Ständige Erreichbarkeit, unbezahlte Überstunden, fehlende Pausen

Wieso das Homeoffice mehr stresst – und was Sie dagegen tun können

Vorteil Homeoffice? Das Arbeiten von zu Hause birgt für manche auch Risiken und kann psychisch zusetzen.

Hannover. Während der Pandemie sind viele Beschäftigte ins Homeoffice gewechselt. Viele arbeiten bis heute teilweise oder ganz von zu Hause aus. Auf den ersten Blick bringt das vor allem Vorteile: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sparen Zeit und Geld, weil Fahrzeiten entfallen und – je nach Branche – die Businesskleidung im Schrank bleiben kann. Die Teams besprechen sich bequem online. Familie und Beruf lassen sich besser vereinbaren.

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Unbezahlte Überstunden

Doch eine aktuelle Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zeigt, dass das Arbeiten im Homeoffice zu mehr Stress führen kann und damit zu einer Gefahr für die Gesundheit werden kann. Demnach machen 28 Prozent der Heimarbeiter und ‑arbeiterinnen oft unbezahlte Überstunden. Und von jedem Dritten erwarten Vorgesetzte, dass er oder sie außerhalb seiner normalen Arbeitszeit erreichbar ist, auch am Handy. Beides kommt doppelt so häufig vor wie bei Beschäftigten, die in der Firma arbeiten.

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Nicht zuletzt arbeiten viele der Befragten im Homeoffice mehr und länger. Den Angaben zufolge sind sie viel öfter abends bis 23 Uhr noch beruflich beschäftigt. 46 Prozent verkürzten ihre Pause – oder lassen sie ganz ausfallen. Und 47 Prozent haben angegeben, in der Freizeit häufig nicht richtig abschalten zu können. Laut Studie sind alle diese Werte deutlich höher als bei Beschäftigten, die meist oder immer in der Firma arbeiten.

Warum kann Homeoffice stressig werden?

Was setzt den Menschen im Homeoffice so zu? „Es gibt mehrere Faktoren: Zum einen können viele zu Hause nicht ungestört arbeiten, sich dadurch schlecht konzentrieren“, sagt Andreas Jähne, ärztlicher Direktor und Chefarzt der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura und der Oberberg Tagesklinik Lörrach.

„Zum anderen kommt es zu einer sogenannten Entgrenzung der Arbeitszeit.“ Im Unterschied zu den Beschäftigten, die in den Betrieb gehen, könne man im Homeoffice oft nicht die Tür zumachen und die Arbeit einfach so hinter sich lassen, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

„Keinesfalls unterschätzten darf man auch die Einsamkeit. Viele fühlen sich im Homeoffice isoliert. Es fehlt ihnen, dass sie nicht schnell mal einen Rat vom Kollegen oder einer Kollegin einholen können.“ Ein wichtiger sozialer Aspekt, der vor allem bei Alleinstehenden ins Gewicht fällt.

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Wie äußert sich der Stress?

„Je länger die Zeit im Homeoffice dauert, desto höher ist das Risiko, dass sich psychische und physische Probleme zeigen“, erklärt Jähne. Das könne sich ganz unterschiedlich äußern. „Wer zum Beispiel nicht abschalten kann, leidet häufig unter Schlafstörungen, Unruhe und Konzentrationsstörungen, die wiederum zu Fehlern bei der Arbeit führen können. Oft baut das zusätzlichen Druck auf, der die Betroffenen reizbar machen und am Ende familiäre Konflikte nach sich ziehen kann.“

Auch das Gefühl, energielos zu sein, lähme viele, die längere Zeit im Homeoffice gearbeitet haben. Außerdem könne der Homeoffice-Stress körperliche Probleme bereiten: von Bluthochdruck bis hin zu Herz-Rhythmus-Störungen. „Die fehlende Trennung von dienstlich und privat führt häufig zu Überbelastungen“, sagt der Experte. Das erhöhe die Gefahr, dass sich depressive Stimmungen, Angststörungen und Vereinsamung entwickeln – bis hin zum Burnout. „Wer länger als zwei Wochen derartige Befindlichkeitsstörungen an sich beobachtet, sollte einen Arzt konsultieren.“

Was kann ich gegen Stress im Homeoffice tun?

Facharzt Jähne hat fünf Tipps, was gegen den Stress im Homeoffice hilft:

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  • Arbeitszeiten klar festlegen: Arbeits- und Freizeit sollten klar voneinander abgegrenzt werden, das funktioniert über genau definierte Arbeitszeiten. Die sollten unbedingt mit den Vorgesetzten und dem Team abgesprochen sein. Damit ist dann auch gleich die Frage geklärt, wann man erreichbar ist.
  • Rhythmus festlegen: Mit Selbstdisziplin sollte man Zeiten bestimmen, wie etwa regelmäßige Mahlzeiten, Aufsteh- und Zubettgehzeiten. Auch Pausen sind notwendig, um Leistung bringen zu können. In dieser Zeit sollte man bewusst auf alles Dienstliche verzichten.
  • Gute Bedingungen schaffen: Ein ungestörter Arbeitsraum beziehungsweise -platz ist eine wichtige Voraussetzung für das erfolgreiche Arbeiten im Homeoffice. Der Küchentisch ist in der Regel nicht geeignet.
  • Hobbys pflegen: Wer zu Hause arbeitet, sollte möglichst die Freizeit vielfältig planen – und dabei unbedingt auch auf ausreichend Bewegung achten. Das kann helfen, Stress abzubauen und Unruhe zu reduzieren.
  • Entspannung lernen: Ob autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Yoga – alles, was entspannt, kann auch den Stress minimieren. Viele Techniken eignen sich auch für die Pausen.

Homeoffice: Was regelt das Arbeitszeitgesetz?

Wichtig ist: „Wenn es um Arbeitsbedingungen geht, ist der Vorgesetzte immer der Ansprechpartner“, sagt Tjark Menssen vom DGB Rechtsschutz.

Laut Gesetz ist die Arbeit von zu Hause aus wie die normale Arbeitszeit im Betrieb zu bewerten. Das heißt: Es gelten grundsätzlich die gleichen Arbeitszeitvorschriften. Das betrifft – neben den jeweiligen tariflichen Regelungen – auch die Vorschriften aus dem Arbeitszeitgesetz.

Im Arbeitszeitgesetz ist geregelt:

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  • Laut Arbeitszeitgesetz sind am Tag eine Arbeitszeit von maximal acht Stunden erlaubt. Ausnahmsweise dürfen Beschäftigte zehn Stunden täglich arbeiten, wenn es innerhalb von sechs Monaten zu einem Ausgleich kommt.
  • Bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs Stunden ist eine Pause von mindestens 30 Minuten vorgeschrieben. Wer mehr als neun Stunden arbeitet, muss 45 Minuten lang Pause machen.
  • Das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen ist grundsätzlich verboten. Ausnahmen sind je nach Branchen festgelegt.
  • Es müssen Ruhezeiten zwischen den Arbeitstagen eingehalten werden. Die Mindestruhezeit beträgt elf Stunden. Für manche Branchen sind die Ruhezeiten extra geregelt, zum Beispiel in Krankenhäusern.

„Gibt es Unstimmigkeiten oder Probleme mit den Arbeitsbedingungen im Homeoffice, sollte beim Gespräch mit dem Vorgesetzten auch immer der Betriebsrat oder eine Fachkraft für Arbeitssicherheit hinzugezogen werden“, rät Menssen vom DGB Rechtsschutz. Es sei wichtig, dass der Betrieb und die Beschäftigten klar absprechen, was geleistet werden soll und kann.

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