Ein „Parsifal“ mit wilden Assoziationen

Der „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen: klare Musik, unklare Inszenierung.

Der „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen: klare Musik, unklare Inszenierung.

, , , Bayreuth. Sphärisches Vibirieren, die Geigen schwingen sich in fast erhabene Ruhe: Die ersten Takte verlautbaren bereits: Hier passiert etwas Außergewöhnliches. Den „Parsifal“ der Bayreuther Festspiele dirigiert in diesem Jahr Wagner-Experte Hartmut Haenchen – dieses Mal so richtig. Tatsächlich war es der bislang letzte Skandal der Bayreuther Festspiele, die dieses Mal skandalfrei verliefen. Im vergangenen Jahr war Andris Nelsons zwei Wochen vor der Parsifal-Premiere aufgrund von „Unstimmigkeiten“ abgesprungen. Haenchen übernahm spontan. Nun ist Bayreuth nach eigenen Angaben sein neunter Parsifal, er wusste, worauf er sich einließ – und brachte sein eigenes Notenmaterial mit. Hatten die Musiker damals gerade einmal zwölf Tage Zeit, dieses einzustudieren – mit schon damals viel Lob von Publikum und Presse – so ist es in diesem Jahr umso mehr gefestigt: einleuchtend prägnant mit einer farbenreichen Dynamik und einem zügigen Tempo – mit drei Stunden und 55 Minuten fast eine Stunde schneller als die berühmte, weil eben auch längste Einspielung von Toscanini.

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Eingespielte Videos als billige Effekte

So klar die musikalische Darbietung ist, so unklar ist bisweilen die Inszenierung. Uwe Eric Laufenberg hat hier etwas fortgeführt, das er eigentlich für die Kölner Oper geplant hatte. Und das merkt man dem Bühnenbild an: Wie bedauerlich, dass Regisseur und Bühnenbildner Erich Jäkel nicht die Möglichkeiten jener außergewöhnlichen Bühne ausschöpfen, sondern statisch bleiben. Die von Wagner intendierten Szenenwechsel im ersten und zweiten Akt fallen gänzlich weg. Überflüssig sind auch zwei eingespielte Videos auf dem Niveau von Google Earth, das sind arg billige Effekte.

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Laufenbergs Parsifal ist realistisch, jegliche Transzendenz eines Bühnenweihfestspiels muss weichen. Das Hier und Jetzt sind die Kriegswirren in Syrien, in der Anfangsszene zeigt sich kein lichter Wald, sondern eine Kirche mit Betten für Flüchtlinge. Zuweilen stürmen Soldaten die Bühne, Parsifal selbst tritt im zweiten Akt als einer auf, im dritten dann, vermutlich als Erhöhung, zu einer schwarz gekleideten Spezialeinheit.

Sammelsurium religiöser Assoziationen

Vor allem die anscheinend wahllos kombinierten Symbole lösen Irritation aus, der mythologische Stoff wird zu einem Sammelsurium religiöser Assoziationen. So zeigt sich Amfortas als Jesus mit Dornenkrone, das Blut seiner verfluchten, nicht heilenden Wunde wird mit einem Kelch abgefangen, aus dem dann alle trinken – die Eucharistie wird zum unappetitlichen Kannibalismus. Nur was ist dann mit dem ursprünglichen Jesus, der für die Vorgeschichte um den Gral unentbehrlich ist? Mit derart schiefen Bildern geht es weiter: Klingsor betet zunächst auf einem Teppich gen Osten, frönt wiederum seiner Kruzifix-Sammlung und geißelt sich als Flagellant. Das ist wenig konsistent. Der zweite Akt spielt in einer Mischung aus Haram und Haren, die Blumenmädchen, die erst vollverschleiert in Burkas auftreten, wechseln alsbald zu freizügigeren Gewändern. Doch verführt wird Parsifal von Kundry – einer stimmgewaltigen Elena Pankratova, die von den Klagen bis zu den lyrischen Tönen eine sinnliche Figur zeigt.

Es sind wilde Assoziationen, wie ein als Penis geformtes Kreuz (Sexualkritik?), eine Regenwalddusche, in der drei nackte Mädchen tanzen (Die drei Grazien?) und es sind Elemente wie eine dunkelhäutige Figur im blauen Overall, die während des gesamten Werks regungslos in der Kuppel sitzt, die nicht abschließend erklärt werden, funktionslos bleiben.

Erlösung dem Erlöser

Schlüssig wird nur das letzte Bild, in der ein fulminant singender Männerchor von Rosenkranz bis zum siebenarmigen Leuchter religiöse Requisiten in das Grab Titurels wirft, woraufhin ein gleißendes Licht den Bühnenraum einnimmt. Alle Religionen werden hier verabschiedet. Der Wagnersche Anspruch, dass die Kunst „den Kern der Religion“ retten soll, wird Laufenberg mit dieser Szene gerecht: „Erlösung dem Erlöser“.

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Die lückenhafte Regie wird jedoch durch glänzende Sänger wettgemacht. Andreas Schager singt einen soliden Parsifal (Klaus Florian Vogt wechselte in diesem Jahr zu den „Meistersingern“) und erschüttert bis ins Mark nach dem Erkenntnis-Kuss mit Kundry. Ein sanglicher Glanz mit viel stimmlicher Farbe ist mit Georg Zeppenfeld als Gurnemanz auf der Bühne; er wird mit vehementen Bravo-Rufen dafür belohnt. Ein zwölfminütiger Applaus honoriert vor allem die Leistung der Sänger, des Chors und eben des Dirigenten Hartmut Haenchen. Es ist bedauerlich, dass er nur noch in diesem Jahr dirigiert – im nächsten soll ihn Semyon Bychkow ablösen.

Von Katharina Derlin

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