„Bibliothek des Jahres 2017“

Hinter den Kulissen der Leipziger Uni-Bibliothek

Die Pforte der Campusbibliothek ist der Arbeitsplatz von Enrico Weinhold.

Die Pforte der Campusbibliothek ist der Arbeitsplatz von Enrico Weinhold.

Leipzig. Viele Studierende schwören darauf, sich für die ultimative Konzentration auf ihren Lernstoff im tiefen Bauch der Campusbibliothek zu verschanzen. Um dorthin zu gelangen, passieren die meisten vorher den Arbeitsplatz von Enrico Weinhold direkt am Eingang zur Bibliothek. Der 38-Jährige arbeitet seit etwa eineinhalb Jahren als Tageswächter an der Pforte. Er grüßt die Besucher und macht freundlich darauf aufmerksam, wenn jemand unerlaubte Gegenstände bei sich trägt.

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„Ich gebe gerne Informationen über die Stadt oder die Bibliothek aus. Ein bisschen anstrengend ist es, darauf zu achten, dass niemand offene Kaffeebecher mit reinnimmt“, erzählt Weinhold. Viele würden es unabsichtlich machen, aber manchmal versuchen Studierende, die Becher zu verstecken. „Ob im Fahrradhelm oder in der offenen Tasche - ich kenne mittlerweile alle Tricks“, sagt der gebürtige Leipziger. Seinen Beruf beschreibt Weinhold aber auch gerade wegen des Kontakts zu den Studierenden als „Sechser im Lotto“. „Besonders freue ich mich, wenn man mich auch außerhalb der Bibliothek wiedererkennt und grüßt“, so Weinhold.

Heimliches Stelldichein im Gruppenarbeitsraum

Gelegentlich lässt Weinhold sich an der Pforte ablösen und dreht eine Runde durch die verschiedenen Lesesäle. Dann achtet er darauf, dass niemand zu lange einen Schreibtisch reserviert oder zwischen den Regalen schläft. „Dieses Jahr ist es bis jetzt etwas ruhiger, aber manche Menschen richten sich hier fast schon häuslich ein“, weiß er zu berichten.

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Sein kuriosestes Erlebnis hatte er vor etwa einem Jahr frühmorgens. Als er seine tägliche Runde durch die Gruppenarbeitsräume drehte, hörte er aus einem merkwürdige Geräusche. Ein Pärchen hatte sich in einem der Räume zu einem heimlichen Stelldichein getroffen. „Die musste ich dann verscheuchen“, erinnert sich Weinhold lachend.

Im Albertina-Foyer wuchsen Bäume

Ortswechsel in die Bibliotheca Albertina, die von vielen Studierenden wegen ihrer erhabenen und majestätischen Räumlichkeiten geschätzt wird. Dass es hier nicht immer so aussah, wissen Ramona Buchmann, Claudia Kasper und Anke Stoye. Die drei gelernten Buchbinderinnen arbeiten seit fast 30 Jahren zusammen und pflegen den Bücherbestand der Leipziger Universitätsbibliotheken.

In dieser Zeit haben sie erlebt, wie sich die Bibliotheca Albertina veränderte. Bis in die 1980er glich das Gebäude noch einer Ruine; Bäume wuchsen im heutigen Foyer. „Damals lag die Werkstatt an dem Innenhof, der heute der Lesesaal West ist“, erinnert sich Anke Stoye. Ende der Neunziger zog die Werkstatt in die heutigen, modernen Räume im Erdgeschoss des Ostflügels um. Die Buchbinderinnen benutzen immer noch viele der Arbeitsgeräte von damals. „Die neuen Bücherwägen sind nicht so handlich wie die alten. Und Bücher, die trocknen müssen, beschweren wir mit eisernen Bügeleisen oder alten Stücken von Bahnschienen“, erklärt Claudia Kasper.

Restauration braucht Zeit

Auf der Werkbank liegt ein dicker Wälzer aus dem Jahr 1914. Der Deckel ist abgerissen und einige Seiten sind regelrecht zerfleddert. „Im frühen 20. Jahrhundert wurden die Bücher mit Klammern gebunden. Das war damals hochmodern. Aber irgendwann bildet sich immer Rost und der droht, die Seiten aufzufressen“, so Ramona Buchmann. Sie wird die Klammern deshalb lösen und das Buch neu binden. Das wird bis zu vier Tage in Anspruch nehmen.

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Ramona Buchmann mit einem kaputten Wälzer von 1914.

Ramona Buchmann mit einem kaputten Wälzer von 1914.

Kontakt zu den Studierenden haben die drei Frauen in der Werkstatt nur indirekt. Denn manchmal finden sie Hinterlassenschaften wie zum Beispiel Leihscheine in den Büchern. „Einmal haben wir gepresste Tulpenblätter entdeckt. Aber meistens sind es eher Kaffeeflecken“, scherzt Buchmann. Ärgerlicher sei da schon, wenn Studierende Seiten aus den alten Büchern trennen, um sie leichter kopieren zu können. „Das kommt zum Glück aber nur recht selten vor“, meint die Buchbinderin.

Pia Siemer

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