Mit Omikron in die Endemie – oder kommt doch noch eine neue Virusvariante?

Die Virusvariante Omikron breitet sich rasant in Deutschland aus, sodass bald eine endemische Phase eintreten könnte.

Die Virusvariante Omikron breitet sich rasant in Deutschland aus, sodass bald eine endemische Phase eintreten könnte.

Mit der Virusvariante Omikron könnte eine endemische Phase für Deutschland in greifbare Nähe rücken. Davon ist inzwischen auch Christian Drosten, der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, überzeugt. „Die Bevölkerung baut Immunität auf und behält die auch“, sagte er vergangene Woche dem „Tagesspiegel“. Denn Omikron ist in der Lage, sowohl Ungeimpfte als auch Genesene und Geimpfte zu infizieren, woraufhin deren Immunsysteme Antikörper produzieren. Es entsteht ein Schutz vor dem Coronavirus.

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Da Omikron hochansteckend ist und schon jetzt für Tausende Infektionen innerhalb kurzer Zeit sorgt, könnte bald eine Bevölkerungsimmunität entstehen. Drosten geht davon aus, dass Deutschland schon in diesem Jahr in eine endemische Phase kommen könnte. Dann wäre das Coronavirus aber nicht verschwunden. Es würden weiterhin Infektionen auftreten (im Sommer etwas weniger, im Winter wieder etwas mehr), die jedoch das Gesundheitssystem womöglich nicht mehr so stark belasten.

Auf dem Weg zur Endemie gibt es aber noch ein großes Fragezeichen: Ist Omikron tatsächlich die letzte problematische Virusvariante? Oder wird es einen Nachfolger geben, der noch einmal Einfluss auf das Infektionsgeschehen nimmt?

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Omikron könnte sich weiterentwickeln

„Welche Variante in einigen Monaten zirkulieren wird, lässt sich nicht vorhersagen“, sagte Richard Neher, Professor für Virusevolution an der Universität Basel, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Aber verschiedene Szenarien sind möglich.“

Szenario Nummer eins: Die Omikron-Variante entwickelt sich weiter. Es könnten neue Mutationen entstehen, die es der Virusvariante ermöglichen, sich noch schneller zu verbreiten. Oder die vielleicht sogar den Immunescape verstärken, also dazu führen, dass der Erreger die Immunantworten von Geimpften und Genesenen noch besser umgehen kann.

Wird Delta noch einmal zur Gefahr?

Szenario Nummer zwei: Es gibt ein Wiederaufleben einer alten Virusvariante. Zum Beispiel der Delta-Variante. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte vergangene Woche bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Drosten und dem Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler: „Wir sehen jetzt schon wieder genetische Veränderungen in der Delta-Variante, mit der wir bis vor kurzem gerungen haben.“ Er warnte davor, dass diese im Herbst zum Problem werden könnte.

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Virologe Drosten wies in diesem Zusammenhang vor allem auf die Gefahr für Ungeimpfte hin. „Diese Personen werden möglicherweise mit einem Omikron-Virus in Kontakt kommen, sich infizieren, hoffentlich einen milden Verlauf bekommen, nur können die sich jetzt nicht auf Dauer darauf verlassen, dass ein deltaähnliches Virus, also ein ursprünglicher Serotyp, nicht auch wieder zurückkommt“, sagte er. „Damit müssen wir rechnen – und dass diese Personen dann im nächsten Winter dagegen keinen Schutz haben.“

„Es ist durchaus möglich, dass Delta wiederkommt“, sagt auch Virusevolutionsexperte Neher, „aber es gibt im Moment innerhalb von Delta keine Varianten, die besonders besorgniserregend sind.“ Bei der Delta-Variante muss vor allem eines berücksichtigt werden: Sie ist gefährlicher als Omikron. Das heißt: Sollte es unter Umständen doch zu einer erneuten Ausbreitung von Delta kommen, könnte es sein, dass wieder mehr Menschen schwer erkranken.

Dass genetische Veränderungen bei Delta auftreten, ist nicht ungewöhnlich. „Die Delta-Variante mutiert schon die ganze Zeit“, sagt Adam Grundhoff vom Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg im Gespräch mit dem RND. „Es gibt die ursprüngliche Delta-Variante nicht mehr. Alles, was wir sehen, ist bereits mutiert.“ Es seien inzwischen mehrere Subtypen von Delta entstanden mit Mutationen, die auch bei anderen Varianten wie Omikron nachgewiesen werden konnten, und die sich dennoch nicht durchsetzen konnten. „Deswegen mache ich mir derzeit eher keine Sorgen um ein mutiertes Delta“, so der Virologe.

Ende der Coronavirus-Varianten noch nicht erreicht

Szenario Nummer drei: Es könnte eine gänzlich neue Variante entstehen. „Sars-CoV-2 mutiert und dies ist normal“, stellte Virusevolutionsexperte Neher klar. Denn bei der Vermehrung des Erregers, bei der die Erbsubstanz tausende Male kopiert wird, kann es zu Kopierfehlern kommen. Gleichzeitig erhöht der steigende Grad an Immunität in der Bevölkerung den Selektionsdruck auf das Virus. Es muss sich besser anpassen, um seinen Wirt, den Menschen, weiterhin infizieren zu können.

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Zuletzt hatten Forscherinnen und Forscher des französischen Instituts IHU Méditerranée Infection in Marseille eine neue Corona-Variante entdeckt. Sie erhielt die Bezeichnung B.1.640.2. Die Virusvariante zeichnet sich durch 46 Mutationen aus. Davon betreffen allein 14 Veränderungen von Aminosäuren das Spikeprotein, mit dem sich das Coronavirus Zutritt zu den menschlichen Zellen verschafft. Anlass zur Sorge sieht die Weltgesundheitsorganisation derzeit aber nicht.

Neue Virusvarianten müssen nicht immer ein Sicherheitsrisiko darstellen. Denn nicht alle besitzen Eigenschaften, mit denen sie sich gegen ihre Vorgänger durchsetzen können. Klar ist aber: Omikron wird nicht die letzte Corona-Variante sein. Davon ist auch Bundesgesundheitsminister Lauterbach überzeugt. „Das halte ich für fast ausgeschlossen“, sagte er.

Auch Virologe Grundhoff rechnet damit, dass es weitere Virusvariante geben wird. „Die entscheidende Frage ist: Wie variabel ist das Coronavirus noch? Womit haben wir noch zu rechnen?“, sagte er. Ganz genau kann das kein Experte und keine Expertin voraussagen. Grundhoff machte jedoch deutlich: „Kein Virus kann machen, was es will.“ Verändere das Coronavirus seine Oberflächenstrukturen zu stark, könne dies nachteilige Folgen für die Übertragungsfähigkeit haben.

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Virologe: „Omikron ist nicht das Erlöservirus“

„Es ist im Moment am wahrscheinlichsten, dass wir mit Omikron einen endemischen Zustand erreichen“, so Grundhoff. Diese Virusvariante mache den Übergang zur Endemie zwar leichter, weil sie seltener zu schweren Krankheitsverläufen führt. „Aber schmerzlos ist der Weg deshalb nicht.“ Denn noch gebe es zu viele ungeimpfte Menschen in Deutschland, die gar keinen Schutz gegen das Coronavirus besitzen und deshalb unter Umständen doch schwer erkranken können. „Insofern ist Omikron nicht das Erlöservirus.“

„Der Übergang zu einem endemischen Zustand ist sicherlich holprig“, sagte auch Virusevolutionsexperte Neher, „aber nicht von der Variante abhängig, die sich am Ende durchsetzt.“ Irgendwann wird das Coronavirus in jedem Fall endemisch werden. Ob dies schon mit Omikron geschieht oder erst mit einer anderen Virusvariante bleibt abzuwarten. Wie der endemische Zustand am Ende aussieht, werde aber durchaus von der weiteren Entwicklung des Coronavirus abhängen, meint Neher.

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