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Wie die Corona-Pandemie den Alltag psychosomatisch Erkrankter und ihre Therapie verändert hat

Masken verdecken einen Großteil des Gesichts. Gefühle lassen sich für das Gegenüber deshalb schwieriger lesen.

Berlin. Abstand halten und Maske tragen sind auch beim Arztbesuch Pflicht. An die Corona-Regeln sollten sich mittlerweile die meisten Menschen gewöhnt haben – und doch kann es sich seltsam anfühlen, wenn der Therapeut zwei Meter entfernt sitzt oder die Mimik der Ärztin wegen der Maske kaum zu erkennen ist. Wie wirken sich solche Schutzmaßnahmen auf den Fachbereich der Psychosomatik aus, der sich mit dem Zusammenspiel von Körper und Psyche beschäftigt? Das weiß Alexander Kugelstadt, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik des Zentrums für ambulante Rehabilitation (ZAR) in Berlin-Spandau.

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Dem Einen wird vor Aufregung übel, der andere bekommt vor Angst Magenschmerzen. Solche typischen psychosomatischen Symptome kennt jeder aus dem Alltag. Bei manchen Menschen werden sie aber pathologisch, also krankhaft, und schränken den Alltag der Betroffenen stark ein. Psychosomatische Symptome stehen oft für etwas „was ich gerade nicht ausdrücken oder durchsetzen kann“, erklärt Kugelstadt. Im Interview spricht er darüber, wie die Corona-Pandemie seinen Arbeitsalltag verändert hat. Außerdem erklärt er, warum Therapie aktuell genauso gut funktioniert und wieso neben dem wichtigen Infektionsschutz die psychischen und sozialen Komponenten nicht vernachlässigt werden dürfen.

Herr Kugelstadt, wie hat die Corona-Pandemie Ihren Arbeitsalltag verändert?

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Was mir immer noch auffällt: Man kann den Menschen nicht mehr so leicht ein Lächeln schenken. Die Maske verdeckt die Mimik. Ich achte deshalb gegenüber Patientinnen und Patienten mehr auf meine Körpersprache und wähle meine Worte mit noch mehr Bedacht. In unserem Rehazentrum in Berlin herrscht für alle eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken. Diese werden auch in den Therapiegesprächen aufgelassen. Wir führen natürlich noch andere Schutzmaßnahmen wie Lüften, Abstand halten und tägliche Tests durch.

Alexander Kugelstadt ist für Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er leitet die Abteilung für Psychosomatik des Zentrums für ambulante Rehabilitation (ZAR) in Berlin-Spandau. Außerdem hat Kugelstadt das Sachbuch „Dann ist das wohl psychosomatisch!“ geschrieben. Gemeinsam mit dem Arzt Jan Dreher spricht er im Podcast „Psychcast“ regelmäßig über die Gesundheit der menschlichen Psyche.

Alexander Kugelstadt ist für Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er leitet die Abteilung für Psychosomatik des Zentrums für ambulante Rehabilitation (ZAR) in Berlin-Spandau. Außerdem hat Kugelstadt das Sachbuch „Dann ist das wohl psychosomatisch!“ geschrieben. Gemeinsam mit dem Arzt Jan Dreher spricht er im Podcast „Psychcast“ regelmäßig über die Gesundheit der menschlichen Psyche.

Was machen Sie, um auch mit den Corona-Schutzmaßnahmen erfolgreich zu therapieren?

Ich achte noch viel mehr darauf, wie ich etwas sage und was ich sage. Statt mit der Mimik versuche ich über meine Sprachmelodie auszudrücken, wie ich dem Patienten oder der Patientin gegenüber empfinde. Weil ein großer Teil der Mimik fehlt, tauschen wir uns noch mehr über die Sprache aus. Ich kann nicht sagen, dass Behandlungen mit Corona-Schutzmaßnahmen weniger wirksam wären. Im Gegenteil: Die Patientinnen und Patienten sind erleichtert darüber, ihre Krankheitsdynamik auch während der Pandemie in Angriff nehmen zu können. Man darf nicht vergessen: Auch psychische Erkrankungen können negative Verläufe nehmen sowie Leib und Leben bedrohen.

Aber schaffen Abstand oder Maske nicht eine Barriere, die hinderlich bei der Therapie sein kann?

Es ist schon so, dass die genannten Barrieren prinzipiell den Kontakt untereinander und eine gewisse Nähe erschweren können. Gleichzeitig kann man anhand dieser notwendigen Einschränkung üben und lernen, Barrieren zu überwinden – nichts anderes wollen die Bausteine einer psychosomatischen Behandlung sowieso bewirken. Der Sport- und Bewegungsanteil findet jetzt soweit möglich draußen statt. Um unseren neuen, großen Kunsttherapieraum zu bekommen, der Abstände entspannt ermöglicht, haben wir mehrere kleinere Räume zusammenlegen lassen, und Entspannungsübungen und Seminare finden zeitweise in kleineren Runden statt.

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In den Psychotherapiegruppen können Patientinnen und Patienten ausprobieren, wirklich einmal zu spüren und auszudrücken, wie sich die jeweilige Corona-Lage oder aber die Abstände auf das eigene Gemüt auswirken, was ein gesundes Selbstverständnis fördert. Das ist therapeutische Arbeit im Hier und Jetzt, wie wir sagen, also an den ganz konkreten, realen Problemen.

Sich in eine psychosomatische Behandlung zu begeben fällt einigen Menschen auch ohne Pandemie schon schwer. Wie ist es jetzt?

Die Symptome stehen für etwas, was ich gerade nicht ausdrücken kann.

Zum Einen spielt die ganz reale Angst vor der Infektion mit dem Coronavirus eine Rolle. Zum anderen: Psychosomatische Erkrankungen haben manchmal mit einem gewissen Autonomieverlust zu tun. Die Symptome stehen für etwas, was ich gerade nicht ausdrücken oder durchsetzen kann. Manche der Betroffenen reagieren deshalb auch empfindlich auf Vorgaben und Regeln, wie das Tragen von Masken. Das Spannende daran ist: Regeln, die in der Gesellschaft verbindlich sind, gab es ja schon immer. Man kann in der Therapie schauen, was steckt eigentlich dahinter? Vor meinem eigenen Hintergrund, warum fällt mir das Akzeptieren dieser Regeln eigentlich so schwer?

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Und dann?

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Den Patientinnen und Patienten fällt es danach vielleicht leichter, zu sagen: Okay, ich kann mich an die Regeln halten und dabei trotzdem meine Autonomie bewahren – oder Autonomie in anderen Feldern zurückgewinnen. Diese scheinbare Einschränkung von Autonomie, die wir momentan erleben, beschäftigt viele. Wenn man sich damit aber wohlwollend in der Therapie beschäftigt, ist es danach vielleicht gar nicht mehr so beängstigend.

Wie erschweren Corona-Maßnahmen den Alltag speziell von psychisch Erkrankten?

Es ist natürlich frustrierend, dass es noch immer so viele Beschränkungen gibt, auch wenn sie notwendig sind. Gerade, wenn man in einer Lebensphase steckt, in der man sich aus Beschränkungen herauskämpft, die vielleicht andere Ursachen haben. Manche Corona-Schutzmaßnahmen unterstützen auch Krankheitsmechanismen. Wer Angst hat, unter Menschen zu sein, kann das nun mit dem notwendigen Beschränken von Kontakten begründen. Erfahrungen mit Nähe und Distanz zu machen ist aktuell schwieriger, genauso wie zu üben, sich unter Menschen selbst zu beruhigen und in solchen Situationen Selbstfürsorge zu betreiben.

Gibt es auch Krankheitsbilder, die sich unter den aktuellen Bedingungen verbessern?

Na ja, wenn jemand zwanghaft auf Hygiene achtet, sich oft die Hände wäscht und damit vorher eher angeeckt ist, dann steht die Person jetzt natürlich schon ein bisschen mehr in der Mitte der Gesellschaft. Solche Menschen haben vielleicht ein wenig an Selbstbewusstsein gewonnen. Aber ich denke, insgesamt fördern die Maßnahmen die Abwehr. Prognostiker vermuten, dass wir die Auswirkungen erst so richtig sehen werden, wenn die Corona-Regeln aufgehoben werden. Denken wir etwa an Menschen, die arbeitslos sind: Momentan werden sie eher verschont, Umschulungen oder Maßnahmen sind schwierig umzusetzen. Manche dieser Menschen sind am Ende der Pandemie zwei oder drei Jahre in der Vermeidung geblieben. Die Hürde und die Angst, in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen, werden in dieser Zeit gewachsen sein.

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Wie findet man das richtige Gleichgewicht zwischen Infektionsschutz und Psychohygiene?

Viele Menschen verlieren momentan die seelische Dimension aus den Augen.

Viele Menschen neigen momentan dazu, verstärkt auf das Corona-Infektionsrisiko zu gucken und weniger auf emotionale Bedürfnisse. Sie verlieren die seelische Dimension aus den Augen. Wer seine engsten Bezugspersonen nicht mehr in der Realität trifft, fährt damit langfristig vielleicht gesundheitlich ungünstiger durch die Isolation. In der Psychosomatik arbeiten wir mit dem biopsychosozialen Modell. Das heißt: Wir betrachten den Menschen auf drei Ebenen, die miteinander verzahnt sind.

Können Sie die einzelnen Ebenen genauer erklären?

Die biologische Ebene umfasst alles, was wir klassischerweise aus der Medizin kennen: zum Beispiel Organe, deren Fehlfunktionen und Hormone. Die psychische Ebene beschäftigt sich mit unseren psychischen Bedürfnissen, etwa nach Nähe oder nach Anerkennung, nach Kontrolle oder nach Freiheit. Die soziale Ebene dreht sich um das soziale System, in dem wir uns bewegen. Woher kriegen wir Geld? Welche Menschen unterstützen uns? Wie wohnen wir? Eben die ganze Umwelt um uns herum.

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Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Modell und der Pandemie?

Unsere Medizin, auch jetzt in der Pandemie, beschäftigt sich vor allem mit der biologischen Ebene. Wir vermeiden den Kontakt mit dem Coronavirus – und das ist auch super sinnvoll. Doch die anderen beiden Ebenen existieren die ganze Zeit ebenfalls und sind wichtig. Denn: Krankheiten können nach dem biopsychosozialen Modell durch Störungen auf allen dieser Ebenen ausgelöst werden.

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