Corona-Mutationen: Wann kommt die dritte Welle durch B.1.1.7?

Eine Frage der Zeit: Wann setzt sich B.1.1.7 gegen die ursprüngliche Virusvariante von Sars-CoV-2 durch?

Eine Frage der Zeit: Wann setzt sich B.1.1.7 gegen die ursprüngliche Virusvariante von Sars-CoV-2 durch?

Neue Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) bestätigen die Befürchtungen der Wissenschaftler. Der Anteil der B.1.1.7-Mutation an den untersuchten positiven Testproben ist binnen zwei Wochen von knapp 6 Prozent auf mehr als 22 Prozent gestiegen. Das berichtete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch in Berlin. Sprich: Wie erwartet breitet sich die Virusvariante in Deutschland weiter aus.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Der Corona Newsletter "Die Pandemie und wir" vom RND.

Die Pandemie und wir

Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Virologen und Mathematiker rechnen deshalb trotz Lockdown und Corona-Maßnahmen mit einer dritten Infektionswelle. Bereits jetzt befinde sich die britische Virusvariante B.1.1.7 in einer Phase des exponentiellen Wachstums, warnt der Systemimmunologe Michael Meyer-Hermann, „und die aktuellen Maßnahmen reichen nicht, um diese Entwicklung auszubremsen“. Die Virologin Melanie Brinkmann formulierte es vor wenigen Tagen gegenüber dem „Spiegel“ noch etwas schärfer. Die Mutationen „werden uns überrennen, das Virus hat einen Raketenantrieb bekommen“, sagte die für die Ausarbeitung der No-Covid-Strategie bekannte Virologin.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Zahl der Neuinfektionen unter bestimmten Annahmen, die allerdings mit großer Unsicherheit behaftet sind. Insbesondere ist noch unklar, um wie viel ansteckender die Virusvariante im Vergleich zum bisherigen Typ ist. Bereits kleine Abweichungen können zu deutlich anderen Ergebnissen führen. Unterstellt man einen Anteil der Mutante an allen Fällen von derzeit 20 Prozent, eine um 35 Prozent höhere Ansteckungsrate, außerdem einen konstanten Reproduktionswert von 0,9 des bisherigen Typs und einen entsprechend höheren R-Wert der Variante, könnte das Infektionsgeschehen im März wieder zunehmen und bereits im Mai in neue Höchstwerte münden. Auch bei einem R-Wert des bisherigen Typs von 0,8 würde das exponentielle Wachstum zurückkehren, nur etwas später.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ab März: Simulationen gehen von dritter Corona-Welle aus

In den Fallzahlen und R-Werten sind die Mutanten wegen der starken täglichen Schwankungen der Zahlen nur schwer zu erkennen.

Andreas Schuppert,

Mathematikprofessor an der RWTH Aachen

Die Ausbreitung der ansteckenderen Variante wird sich also erst später mit Blick auf Fallzahlen und R-Wert bemerkbar machen. „Ich erwarte nach der momentanen Datenlage eine dritte Welle erst Mitte bis Ende März“, prognostiziert der Mathematiker Andreas Schuppert, der an der Technischen Hochschule Aachen (RWTH) Simulationen zum Pandemieverlauf berechnet. In seinen Modellierungen sei das exponentielle Wachstum noch nicht sichtbar, eine Trendwende erst im kommenden Monat zu erwarten. „In den Fallzahlen und R-Werten sind die Mutanten wegen der starken täglichen Schwankungen der Zahlen nur schwer zu erkennen“, erklärt der Experte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Kurven gehen noch nicht wieder nach oben.“ Die Lage sei aber unsicher, beim Vorliegen weiterer Daten zu B.1.1.7 könnten sich die Prognosen jederzeit sehr schnell ändern.

„Tatsächlich suggerieren die Daten, also die Zahl der nachgewiesenen Fälle mit dieser Variante, dass deren Verbreitung stark zunimmt, mindestens zeitweise auch exponentiell“, bestätigt auch der Mathematiker Jan Fuhrmann gegenüber dem RND. Der Wissenschaftler simuliert am Forschungszentrum Jülich den Pandemieverlauf. Ob sich B.1.1.7 aber bereits exponentiell ausbreite oder ob dieser Anstieg mittlerweile wieder langsamer verläuft, lasse sich wegen des kurzen Beobachtungszeitraums und der Vorläufigkeit der Daten „nur schwer sagen“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Vor allem der geschätzte R-Wert sei mit einer deutlichen Unsicherheit behaftet, die jeden bereits spürbaren Effekt neuer Varianten verschleiern könne. „Gerade dieser Tage könnte sich zum Beispiel auch die verringerte Mobilität und dadurch möglicherweise auch verringerte Kontakte während des neulichen Wintereinbruchs bemerkbar machen“, gibt Fuhrmann zu Bedenken. Es sei auch mit regionalen Unterschieden bei der Ausbreitung zu rechnen.

Dritte Infektionswelle noch aufzuhalten?

Es kann da schnell um den Unterschied zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten gehen, bis dieser Kipppunkt erreicht ist.

Jan Fuhrmann,

Forschungszentrum Jülich

Wann der Anstieg der Fälle mit den neuen Varianten so groß ist, dass der Rückgang der Fälle mit den bisherigen Varianten dadurch aufgewogen wird und die Fallzahlen wieder steigen, hängt Fuhrmann zufolge von der Wirksamkeit der Kontaktbeschränkungen und dem Ausbreitungsvorteil von B.1.1.7 gegenüber dem ursprünglichen Virustyp ab. „Dazu gibt es unterschiedliche Schätzungen, und bereits kleine Unterschiede haben hier eine große Wirkung“, sagt der Mathematiker. „Es kann da schnell um den Unterschied zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten gehen, bis dieser Kipppunkt erreicht ist.“ Es sei beispielsweise auch durchaus möglich, dass allein das im Frühjahr wegen der Witterung vermutlich nachlassende Infektionsgeschehen dazu führt, dass dieser Punkt nicht vor dem Herbst erreicht werde. „Und bis dahin wird dann die Frage der Impfungen deutlich relevanter“, so Fuhrmann.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Grundsätzlich sei der gefährliche Kipppunkt aufzuhalten, wenn der R-Wert auch für die Mutanten kleiner oder gleich eins gehalten werden könne, erklärt Andreas Schuppert den Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Variante und der Infektionsdynamik. Zwar liegt der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert seit Anfang des Monats im Bereich von etwa 0,8 bis 0,9 – zehn Infizierte stecken also weniger als zehn weitere Menschen an. Vorsichtigen Schätzungen zufolge ist die britische Variante B.1.1.7 aber gut ein Drittel ansteckender als das ursprüngliche Virus. Im R-Wert steckten deshalb inzwischen mindestens zwei nebeneinander laufende Pandemien, sagt der Immunologe Meyer-Hermann: B.1.1.7. expandiere mit einer Reproduktionszahl um grob geschätzt 1,2. „Das sieht man nur nicht, weil immer noch die meisten Fälle mit der alten Variante auftreten. Über kurz oder lang wird B.1.1.7 dominieren“, ist sich der Forscher sicher.

Das könnten dann auch wieder die Intensivstationen und Kliniken zu spüren bekommen. „Wenn ein exponentieller Anstieg durch andere Maßnahmen nicht aufgehalten werden kann, wird die Belastung der Kliniken davon abhängen, ob die Impfungen schnell genug vorankommen, um das Risiko für schwere Erkrankungsverläufe in der Bevölkerung schneller zu reduzieren, als die Infektion sich ausbreiten kann“, sagt Mathematiker Schuppert. Derzeit nimmt die Belegung der Kapazitäten in den Krankenhäusern noch kontinuierlich ab. Laut Divi-Intensivregister waren am Dienstag (16. Februar) 3352 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Zum Vergleich: Genau vor einem Monat, am 16. Januar, waren es noch 5015 Patienten.

Virusmutationen: Ein weltweites Problem

Auch global betrachtet gibt es angesichts der Corona-Mutationen keinen Anlass zur Entwarnung. Zwar geht die Gesamtzahl der Coronavirus-Ansteckungen und Todesfälle laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit zurück. Gleichzeitig sei aber die zuerst in Großbritannien aufgetretene B.1.1.7-Variante mittlerweile in 94 Ländern nachgewiesen worden. Auch in Europa: zuerst besonders schnell registriert in Großbritannien und Irland, inzwischen vor allem auch in Dänemark und Italien. Dort werden auch von Beginn an mehr Proben sequenziert als in Deutschland.

Die aus Südafrika stammende Virusvariante – wohl ebenfalls übertragbarer – hat sich bereits auf 46 Länder ausgebreitet. Bei der zunächst in Brasilien und Japan entdeckten Mutante seien es 21 Länder. Es sei anzunehmen, dass sich die Varianten unbemerkt noch weiter ausgebreitet haben, da nicht jede Ansteckung entdeckt und entsprechend registriert wird.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

mit Material von dpa

Mehr aus Gesundheit

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken