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Mehr als 10.000 Einsätze: UKL-Notarzt geht in den Ruhestand

Geht nach 40 Dienstjahren für die Leipziger Universitätsmedizin nun in den bekannten (UN-)Ruhestand: Dr. Thomas M. Goerlich. Mit seinen Erlebnissen in diesen Jahrzehnten könnten Bücher gefüllt werden.

Geht nach 40 Dienstjahren für die Leipziger Universitätsmedizin nun in den bekannten (UN-)Ruhestand: Dr. Thomas M. Goerlich. Mit seinen Erlebnissen in diesen Jahrzehnten könnten Bücher gefüllt werden.

Leipzig. Nach 42 Berufsjahren als Arzt, davon immerhin 40 in den Diensten der Leipziger Universitätsmedizin, ist Dr. Thomas M. Goerlich in den Ruhestand gegangen. Als Urologe, Anästhesist und Notarzt hat er in verschiedensten medizinischen Bereichen gearbeitet und dort auch Bleibendes hinterlassen.

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Als Urologe, Anästhesist und Notarzt hat Dr. Thomas M. Goerlich in verschedensten medizinischen Bereichen gearbeitet und dort auch Bleibendes hinterlassen.

Sie sind Urologe, Anästhesist und Notarzt – warum haben Sie so viele Spezialisierungen?

Dr. Thomas M. Goerlich: Diese Bezeichnungen spiegeln die unterschiedlichen Stationen meines Lebens wider, die ich mit bestmöglichem Einsatz ausgefüllt habe und nicht missen möchte. Meine Diplomarbeit befasste sich mit den verschiedenen Erkrankungen der Prostata, vorrangig aber mit der Aussagekraft eines EDV-gerechten Krankenblattes. Das war der Weg in die Urologie. 1980 – kurz nach Erhalt der Approbation – wurde ich zu Kursen delegiert, um als Notarzt, Impfarzt und hygieneverantwortlicher Arzt nach Erwerb dieser Zertifikate entsprechend tätig zu sein.

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Und wie ging es dann weiter?

Ich wollte eigentlich die Fächer Urologie und Andrologie, also Männergesundheit, kombinieren. Allerdings wurde mir wegen fehlender SED-Mitgliedschaft der Wechsel in die Hautklinik, wo die Andrologie angesiedelt ist, verwehrt. Da ich während der Facharztausbildung Urologie in der Intensivmedizin hospitiert hatte, als Notarzt arbeitete und auf der Wachstation der Klinik für Urologie tätig war, entschied ich mich für Anästhesie als zweites Fach und gehörte mit zu den ersten in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, die die Subspezialisierung Anästhesiologische Intensivmedizin absolvierten.

Später war ich auf einer anästhesiologisch geführten Intensivstation als Stationsarzt tätig. Da sich wissenschaftliche Studien häuften, absolvierte ich einen Kurs, um auch als Prüfarzt agieren zu können.

Dazu kamen ja noch Einsätze als ­Notarzt. Wie viele haben sie insgesamt absolviert?

Als ich im Mai dieses Jahres nach 39 Jahren die Tätigkeit als Notarzt beendete, waren über 10.000 Einsätze zusammengekommen. Ich habe dabei viel erlebt, in den meisten Fällen konnten wir als Rettungsteam helfen, in einigen nicht.

Was ich unbedingt ansprechen will: Im Notdienst hat in den letzten Jahren die verbale und vor allem körperliche Gewalt gegenüber denen, die gerufen wurden, um zu helfen, deutlich zugenommen. Das können wir keinesfalls akzeptieren. Zudem wird der Notarztdienst zunehmend missbraucht, indem dieser auch bei Bagatellen gerufen wird. Hier scheint die Anspruchshaltung einiger Bürger übersteigert.

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Dr. Goerlich steht auch als Pensionär dem UKJL als freiwillige ärztliche Hilfskraft im Impfzentrum zur Verfügung. Seine Familie soll ab jetzt trotzdem mehr von ihm haben.

Dr. Goerlich steht auch als Pensionär dem UKJL als freiwillige ärztliche Hilfskraft im Impfzentrum zur Verfügung. Seine Familie soll ab jetzt trotzdem mehr von ihm haben.

Wie oft trafen Sie im Universitätsklinikum oder als Notarzt auf Situationen, bei denen reanimiert werden musste?

Es waren mehr als 100 erfolgreiche Reanimationen, in denen ich mit zum ­Einsatz kam. Unvergesslich ist für mich die mehr als 70 Minuten andauernde, erfolgreiche Wiederbelebung eines 26-Jährigen nach einem Herzinfarkt am 1. Mai 2011 in einer Gartenanlage, ebenso 2019 die eines Neugeborenen in einem Geburtshaus oder die eines 42-Jährigen zu Weihnachten 2015 in einer Leipziger Flüchtlingsunterkunft.

Mir sind aber auch mehrere Schwerstkranke in Erinnerung, die im Sterben lagen. Hier war eine angedachte Reanimation, weshalb der Notdienst gerufen wurde, aufgrund vorliegender Patientenverfügung nicht möglich.

Was mich sehr bewegt hat: Als Notarzt traf ich am 5. Februar 2022 auf einen 23-jährigen früher aktiven Basketballer, der durch einen Straßenbahnunfall seit Herbst 2018 vom Hals abwärts gelähmt war und sich für einen assistierten Suizid entschieden hatte. Nur Stunden nach unserer Begegnung setzte er sein Vorhaben um.

Sie konnten ihn nicht umstimmen?

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Nach einem sehr langen ausführlichen Gespräch mit sowohl ihm als auch seinen Angehörigen und der ihn in diesem Vorhaben betreuenden Psychologin habe ich sein monatelang vorher geplantes und von mehreren Psychologen und Ärzten begleitetes Vorhaben akzeptieren können. Der persönliche Wille eines Patienten, er war bei klarem Bewusstsein, ist grundsätzlich ausschlaggebend.

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Was halten Sie von künstlicher Intelligenz?

Heute wird auch in der Medizin immer mehr auf künstliche Intelligenz gesetzt. Das ist meines Erachtens positiv zu bewerten, weil damit moderneste Technik für die Gesundheit und zum Wohle des Patienten unterstützend in Diagnostik und Therapie eingesetzt werden kann.

Aber: Trotz aller Fortschritte der Technik sollte weiterhin grundsätzlich der Mensch den Computer und nicht der Computer den Menschen steuern können. Medizin-ethische Prinzipien sind auch hier unbedingt umzusetzen und einzuhalten.

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Sie waren 20 Jahre Mitglied des Personalrates der Medizinischen Fakultät, wirkten an klinischen Studien mit, haben die Regionalanästhesie in chirurgischen Fächern und vor allem in der Geburtshilfe mit durchgesetzt, widmen sich seit 2009 der Medizin-Historie und halten Vorträge, sind Schatzmeister der Gesellschaft für ­Sexualwissenschaft, haben dort in den letzten Jahren überregional beachtete Tagungen zur Thematik trans* organisiert, sind Vorsitzender eines wissenschaftlichen Vereins zur anästhesiologischen Fortbildung. Muss man Ihre Familie bedauern, weil sie Sie so wenig sieht?

Stimmt, ich habe oft viel Freizeit investiert, um all das, was mir beruflich und ehrenamtlich am Herzen liegt, gut und möglichst erfolgreich umzusetzen. Das ist vielleicht zum Teil auf Kosten meiner Frau, die auch Ärztin ist, und unserer Familie gegangen. Wir haben die mitunter anstrengenden 42 Jahre als Ärzte recht gut bewältigt und können uns jetzt etwas zurücknehmen.

Das heißt, dass jetzt der Beruf abgehakt ist und der Privatmann das Leben genießen wird?

So ausschließlich kann ich das nicht sagen. Ich habe mich auf Anfrage hin bereit erklärt, für das UKL im Impfzentrum als freiwillige ärztliche Hilfskraft zur Verfügung zu stehen. Es ist weiterhin in Planung, einen Verein für Palliativmedizin zu unterstützen. 2011 wurde ich von der Medizinischen Fakultät zum Ansprechpartner für Suchtfragen bestellt, diese Funktion übe ich vorerst noch aus. Ich kann Ihnen bestätigen: Als Arzt ist man auch als Ruheständler weiter Arzt.

Von Uwe Niemann

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