Erfahrung vs. Expertenmeinung

Kind eins, zwei und drei – was bedeutet die Reihenfolge für die Persönlichkeit von Geschwistern?

Welche Auswirkungen hat die Reihenfolge, in der Geschwister auf die Welt gekommen sind? Zu dieser Frage gibt es viele Thesen.

Berlin. Welche Auswirkungen hat die Reihenfolge, in der Geschwister auf die Welt gekommen sind? Zu dieser Frage gibt es viele Thesen. Die ältesten Kinder sind nach Einschätzung des US-Psychologen Frank Sulloway disziplinierter, die Jüngsten gelassener und nicht so stark an Traditionen gebunden. In seinem Buch „Born to Rebel“ argumentierte er 1996, dass die Reihenfolge, in der Geschwister auf die Welt kommen, die Persönlichkeit forme.

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Haben es die älteren Kinder schwieriger?

Die 27-jährige Mirjam Brinkmann hat zwei Brüder, sie ist die Jüngste der Familie. „Meine Brüder durften deutlich weniger als ich“, sagt sie. Abends länger draußen bleiben oder feiern gehen war für sie als Jüngste nicht so ein großes Problem wie für ihre Brüder. „Dadurch sind mir manche Sachen zugeflogen, auch, weil ich das einzige Mädchen bin“, erzählt sie weiter. Vielleicht haben diese Erleichterungen sogar ihre Persönlichkeit beeinflusst, vermutet Brinkmann.

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Seyma Ciftci hat als ältestes Kind immer die von ihren Eltern gesetzten Grenzen ausgetestet. Deshalb findet die 23-Jährige, dass das erste Kind es in dieser Hinsicht „am schwierigsten hat“. Für die jüngeren Geschwister sei es dann immer einfacher, sagt sie.

Wie sieht das die Wissenschaft?

Persönlichkeits-Psychologin Sonja Rohrmann sieht es differenzierter. Wissenschaftlich sei nicht bewiesen, dass sich durch die Reihenfolge Charaktereigenschaften wie Selbstbewusstsein oder Disziplin bildeten, sagt die Wissenschaftlerin der Frankfurter Goethe-Universität. Vielmehr komme es hin und wieder zu Gemeinsamkeiten zwischen den Jüngsten oder Ältesten in Familien.

Eine Sache sei allerdings wissenschaftlich belegt: Die ersten Kinder haben statistisch gesehen höhere Intelligenzquotienten – aber auch hier schränkt Rohrmann ein: Die Ältesten seien im Schnitt dann doch so minimal schlauer, dass es im Alltag keinen großen Unterschied mache.

Wenn Hass und Liebe eng beieinander liegen

Seyma Ciftci hat sich früher immer gewünscht, Einzelkind zu sein. Die Dortmunderin kam als erstes Kind der Familie auf die Welt, nach ihr wurden noch zwei Jungs geboren. Heute kann sie ihren Einzelkind-Wunsch nicht mehr so recht nachvollziehen: „Wahrscheinlich einfach, weil meine Eltern dann mehr Zeit für mich hätten.“ Sie erinnert sich noch daran, als ihr Bruder auf die Welt kam: Die Aufmerksamkeit habe sich plötzlich geteilt. Familienforscher Hartmut Kasten beschreibt dieses Streben nach „ungeteilter elterlicher Liebe und Zuwendung“ als „Entthronungstrauma“.

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Die Beziehung zwischen Geschwistern ist womöglich eine der seltenen Verbindungen, in der sowohl Hass als auch Liebe sehr intensiv gelebt werden, beschreibt der emeritierte Familienforscher an der Ludwig-Maximilians-Universität München – eine „emotionale Ambivalenz“, wie er sagt. Fest steht: Unter Geschwistern ist Platz für jedes Gefühl. Seyma Ciftci und ihre zwei Brüder wissen, dass es schrecklich für alle wäre, wenn einem von ihnen etwas zustieße. Ein Leben ohne ihre Brüder kann sie sich nicht vorstellen. Dennoch werde ihr Verhältnis mal durch Meinungsverschiedenheiten getrübt.

Verantwortung in allen Altersgruppen

Auch Mirjam Brinkmann, die aus Tübingen stammt, erzählt davon, dass sie eine ganz andere Lebenseinstellung habe als einer ihrer Brüder. „Dass wir Geschwister sind, macht das Ganze nur noch konfliktreicher, weil wir uns eben so nahestehen sollten und aus einer Familie kommen“, sagt sie. Es habe Zeiten gegeben, in denen auch sie als Jüngste der Familie sehr viel Verantwortung übernehmen und Konflikte zwischen Eltern und Bruder habe schlichten müssen. In diesen Situationen, so sagt sie, sei die Geschwisterbeziehung eher Stress als Erleichterung gewesen.

Auch Seyma Ciftci fühlt als Älteste Verantwortung, beispielsweise, wenn sie ihrem jüngsten Bruder in der Schule hilft. Aber auch die Vorteile der Erstgeborenen nutzt sie manchmal aus: „Man kann immer sagen: „Ich bin die Älteste, Du hast mich zu respektieren““. Und natürlich gibt es auch ganz praktische Vorteile – wenn mal keine Bahn fährt, gibt es immer einen Bruder, der sie abholen kann.

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Familienforscher Kasten sagt, dass Menschen in keiner Beziehung so vertraut miteinander sind wie unter Geschwistern. Man sei eben „in einem Nest“ aufgewachsen. In der Regel sei man keinem Menschen ein Leben lang so nah wie Bruder oder Schwester. Auch Brinkmann kennt das Gefühl: Selbst, wenn der Kontakt zu ihren Brüdern mal abkühlt oder man sich länger nicht sieht - immer gibt es diese zwei Männer, die sie zur Schwester haben.

RND/dpa

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