Experten: „Werden die Zähne die Bewegung mitmachen oder ist eine Zahnwurzel verkürzt, ein Implantat zu berücksichtigen, oder gibt es versteckte Weisheitszähne? All das kann man nur durch eine ausführliche klinische Untersuchung und mit Hilfe von Röntgenbildern erkennen, da reicht kein Scan.“

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All das müssen Kieferorthopäd:innen im Interesse der Patient:innen berücksichtigen. „Ein simpler Scan, die Kontrolle per Selfies – das ist aus meiner Sicht viel zu wenig“, erklärt er.

„Meistens werden bei diesen Online-Anbietern der Einfachheit halber zum Begradigen der Zahnreihen nur die Zähne nach vorn geklappt. So entsteht mehr Raum für die Zähne und sie können gut eine Reihe bilden. Viele Patient:innen merken aber sofort, dass die Zähne zu weit nach vorne stehen. Außerdem kann sich das Zahnfleisch zurückziehen, wenn man die Zähne aus dem Knochen rausbewegt. Von möglichen Funktionsproblemen ganz zu schweigen. Die Patient:innen können nicht mehr richtig abbeißen. Manchmal merken die Betroffenen, dass die Zähne nicht mehr richtig aufeinandertreffen, wenn man das Parkticket nicht mehr zwischen den Zähnen halten oder keinen Faden mehr abbeißen kann.“

Ästhetisches und funktionales Optimum

Im Unterschied zu den Online-Anbietern haben Kieferorthopäd:innen das Ziel, ein ästhetisches und zugleich funktionales Optimum zu erreichen, betont der Klinikdirektor. „Wobei funktional nicht nur heißt, dass das Abbeißen weiter klappt, sondern auch das Sprechen und Singen. Selbst für das Küssen ist ein perfektes Zusammenspiel von Zähnen und Lippen nötig. Deshalb erkläre ich den Patient:innen, was mit einer Aligner-Therapie jeweils möglich ist. Ziel ist immer, ein individuelles Optimum an Funktion und Ästhetik zu erreichen. Und das alles im persönlichen Kontakt mit den Patient:innen – das ist für mich Kieferorthopädie.“

Aligner-Behandlung. Das ist zu beachten:

Wie läuft eine Aligner- Behandlung bei Kieferorthopäd:innen ab?

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Die meisten Aligner-Behandlungen führen Kieferorthopäd:innen heutzutage zusammen mit externen Zahntechniklaboren durch. Das sind meist große Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Aligner in industriellem Maßstab herzustellen.

„Alles fängt an, dass ich einen Scan mit meinen genauen Behandlungsvorgaben der Firma übermittle. Hierbei muss ich mir schon die ganze Behandlung im Vorfeld überlegen: Welcher Zahn soll wohin? Welche Zähne müssen zuerst bewegt werden, um eventuell Platz zu schaffen? Auf welchen Zähnen sind die Attachments, die den Schienen besseren Halt geben, aufzubringen? Zudem muss ich die Anzahl der Schritte bis zum Ergebnis festlegen, also die Anzahl der Schienen. Das ist auch für die Patienten wichtig, da natürlich mehr Schienen auch mehr Kosten verursachen“, bekräftigt Prof. Till Köhne.

„Zurück bekomme ich dann eine erste Computersimulation, die ich dann in mehreren Sitzungen so lange verfeinere, bis sie meinen Vorstellungen entspricht.“ Den Patient:innen wird dann die Simulation gezeigt. Sind sie einverstanden, geht alles an die Spezialfirma, die die entsprechende Zahl der Modelle anfertigt, auf denen dann die Aligner hergestellt werden.

„Ungefähr vier bis sechs Wochen nach dem Scan sind die Schienen fertig. Die Attachments werden auf die Zähne aufgebracht – und die Patient:innen können die Aligner verwenden“, sagt der Leipziger Klinikdirektor. „In diesen unscheinbaren Plastikschienen steckt nun das Wissen und Können der Kieferorthopäd:innen.“

Beim ersten Termin werden die Schienen übergeben und meist auch die Attachments geklebt. Danach wechseln die Patient:innen bis zur nächsten Kontrolle alle ein bis zwei Wochen selbstständig die Aligner. Wenn man beim letzten Aligner angelangt ist, wird kontrolliert, ob die geplante Zahnstellung schon erreicht wurde oder ob noch weitere Korrektur-Aligner geplant werden müssen. Am Ende jeder Behandlung ist es aber genauso wichtig, die Zähne in der abschließenden Position zu halten.

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Prof. Till Köhne

Prof. Till Köhne

Gibt es auch Alternativen?

Bei kleineren Behandlungen, wenn also geringgradige bis moderate Fehlstellungen oder Rezidive vorliegen, arbeitet Prof. Köhne mit In-House-Alignern. Das heißt, dass hierbei ohne Fremdfirma von der vollständigen Planung über die Modelle bis zu den fertigen Plastikschienen alles in der Klinik erledigt wird.

„Das Ganze erfordert natürlich eine gute technische Ausstattung mit 3D-Druckern und viel Knowhow bei unseren Kieferorthopäd:innen und Zahntechniker:innen am UKL“, betont er. Da die Kosten der Spezialfirma entfallen, wird das aber für die Patient:innen günstiger.

Von Uwe Niemann

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