„Schockbilder“ auf Schokolade und Alkohol – eine gute Idee?

An der HAW Hamburg wurde untersucht, ob Schockbilder auf der Verpackung vom Kauf von Schokolade abhalten könnten.

Fotos von Krebsgeschwüren und Raucherlungen, dazu Warnhinweise wie „Rauchen tötet“: Eine abschreckende Kennzeichnung ist bei Zigarettenschachteln und Tabak vorgeschrieben. Aber ließe sich damit auch der Verkauf von Süßigkeiten und Alkohol eindämmen? Das haben Studierende der Ökotrophologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) untersucht. Geleitet wurde die Studie von Stephan Meyerding, Professor für BWL, Konsum- und Marktforschung.

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Die Studierenden entwarfen zunächst Etiketten für Schokoladentafeln und Bierflaschen, die wie Zigarettenschachteln mit Fotos und Botschaften bedruckt waren. Die Botschaft der Bilder zielte darauf ab, die Gesundheitsgefahren, die soziale Unerwünschtheit des Konsums und negative Auswirkungen der Produkte auf das Aussehen zu betonen. Eine Schokolade zeigte zum Beispiel ein karieszerfressenes Gebiss, dazu den Slogan: „Schon das erste Stück Schokolade schadet ihrer Zahngesundheit.“ Ein anderes Foto zeigte eine halb nackte, stark adipöse Frau, dazu die Aufschrift: „Jede Tafel Schokolade bringt Sie diesem Körper näher“ und „Zucker kann süchtig machen“. Auf einem weiteren Bild war eine adipöse Frau zu sehen, auf die mit Fingern gezeigt wird. In der Onlinebefragung wurden dann 629 Personen Bilder verschiedener Packungsentwürfe von Zigaretten, Bierflaschen oder Schokolade vorgelegt, wobei die Preise variierten. Die Probandinnen und Probanden sollten daraufhin auswählen, welches Produkt sie am ehesten kaufen würden.

Aber ist die Abwertung adipöser Menschen durch „Schockbilder“ wirklich eine gute Idee, wenn es darum gehen soll, das Ernährungsverhalten zu beeinflussen? Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) hält in jedem Fall nichts davon, Schokoladentafeln und Bonbontüten mit abschreckenden Fotos zu bedrucken. „Die mögliche Einführung von ‚Schockbildern‘ mit unvorteilhaften Abbildungen von Menschen, die von starkem Übergewicht betroffen sind, wird unseres Wissens nach nicht ernsthaft diskutiert. Solche Abbildungen wären höchst problematisch, da sie die Stigmatisierung von Menschen mit Adipositas verstärken können“, sagt Oliver Huizinga, politischer Geschäftsführer der DAG.

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Studie zeigt nicht, ob Konsum wirklich eingedämmt würde

Tatsächlich konnte die Studie auch nicht zeigen, dass die Teilnehmenden allein wegen der Bilder auf den Kauf von Alkohol, Zigaretten oder Schokolade verzichten würden. Die Auswertung ergab zwar, dass sie eher Produkte ohne solche Bilder kaufen würden, selbst wenn diese etwas teurer waren. In der Studie konnten die Teilnehmenden aber wählen: Ob sie wirklich auf den Konsum von Alkohol, Zigaretten und Schokolade verzichten würden, wenn es ausschließlich mit Bildern versehene Produkte zu kaufen gäbe, ist eine andere Frage.

Studienleiter Meyerding hält abschreckende Texte und Bilder dennoch für eine reale Möglichkeit, um auch den Konsum von Süßigkeiten einzuschränken. Er sagt, er sei selbst früher Raucher gewesen und habe mit Übergewicht zu kämpfen gehabt. „Warnhinweise auf Zigaretten haben mich damals zwar nicht abgehalten“, sagt Meyerding. „Sie haben aber zu einer gesellschaftlichen Veränderung beigetragen. Rauchen wird nicht mehr als cool angesehen.“ Der Rauchstopp sei ihm mit dem Selbsthilfebuch „endlich Nichtraucher“ von Allen Carr gelungen. Vorstellen könnte er sich zudem Altersbeschränkungen beim Verkauf, ähnlich wie bei Zigaretten und Alkohol.

Nutri-Score ist besser geeignet

Die Adipositas Gesellschaft befürwortet bei Lebensmitteln sachliche Information. „Eine einfache, verständliche und intuitive Kennzeichnung auf der Verpackungsvorderseite kann dabei helfen, die gesündere Wahl zu treffen, das haben Studien vielfach gezeigt“, sagt Huizinga. Die Lebensmittelampel Nutri-Score sei auch der WHO-Krebsagentur IARC zufolge „das überlegene Kennzeichnungssystem“. Leider sei die Anwendung des Nutri-Scores in Deutschland bisher freiwillig. „Die Bundesregierung sollte sich auf EU-Ebene dafür starkmachen, dass der Nutri-Score verpflichtend eingeführt wird“, sagt Huizinga.

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Auch bei den Schockbildern auf Zigarettenschachteln lässt sich nur schwer sagen, wie groß ihr Effekt tatsächlich ist. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat internationale Studien dazu ausgewertet, wie sich die unschönen Fotos in verschiedenen Ländern auf den Tabakkonsum ausgewirkt hatten. Fast alle kamen zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich den Konsum zurückgehen ließen. Allerdings war es oft nicht möglich, die Wirkung der abschreckenden Fotos vom Effekt anderer Maßnahmen gegen das Rauchen zu trennen.

Ob eine Verringerung oder ein Beenden des Tabakkonsums ausschließlich den Bildern zugeordnet werden könne, sei in verschiedenen Studien untersucht worden, könne jedoch nicht abschließend beantwortet werden: „Hier könnten ebenso höhere Preise oder Steuern eine Rolle spielen“, heißt es in der Auswertung des Bundestages.

EU-Parlament hat gegen Warnhinweise auf Alkoholflaschen entschieden

In Kanada hatten Forschende der Universität Toronto untersucht, wie sich Warnhinweise auf den Verkauf von Alkohol auswirken. Sie versahen 300.000 Flaschen alkoholischer Getränke mit Etiketten in leuchtend gelber Farbe. Darauf war zum Beispiel angegeben, wie viele Gläser Alkohol ein Mann oder eine Frau pro Woche bei einem risikoarmen Konsum trinken dürfen, wie viele Gläser in einer Weinflache enthalten sind oder dass Alkohol Krebs auslösen kann.

Die Ergebnisse der Untersuchung wurden im „Journal of Studies on Alcohol and Drugs“ veröffentlicht. Dort, wo die etikettierten Flaschen angeboten wurden, ging der Gesamtalkoholverkauf um 6,9 Prozent zurück. Außerdem verbesserte sich bei Teilnehmenden, die in der entsprechenden Region einkauften, das Wissen über die Risiken des Alkoholkonsums und mehr Menschen kannten die Richtlinien zum risikoarmen Trinken.

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Verpflichtend wurde die Etikettierung aber nicht eingeführt. Auch in der EU ist in diesen Tagen erneut ein Vorstoß gescheitert, Alkoholflaschen mit Warnhinweisen zu versehen. Der Sonderausschuss zur Krebsbekämpfung des EU-Parlaments hatte gefordert, diese als Teil einer Gesamtstrategie im Kampf gegen Krebs in Europa einzuführen. Das EU-Parlament hatte sich in dieser Woche jedoch dagegen entschieden.

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