24-jährige Forscherin über Krebs bei Kindern: „Noch viele Forschungsfragen unbeantwortet“

Die Heilungschancen können bei krebskranken Kindern individuell unterschiedlich ausfallen.

Die Heilungschancen können bei krebskranken Kindern individuell unterschiedlich ausfallen.

Hannover. Wer zurzeit das Büro von Laura Hinze betritt, dem fallen sofort drei große, bunte Blumensträuße ins Auge, die im Raum verteilt sind. Alle sind Gratulationsgeschenke. Denn die 24-Jährige, die in der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Medizinischen Hochschule Hannover als Ärztin und Wissenschaftlerin tätig ist, erhält im März den renommierten Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Nachwuchspreis. Im RND-Interview spricht sie über ihre Forschung zu resistenten Krebszellen und wie das Wissen darüber zur Behandlung der akuten lymphatischen Leukämie beitragen kann.

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Frau Hinze, was verschlägt eine junge Frau wie Sie in die Kinderonkologie?

Der Zufall. Ich war 14 Jahre alt und habe ein Praktikum im Krankenhaus gemacht. Damals fand ich vor allem die Fachgebiete Intensivmedizin und Kinderkardiologie spannend. Aber ich bin dann eben durch Zufall in der Kinderonkologie gelandet.

Und was begeistert Sie an dem Fachgebiet?

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Ganz besonders natürlich der Inhalt und das Spektrum der Krankheitsbilder sowie die Biologie dahinter. Aber auch der Kontakt zu den Patientinnen und Patienten, der in der Kinderonkologie etwas Besonderes ist. Denn als Arzt oder Ärztin begleitet man sie über eine lange Zeit und lernt sie gut kennen. Das muss man mögen, und das muss man wollen, aber das tue ich.

Im Labor der Medizinischen Hochschule Hannover forscht Laura Hinze zu Krebserkrankungen bei Kindern.

Im Labor der Medizinischen Hochschule Hannover forscht Laura Hinze zu Krebserkrankungen bei Kindern.

Sie werden mit dem Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Nachwuchspreis für Ihre Forschungsarbeit im Bereich der Kinderkrebsforschung ausgezeichnet. Sie sind damit die jüngste Preisträgerin in der Stiftungsgeschichte.

Ich glaube, dass ich die jüngste Preisträgerin bin, nehmen viele als ungewöhnlich wahr. Das ist es auch, aber es ist für mich nicht der relevanteste Punkt. Ich freue mich nicht, weil ich die jüngste Preisträgerin bin, sondern weil es an sich eine riesige Ehre ist, diese Auszeichnung zu erhalten. Damit habe ich auch nicht gerechnet. Denn es ist ein sehr selektiver Prozess gewesen. Ich musste zum Beispiel als letzte Hürde einen wissenschaftlichen Vortrag in Frankfurt halten, samt öffentlicher Diskussion, und wurde danach noch in Einzelinterviews befragt. Also es war sehr anspruchsvoll, deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, als ich erfahren habe, dass ich den Preis erhalte.

Warum Krebszellen gegen Therapien resistent werden

Nur eine Feuerschutztür trennt Hinzes Büro vom Labor, wo sich auf den Tischen Reagenzglasständer, Pipetten, Zentrifugen samt Zentrifugenröhrchen, Lösungen, Mikroskope und auch Einmalhandschuhverpackungen aneinanderreihen. Neben dem Großraumlabor gibt es noch einen abgetrennten Bereich, in dem Gentechnik zum Einsatz kommt. Hier forscht die 24-Jährige aber keineswegs alleine. Sie leitet eine Forschungsgruppe, bestehend aus fünf anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die fast alle älter sind als sie. Die älteste Kollegin ist knapp 60 Jahre alt; Lorent Loxha ist mit 23 Jahren der Jüngste im Team. „Ich bin also fast so alt wie die Chefin“, sagt er lächelnd mit einem Seitenwink auf Laura Hinze, die mit einem „Aber eben nur fast“ antwortet. Auf das Miteinander scheinen sich die Altersunterschiede in jedem Fall nicht negativ auszuwirken.

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Was genau haben Sie und Ihre Arbeitsgruppe eigentlich erforscht?

Grundsätzlich erforschen wir, warum Krebszellen, insbesondere Leukämiezellen, nicht gut auf Therapien ansprechen, also warum sie resistent gegen Chemotherapeutika wie Asparaginase werden.

Krebszellen können resistent gegen Chemotherapeutika werden?

Ja, das ist vergleichbar mit der Antibiotikaresistenz von Bakterien. Die Therapien lösen einen Selektionsdruck aus, der Einfluss auf die Entwicklung der Krebszellen nimmt. Es entstehen Mechanismen, die die Zellen widerstandsfähig machen und dafür sorgen, dass sie nicht mehr auf die eingesetzten Therapien ansprechen. Diese Mechanismen sind bis heute noch nicht allumfänglich erforscht und verstanden. Da setzt unsere Forschung an. Denn wir untersuchen, wie bestimmte Signalwege zwischen den Krebszellen eine Resistenz verursachen. So haben wir einen neuen Ansatz zur Behandlung von Darmkrebs ableiten können, aber auch einen neuen Angriffspunkt für die Behandlung der akuten lymphatischen Leukämie entdeckt.

Laura Hinze (2. v. l.) leitet eine eigene Forschungsgruppe – dazu gehören Büsra Cinar (von links), Beate Fehlhaber, Nurul Khalida Ibrahim und Lorent Loxha (fehlend: Sabine Schreek).

Laura Hinze (2. v. l.) leitet eine eigene Forschungsgruppe – dazu gehören Büsra Cinar (von links), Beate Fehlhaber, Nurul Khalida Ibrahim und Lorent Loxha (fehlend: Sabine Schreek).

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Der lange Weg der Chemotherapie

Wenn Laura Hinze über Zellmechanismen und Resistenzen spricht, merkt man ihr ihr junges Alter überhaupt nicht an. Ihre fachliche Kompetenz versucht sie, mit anderen zu teilen. Sie will ihr Wissen so verständlich wie möglich vermitteln – und verzichtet dann auch schon mal auf umständliche Fachausdrücke.

Was ist eine akute lymphatische Leukämie?

Es ist die häufigste Krebserkrankung bei Kindern. Dabei kommt es zu genetischen Veränderungen der weißen Blutkörperchen, den Leukozyten, die sich daraufhin unkontrolliert vermehren. So entstehen funktionsuntüchtige Zellen, die sich im Knochenmark ausbreiten und die normale Blutbildung verdrängen. Über das Blut und das lymphatische System können sie schließlich auch zu anderen Organen gelangen, diese befallen und schädigen. Eine akute lymphatische Leukämie geht meist mit sehr unspezifischen Symptomen einher, zum Beispiel Blässe, Abgeschlagenheit, Müdigkeit oder Knochenschmerzen.

Gibt es da offizielle Zahlen, wie viele Kinder pro Jahr an einer akuten lymphatischen Leukämie erkranken?

Es ist tatsächlich so, dass die Erkrankung häufiger bei Kindern und Jugendlichen vorkommt, aber auch im Erwachsenenalter auftreten kann. In Deutschland erkranken pro Jahr etwa 500 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren an einer akuten lymphatischen Leukämie. Sie ist zwar die häufigste Krebserkrankung bei Kindern, man darf dabei aber nicht die Relationen außer Acht lassen: Denn Krebserkrankungen kommen im Kindesalter glücklicherweise selten vor. Aber wenn Kinder an Krebs erkranken, leiden sie eben vermehrt unter einer akuten lymphatischen Leukämie.

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Und zur Behandlung wird dann eine Chemotherapie eingesetzt.

Genau. Es ist eine intensive Chemotherapie, die ungefähr zwei Jahre dauert – die Zeitspanne kann aber je nach Patientin und Patient auch länger ausfallen. Dabei werden verschiedene Chemotherapeutika zu verschiedenen Zeitpunkten immer wieder im Wechsel gegeben, um Resistenzen zu vermeiden und die Krebszellen effektiv zu bekämpfen. Und nach einem Jahr beginnt dann eine Dauertherapie, bei der Chemotherapeutika in einer niedrigeren Dosierung gegeben werden. Diese Dauertherapie ist wichtig, weil sie das Risiko, dass die Krebserkrankung zurückkommt, signifikant verringert.

Wie hoch sind die Heilungschancen bei der akuten lymphatischen Leukämie?

Das lässt sich nicht pauschalisieren. Es gibt Kinder, die sprechen sehr gut auf die Therapien an und haben Heilungschancen von deutlich mehr als 80 Prozent. Aber es gibt auch Kinder, deren Überlebenschancen geringer sind. Die akute lymphatische Leukämie ist einfach keine homogene Erkrankung.

Man kann nicht pauschal sagen, dass Kinder prinzipiell immer bessere Heilungschancen haben als Erwachsene.

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Gilt das auch für andere Krebserkrankungen bei Kindern?

Tatsächlich können auch bei anderen Krebserkrankungen die Heilungschancen individuell unterschiedlich ausfallen. Da kommt es zum Beispiel darauf an, in welchem Stadium der Erkrankung sich der Patient oder die Patientin befindet. Man kann auch nicht pauschal sagen, dass Kinder prinzipiell immer bessere Heilungschancen haben als Erwachsene. Wobei sicherlich ein 80-jähriger Patient, der fünf andere internistische Grunderkrankungen hat, andere Voraussetzungen mitbringt als ein Kind.

Sie werden Ihre Forschungsarbeit zu Krebserkrankungen bei Kindern sicherlich noch fortsetzen, nehme ich an.

Definitiv.

Was gibt es denn noch zu erforschen? Was ist noch unklar?

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Wir werden auf jeden Fall weiter den Proteinstoffwechsel in Krebszellen untersuchen. Zum Beispiel wollen wir besser verstehen, wie Krebszellen verschiedene Level von Aminosäuren, den kleinsten Bestandteilen von Proteinen, wahrnehmen können. Auch interessiert uns, wie die Signalwege im Proteinstoffwechsel genau reguliert werden und welche Rolle sie in Stammzellen spielen. Es sind also noch viele Forschungsfragen unbeantwortet. Und das Tolle an der Forschung ist: Sie geht immer weiter!

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