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Jazz gegen Hass – Saxofonist Emil Mangelsdorff stirbt mit 96 Jahren

Jazzlegende: Am Donnerstag starb der Saxofonist Emil Mangelsdorff in Frankfurt.

Er liebte viele Musiken, aber eine gab es doch, die der schon am Donnerstag im Alter von 96 Jahren verstorbene Jazzer Emil Mangelsdorff zutiefst verabscheute. 2007, bei einer Kundgebung des Römerbergbündnisses „für ein weltoffenes Frankfurt“, sprach der Musiker vor Vertretern der beiden christlichen Kirchen, der Jüdischen Gemeinde, der Jugend und der Wirtschaft aus, was er von den Hasstexten rechtsextremer Rockbands hielt. „Eine Form von Körperverletzung“ sei das doch wohl eher als Musik, was die NPD damals im CD-Format an Schüler verschenkte, um so nach der Jugend auszugreifen. In Anwesenheit aller demokratischen Parteien der Stadt protestierte Mangelsdorff gegen Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. 82 Jahre war er damals alt.

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Und hatte ja am eigenen Leib erfahren, was die Nationalsozialisten mit der weltoffenen Jazzmusik angestellt hatten. Frankfurt war eins der Swingzentren Deutschlands gewesen, die temperamentvolle Tanzmusik aus Amerika war jedoch mit Beginn des Dritten Reichs als „undeutsch“ verrufen und wurde verboten. Emil Mangelsdorff, drei Jahre älterer Bruder des später weltbekannten, 2005 verstorbenen Posaunisten Albert Mangelsdorff, war nun aber ein Swing-Kid durch und durch, dem Drive der Musik aus der neuen Welt, ihrem synkopierten Viervierteltakt hoffnungslos erlegen. Er hatte schon als Kind auf dem Akkordeon gejazzt und hasste die bornierten Nazis von Herzen – die Allesgleichschalter mit ihrer Vorliebe für heimelige Klangwelten und für den Marsch, die Kriegermusik.

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In Hinterzimmern von Kneipen und Hotels machte die Frankfurter Swing-Jugend der Hotclub Combo dennoch ihr Ding – verwandelte W. C. Handys „St. Louis Blues“ in eine „Ludwig-Serenade“, aus dem „Tiger Rag“ der Original Dixieland Jass Band wurde eine „Löwenjagd im Taunus“. Man versuchte, das Dritte Reich auszublenden und zu übertölpeln, fühlte sich jung, frei, unbesiegbar.

1949 kehrte Mangelsdorff aus der Kriegsgefangenschaft zurück

Und zog doch den Kürzeren. Emil Mangelsdorff wurde verhaftet, wurde 1944 an die Ostfront geschickt und geriet in Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1949 wieder zurückkehrte. Immer noch war für ihn bei seinem Neuanfang Swing das Ding. Doch der Bebop von Charlie Parker und Co., die Urform des Modern Jazz, hatte die Frankfurter Musikszene längst im Griff, und die Avantgarde wandte sich in den letzten Tagen der Vierzigerjahre bereits dem Cool Jazz zu, dem noch ungezwungeneren Sound von Miles Davis, Gil Evans und Lennie Tristano.

Emil Mangelsdorff öffnete sein Ohr den neuen Klängen, blieb zugleich den alten verhaftet und argumentierte für Duke Ellington, Count Basie und die Bands der Swing-Ära, weil man ja auch die großen abendländischen Komponisten nicht vergessen oder verworfen habe. Alles müsse Geltung haben, so sein Credo, und nachdem er bewahrendes Element in den Combos von Joe Klimm oder von Cool-Jazz-Pianistin Jutta Hipp gewesen war, bestand er mit seiner Band Swinging Oildrops noch 1966 auf einem swingenden Rhythmus, als der Free Jazz alle Ketten löste.

Auf seinem ersten Instrument, der Klarinette, und dann auf dem Altsaxofon wurde Emil Mangelsdorff als Meister der Jazzballade bekannt, der im Improvisieren die Schönheit der Stücke ausstellte und selbst im Lauf der Jahrzehnte vermeintlich Totgedudeltes spannend gestaltete. Lee Konitz besuchte ihn in Frankfurt, er jammte mit Charles Mingus in New York. Und ohne Musik ging für ihn nichts. Konzerte gab Mangelsdorff noch im Vorjahr im Frankfurter Holzhausenschlösschen. Dank täglichen Trainings hatte er immer noch Puste.

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Emil Mangelsdorff trat leidenschaftlich für die Demokratie ein

Als „Radikaldemokrat“ sah Mangelsdorff sich. Und besuchte immer wieder Schulklassen – oft gemeinsam mit seinem Freund, dem Konzertveranstalter Fritz Rau –, um dort den Schülerinnen und Schülern aus seinen Erinnerungen heraus zu verdeutlichen, was Diktatur bedeutet, wie die Nazis Kultur zerstörten, Menschen verachteten und vernichteten. In vielen Trauerworten wird er auch für diesen Einsatz gewürdigt. Einen „Zeitzeugen der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte“ nannte ihn etwa der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, der „wertvolle Erinnerungsarbeit geleistet“ habe.

Auch damals, am Ende der Kundgebung auf dem Römerberg, nachdem er der NPD und dem Rechtsrock die Leviten gelesen hatte, griff Mangelsdorff zu seinem Saxofon. Er spielte für Einigkeit und Recht und Freiheit, dafür, dass niemand je mehr in seinem Land je Musik verbieten und Menschen wegen Musik oder aus irgendeinem anderen Grund verfolgen würde. Ein Jazzer gegen Hass – so bleibt er in Erinnerung.

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