Konfliktbeladener Mikrokosmos

Kulturkampf auf der Liegewiese: Doris Dörries Kinokomödie „Freibad“

Mindestabstand bitte einhalten: Julia Jendroßek (rechts) als Paula und Nilam Farooq als Yasemin im Film „Freibad".

Mindestabstand bitte einhalten: Julia Jendroßek (rechts) als Paula und Nilam Farooq als Yasemin im Film „Freibad".

Der Geruch nach Sonnenmilch, Chlor und nicht mehr ganz so frischem Pommesfett: So dürften sich viele an sonnensatte Kindheitstage im Freibad erinnern, das Ganze unterlegt mit einem – seltsamerweise einschläfernden – Lärmpegel voller Gekreisch, Radiogedudel und dem Platschen nach einer gelungenen Arschbombe. Kurz darauf dringt das schrille Pfeifen eines strengen Schwimmmeisters durch den Geräuschebrei. Irgendwas vergessen?

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Vielleicht ging es auf der Liegewiese und im Becken gar nicht so friedlich und entspannend zu, wie es im Rückblick erscheint. Vielleicht ist das Freibad auch heute noch ein Soziotop mit strengen Regeln, in dem sich gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln. Die oberste Verhaltensregel lautet: sehen und gesehen werden. Jeder urteilt über den Körper des anderen, und die meisten sind mit dem eigenen nicht wirklich zufrieden. Das gilt sogar dann, wenn Frauen unter sich und keine Männer zugegen sind.

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In Freiburg gibt es das einzige Frauenschwimmbad Deutschlands. Von den Geschehnissen dort hat sich Regisseurin Doris Dörrie bei ihrer Komödie „Freibad“ inspirieren lassen. 2017 schlugen im Lorettobad die Wellen hoch, als ein männlicher Bademeister engagiert wurde. Bei Dörrie ist aber schon zuvor einiges los. Solidarität unter Frauen? Nicht die Spur.

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Die schönsten Plätze mit Liege und Schirm haben sich die beiden kratzbürstigen Diven Eva (Andrea Sawatzki) und Gabi (Maria Happel) gesichert. Ruhe haben sie dort nicht und geben sie auch nicht: Sie liegen im Dauerclinch mit dem Grüpplein türkischstämmiger Frauen, die mit ihrem Grill für ordentliche Nebelschwaden auf der Liegewiese sorgen.

Die Toleranz kennt offenbar Grenzen gerade bei jenen, die sich für besonders tolerant halten. Die Bademeisterin schließt lieber die Augen, als dass sie den Culture Clash schlichtet – erst recht, als auch noch eine Horde steinreicher Burkini-Araberinnen im Freibad einfällt. Wer darf denn nun mit welcher Bekleidung ins Wasser?

All diese Konflikte mögen der Wirklichkeit abgeschaut und fili­gran ineinander verschachtelt sein, aber Schwung nimmt die Komödie beim Austausch von Beleidigungen bis hin zu derben Handgreiflichkeiten nur langsam auf. Daran ändert sich ein wenig, als ein männlicher Bademeister den Platz auf dem Hochsitz am Beckenrand einnimmt. Nils (Samuel Schneider) ist für die eine Hälfte der Besucherinnen offenbar ein Objekt der Begierde (etwa für Nilam Farooq), für die anderen ein Ärgernis. Sind Männer für Frauen tatsächlich immer noch so wichtig?

Dörrie arbeitet sich mit viel Spaß durch Klischees und Vorurteile. Quietschebunt drapiert sie ihr Freibad mit einer wachsenden Zahl von Plastikgetier. Die pädagogische Botschaft dringt aber hin und wieder durch: Akzeptiere die anderen und mehr noch dich selbst. Im Freibad lässt sich das lernen.

„Freibad“, Regie: Doris Dörrie, mit Andrea Sawatzki, Maria Happel, Nilam Farooq, 101 Minuten, FSK 12

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