Kinder besonders betroffen

Schwere Grippe­welle: Jeder Zehnte leidet an akuten Atemwegs­erkrankungen

Ein kranker Junge liegt in seinem Bett. (Symbolbild)

Ein kranker Junge liegt in seinem Bett. (Symbolbild)

Die Zahl der akuten Atemwegs­­erkrankungen in Deutschland ist in dieser Woche nochmals deutlich gestiegen. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind aktuell mehr als acht Millionen Menschen erkrankt. Damit liegt die Zahl der Erkrankungen deutlich über dem Niveau der Vorjahre. Die häufigsten Gründe für Arzt­besuche sind laut dem jüngsten Bericht des RKI Influenza­viren, das Respiratorische Synzytial­virus (RSV) und zu einem geringeren Anteil das Corona­virus. Besonders betroffen sind demnach Kinder und junge Erwachsene.

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Laut RKI liegt die Gesamtrate der akuten Atemwegs­erkrankungen nun „deutlich über dem Bereich der Vorjahre zu dieser Zeit und hat damit das Niveau erreicht, das zum Höhe­punkt der schweren Grippe­welle in der Saison 2017/18 beobachtet wurde“. Damals gab es zuletzt eine schwere Grippewelle, in deren Verlauf rund 25.000 Menschen starben. Die Daten zeigen zudem, dass der Anstieg an Grippe­erkrankungen in der aktuellen Saison deutlich früher stattfindet als in den Jahren vor der Corona-Pandemie.

Vor allem Kinder und Jugendliche sind betroffen

Während die Zahlen für akute Atemwegs­erkrankungen bei den über 59-Jährigen aktuell stabil bleiben, haben sie bei Schul­kindern und jungen Erwachsenen deutlich zugenommen. Eine RSV-Infektions­welle trifft vor allem Klein­kinder unter vier Jahren. Die vielen Krankheits­fälle führen zu überfüllten Arzt­praxen und Kranken­häusern. So hat sich etwa in in Mecklenburg-Vorpommern die Zahl der Arzt­besuche laut Gesundheits­ministerin Stefanie Drese (SPD) fast verdoppelt.

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Die Corona-Pandemie hingegen ist auf den Intensiv­stationen der Kranken­häuser in Deutschland kaum noch relevant. Inzwischen mache der Anteil der Corona-Patientinnen und ‑Patienten auf den Intensiv­stationen weniger als 5 Prozent aus, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfall­medizin (Divi), Gernot Marx, am Freitag zum Abschluss des Jahres­kongresses der Organisation in Hamburg. „Es ist kein Vergleich zur Situation vor einem Jahr.“

Kinderkliniken am Limit

Dagegen kommen aktuell Kinder­kliniken und ‑praxen an ihre Grenzen. Die Divi sprach zuletzt von einer „katastrophalen Lage“ auf den Kinder­intensiv­stationen.

„Wir sind tagtäglich am Limit bei der Aufnahme von Patienten“, sagte Chefarzt Hans Kössel der Deutschen Presse-Agentur. Er leitet seit mehr als 20 Jahren die Klinik für Kinder- und Jugend­medizin am Klinikum Westbrandenburg in Brandenburg an der Havel. Zwei Drittel der Betten in seiner Kinder­klinik seien mit Patientinnen und Patienten mit schweren Atemwegs­infektionen belegt, sagte Kössel. Viele der behandelten Kinder bräuchten Sauerstoff. „Das ist nicht der Standard.“ Teils gebe es über Stunden keine freien Betten mehr.

Auch an der Kinder- und Jugend­klinik am Standort Potsdam hieß es: Bis zu 80 Prozent der Patientinnen und Patienten auf der Kinder­station seien aufgrund einer RSV-Infektion in Behandlung. Die hohe Belastung werde vermutlich bis in den Januar oder Februar anhalten.

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Die Berliner Charité hatte am Donnerstag angekündigt, angesichts der angespannten Situation ein Netzwerk für Kinder­medizin mit den anderen Kinder­kliniken Berlins einzurichten. „Auch wir müssen aus unserer Notaufnahme Kinder in andere Kliniken in Berlin und Brandenburg verlegen, was sich aufgrund der allgemein angespannten Situation jedoch oftmals schwierig gestaltet“, hieß es aus der Charité.

Auch in Nordrhein-Westfalen klagen viele Kinder­kliniken über eine starke Belastung aufgrund vermehrter Lungen­erkrankungen bei Kindern. Laut einem Sprecher der Düsseldorfer Universitäts­klinik sei man in Düsseldorf zum Teil „maximal ausgelastet“ und die Situation „maximal angespannt“.

„Ambulante und stationäre Versorgung ist für Kinder nicht mehr gesichert“

Kinder- und Jugend­ärzte sind ebenfalls von den vermehrten Erkrankungen betroffen. „Im ambulanten Bereich ist gerade „Land unter“, erklärte Michael Achenbach vom Berufs­verband Kinder- und Jugend­ärzte (BVKJ) in Westfalen-Lippe. Auch bei ihm dominierten RSV und Grippe, die wenigen Corona-Fälle, die Achenbach und seine Kollegen und Kolleginnen aktuell behandelten, liefen schon unter „ferner liefen“.

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Kinder- und Jugend­arzt Axel Gerschlauer vom BVKJ Nordrhein sieht derzeit zwei Probleme: Die verfrühte und ungewöhnlich starke Infektions­welle mit viralen Atemwegs­erkrankungen und einen politik­verschuldeten Mangel an pädiatrischen Krankenhaus­betten. Es sei frustrierend und mache wütend, dass die Warnungen aus der Branche jahrelang als das typische Arzt­gemecker abgetan worden sei, beklagte Gerschlauer. „So unglaublich das für Deutschland ist, aber die ambulante und stationäre Versorgung ist für Kinder nicht mehr gesichert.“

Lauterbach kündigt rasche Unterstützung für Kinderkliniken an

Bundes­gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat rasche Unterstützungs­maßnahmen für akut überlastete Kinder­kliniken angekündigt. Unter anderem soll Pflege­personal aus Erwachsenen- in Kinder­stationen verlegt werden.

Nach den Gesetzes­plänen der Bundes­regierung soll es außerdem für Kinder­kliniken in Deutschland in den Jahren 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro mehr geben. Zur Sicherung von Geburtshilfe­standorten sind es jeweils 120 Millionen Euro mehr. Die Finanzierung soll auch unabhängiger von der jetzigen leistungs­orientierten Logik werden.

RND/dpa/ar

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